„For the Drama“ – neu in der ARD-Mediathek Rosenkrieg an der Staatsoper

Rosa (Marie Nasemann) und Gabriel (Eidin Jalali) sind die Zweitbesetzung in der „Fledermaus“ – und sie stecken in einer tiefen Beziehungskrise. Foto: ARD/Brenner&Mai Film

Die dreiteilige „Real Life“-Serie „For the Drama“ ist ein reizvolles Experiment: Das Beziehungsdrama ist während der Proben für „Die Fledermaus“ entstanden und gibt Einblicke hinter die Kulissen. Zu sehen ab diesem Donnerstag in der ARD-Mediathek und am 29.6. auf 3 Sat (21.55 Uhr).

Ein einziger Schnitt markiert den Unterschied zwischen Komödie und Drama. Ein Mann rutscht auf einer Bananenschale aus und fällt in eine Grube: Das ist witzig; bis die Kamera die blutigen Folgen des Sturzes zeigt. Die dreiteilige Serie „For the Drama“ beginnt ganz ähnlich. Zufällig hört ein Mann, wie eine Frau hinter einer verschlossenen Tür lustvolle Befriedigung erfährt. Das ist witzig; bis die Tür aufgeht und seine Freundin rauskommt. Fortan weidet sich die Kamera förmlich daran, das Leid dieses Mannes vorzuführen: Gabriel (Eidin Jalali) wollte Rosa (Marie Nasemann) just an diesem Tag einen Antrag machen, sein Freund Alfred (Wilson Gonzalez Ochsenknecht) hat ihm einen Verlobungsring besorgt; das hat sich nun erledigt, zumal das Schmuckstück kurz drauf infolge eines Wutausbruchs im Pissoir   versinkt.

 

Ein komisches Beziehungsdrama

Das klingt nach einem ganz normalen Beziehungsdrama mit komischem Potenzial, und mehr ist es im Grunde auch nicht. Zu einer dennoch äußerst ungewöhnlichen Produktion wird die insgesamt knapp neunzig Minuten lange Serie durch den Schauplatz und die Mitwirkenden jenseits der zentralen Figuren: „For the Drama“ ist während der echten Vorbereitungen für eine Neuaufführung der Johann-Strauss-Operette „Die Fledermaus“ in der Bayrischen Staatsoper gedreht worden. Gabriel und Rosa sind die Zweitbesetzung für die beiden Hauptrollen, stehen während der Proben entsprechend weniger oft auf der Bühne und haben daher genug Zeit, um an ihrer bloß noch aus Bruchstücken bestehenden Beziehungskiste herumzuzimmern.

Ehrgeiziger als der Freund

Damit diese Aufgabe noch ein bisschen schwieriger wird, haben sich David L. Brenner und Kristian Wolff (Idee und Drehbuch) ein paar zusätzliche Herausforderungen einfallen lassen: Rosa, eindeutig ehrgeiziger als ihr Freund, hat sich am Sydney Opera House beworben und dort ein Engagement für die kommenden zwei Jahre bekommen. Bereits in sechs Wochen beginnen die Proben für Mozarts „Zauberflöte“, sie wird die Königin der Nacht singen. Allerdings hat sich etwas ereignet, das sowohl die Karrierepläne durchkreuzen wie auch den Beziehungsstatus gravierend verändern könnte. Und dann ist da ja noch die Frage, wer sich eigentlich hinter der Affäre verbirgt, der sie aktuell frönt.

Streckenweise improvisiert

Die streckenweise improvisierte Serie ist im Auftrag von ARD Kultur entstanden und trägt das Etikett „Real-Life-Fiction“. Tatsächlich erweisen sich die drei Folgen als gänzlich neue Form des Dokudramas: Regisseur Ingo J. Biermann mischt Spielszenen mit dokumentarischen Elementen, die jedoch Teil der Handlung sind, weil sich Eidin Jalali und Marie Nasemann im Rahmen ihrer Rollen mit den führenden Köpfen der Staatsoper unterhalten, darunter auch Intendant Serge Dorny. Das ist gleich doppelt reizvoll, weil Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski die Zusammenarbeit zwischen ihm selbst als Dirigent und dem Regisseur (Barrie Kosky) mit einer Beziehung vergleicht: Man müsse nicht in allen Punkten übereinstimmen, solange man ein gemeinsames Ziel habe; das Schlimmste für alle Beteiligten sei ein Rosenkrieg. Darüber hinaus geht es in der „Fledermaus“ um ganz ähnliche Motive wie in der Handlung der Serie: enttäuschte Liebe und Rache. Gleich mehrfach versuchen Gabriel und Rosa einen neuen Anlauf, aber die Gespräche scheitern regelmäßig, weil ihnen das Drehbuch zwischenzeitlich neue Steine in den Weg gelegt hat. Die Namen der vergeblich Liebenden sind selbstredend kein Zufall: Die Operettenhauptfigur heißt Gabriel, seine Gattin Rosalinde, ihr einstiger Verehrer Alfred.

Spannende Einblicke

Dokumentarisch und nicht minder spannend sind die Blicke hinter die Kulissen, weil die Kamera (Nina Wesemann, Chris Hirschhäuser) zwischendurch immer wieder ausgiebig durch die Räumlichkeiten der Staatsoper streift und den Kulissenbauern bei der Arbeit zuschaut. Die Aufnahmen von den Proben sind ähnlich interessant, und das keineswegs nur für Freundinnen und Freunde der Operette, selbst wenn Biermann natürlich viel Musik aus der „Fledermaus“ verwendet hat. Darstellerisch ist „For the Drama“ gleichfalls sehenswert, allerdings müssen sich Jalali und Nasemann diese Meriten mit Vivien König teilen: Sie spielt als Assistentin des Regisseurs nicht nur in der Rahmenhandlung eine entscheidende Rolle und hat kürzlich nach der heiteren „Inga Lindström“-Romanze „Die vergessene Hochzeit“ auch in einer „Marie Brand“-Episode („Marie Brand und die verfolgte Braut“, beide 2024) gezeigt, dass von ihr noch viel zu sehen sein wird.

„For the Drama“ ist ab diesem Donnerstag in der Mediathek der ARD zu sehen und am 29. Juni (21.55 Uhr) auf 3 Sat.

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