Forderung nach mehr Meisterberufen Das Handwerk muss mehr bieten

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Der goldene Boden bröckelt – auch weil zu viele Mitarbeiter wieder gehen, meint Ulrich Schreyer. Die Ausdehnung der Meisterpflicht allein wird nicht reichen, um das Handwerk als Arbeitsplatz attraktiver zu machen.

Immer nur Bohren reicht dem Nachwuchs im Handwerk nicht. Die jungen Mitarbeiter wollen Perspektiven haben und eine gute Bezahlung.Foto: dpa

Stuttgart - Handwerk hat goldenen Boden. Die Stimmung in der Branche jedenfalls ist so gut, wie schon lange nicht mehr. Abgesehen vom Kraftfahrzeuggewerbe, das unter der Diskussion um die Dieselnachrüstung leidet, sind durch die Bank fast alle Handwerkszweige höchst zufrieden. Am besten ist die Stimmung am Bau, doch auch sonst sind keine Klagelieder zu hören. Die Geschäfte gehen gut – und ein Großteil der Unternehmen rechnet sogar damit, sie könnten in den nächsten Monaten noch besser werden. Doch dass es bei den Handwerkern zwischen Kiel und Konstanz läuft wie geschmiert, hat auch seine Schattenseiten. Kunden müssen mit längeren Wartezeiten und höheren Preisen rechnen. Aber auch für das Handwerk selbst ist der sprichwörtliche goldene Boden, der augenblicklich so schön glänzt, keine Garantie für die Zukunft.

Facharbeiter und Lehrlinge werden immer knapper

Im Gegenteil: Die boomende Konjunktur führt dazu, dass Facharbeiter und Lehrlinge immer knapper werden. Wenig Wunder, dass die Handwerksfunktionäre nun darauf verweisen, man müsse eben für mehr Berufe wieder die Pflicht zur Ablegung einer Meisterprüfung einführen. Und mit dem Berliner Koalitionsvertrag haben sie zudem ein Dokument in der Hand, das sie in der kommenden politischen Auseinandersetzung um eine Erweiterung der Meisterpflicht schwenken können. Als diese mit der Novellierung der Handwerksordnung 2004 für viele Berufe abgeschafft wurde, sah die Lage noch anders aus: Damals sollte auch mit Neugründungen im Handwerk die hohe Arbeitslosigkeit bekämpft werden. Inzwischen aber ist der Mangel an Fachkräften das Problem Nummer eins auf dem Arbeitsmarkt.

Die Quote der Berufsaussteiger ist hoch

Der Hinweis der Handwerksorganisationen, Betriebe mit einem Meister an der Spitze würden weit mehr junge Leute ausbilden als der viel zitierte Fliesenleger, der mit nur wenigen Mitarbeitern und oft ganz alleine vor sich hin werkelt, ist denn auch ernst zu nehmen. Rund 90 Prozent aller Azubis kommen aus Betrieben, für die auch heute noch die Meisterpflicht gilt – eine durchaus beeindruckende Zahl und aus Sicht des Handwerks auch eines der besten Argumente für eine Ausdehnung der Meisterpflicht. Ein anderes ist die künftig geforderte höhere Qualität bei handwerklichen Leistungen.

Doch die Meisterpflicht wieder in mehr Bereichen einzuführen, wird nicht ausreichen. Irgendwo müssen die jungen Leute schließlich herkommen, die neue Meister dann so gerne ausbilden möchten. Und es gibt neben dem Hinweis auf die hohe Ausbildungsquote eben auch noch eine andere Zahl – und diese ist mehr als bedenklich: Etwa zwei Drittel all derer, die jemals im Handwerk ausgebildet wurden, bleiben nicht dort, sondern suchen sich im Laufe ihres Berufslebens eine neue Perspektive. Auch Meisterbetriebe werden verlassen.

Muss vor allem die Bezahlung besser sein?

Gerade in einer Region wie Stuttgart, in der auch die Industrie händeringend nach Fachkräften ruft, muss sich das Handwerk mehr einfallen lassen als nur die Ausdehnung der Meisterpflicht auf weitere Bereiche zu fordern. Diese kann ein Mosaiksteinchen sein – mehr ist sie nicht. Hinter vorgehaltener Hand – aber bitte nicht zu laut! – wird in Handwerkskreisen überlegt, ob nicht auch die Bezahlung besser werden müsse, will man auch nur eine halbwegs realistische Chance haben, beim Kampf um jede Hand mit Bosch und Daimler mithalten zu können. Und zu Recht wird in einem vom Baden-Württembergischen Handwerkstag und dem Stuttgarter Wirtschaftsministerium erarbeiteten Strategiekonzept „Handwerk 2025“ überlegt, wie etwa die Personalführung verbessert werden könnte, um Beschäftigte, die immerhin schon den Weg ins Handwerk gefunden haben, auch zu halten. Auch im Umgang mit den eigenen Mitarbeitern muss eben so mancher Handwerksmeister erst noch Meister werden.