Forderung nach weniger strengen Regeln Geothermie führt ein Schattendasein

Geothermie sei eine sichere Sache, sagt auch der Umweltminister, wenn alle Vorschriften eingehalten würden. Foto: factum/Granville
Geothermie sei eine sichere Sache, sagt auch der Umweltminister, wenn alle Vorschriften eingehalten würden. Foto: factum/Granville

Seit 2011 hat es in Baden-Württemberg keine Schadensfälle mehr beim Bohren von Erdwärmesonden gegeben; die Politik hat strenge Vorschriften erlassen. Dennoch bleibt diese Heiztechnik im Südwesten unbeliebt – zu Unrecht, meinen viele.

Politik/ Baden-Württemberg: Thomas Faltin (fal)

Stuttgart - Staufen und Böblingen – diese zwei Ortsnamen hallen kräftig nach bei allen, die gerade bauen und über die richtige Heizung nachdenken. In Böblingen erlitten nach Bohrungen für Erdwärmesonden 2006 bis 2008 zahlreiche Häuser Schäden; in Staufen kam es 2007 zu Rissen in Gebäuden. Selbst wer nicht aufmerksam die Zeitung las, hatte mitbekommen: Elend lang mussten die Besitzer auf eine Entschädigung warten.

Seither führt die Geothermie in Baden-Württemberg ein Schattendasein. Der Anteil der Erdwärme als Heizungsart bei neuen Häusern beträgt im Südwesten gerade 3,7 Prozent – damit liegt man auf dem 14. Länderplatz in Deutschland. Vor den Schadensfällen wurden im Südwesten jährlich rund 4700 Bohrungen durchgeführt, in den letzten Jahren lag die Zahl im Schnitt bei 1600. Aber auch bundesweit stagnieren die Zahlen, wie der Bundesverband Wärmepumpe konstatieren muss – von 2018 auf 2019 gingen die Absatzzahlen sogar um 15 Prozent zurück.

Die strengen Vorschriften gibt es seit dem Jahr 2011

Doch mittlerweile mehren sich die Stimmen, die die Geothermie aus ihrer Position einer – wohl eher unbewussten – Ächtung herausholen wollen. Dazu gehört auch Umweltminister Franz Untersteller (Grüne). Der Wärmemarkt spielt im Kampf gegen die Klimawende eine sehr wichtige Rolle – klimafreundliche Heizungen und eine gute Dämmung der Häuser können den CO2-Ausstoß erheblich verringern. Zudem hat die Erdwärme den Vorteil, dass sie fast unbegrenzt verfügbar ist. Untersteller setzt sich deshalb für die Geothermie ein. Und er ist der Ansicht, dass diese mittlerweile sicher ist. Denn im Jahr 2011 hat die Landesregierung umfangreiche Leitlinien für Bohrungen erlassen und diese seither mehrfach aktualisiert. Darin ist geregelt, inwiefern eine Genehmigung für eine Bohrung erforderlich ist, welche Erfahrung die Mitarbeiter der Bohrfirma haben müssen und wer im Schadensfall haftbar ist – und zwar ohne Wenn und Aber. Seither hat es keine neuen Fälle im Land gegeben. Und so sagt Untersteller: „Wenn bei der Errichtung und beim Betrieb von Erdwärmesonden die einschlägigen Richtlinien und Regelwerke beachtet werden, ist nahezu auszuschließen, dass Qualitätsmängel und Folgeschäden auftreten.“

Zaghaft fordern manche sogar eine gewisse Lockerung der Regeln. Der Landtagsabgeordnete Raimund Haser (CDU) hat deshalb jetzt in einem Antrag im Land anklingen lassen, dass manche neuen Vorgaben übertrieben sein könnten und den Ausbau der Geothermie hemmten. Auch Christoph Knepel, Mitglied der Geschäftsleitung des Unternehmens Baugrund Süd in Bad Wurzach, das bereits 10 000 Anlagen eingerichtet hat, ist dieser Ansicht. So müsse ein Mitarbeiter etwa nach der Ausbildung als Brunnenbauer noch zwei Jahre Berufserfahrung vorweisen, bis er eine Erdwärmebohrung vornehmen dürfe. Zudem sei ein unabhängiger Sachverständiger Pflicht, was in der sehr kleinen Branche oft schwierig zu bewerkstelligen sei. „Die Branche kämpft gegen eine teils unnötige Überregulierung“, sagt Knepel. Infragestellen will er die Leitlinien aber nicht; diese Qualitätssicherung sei sehr wichtig gewesen. Franz Untersteller hat aber auch klar gemacht, dass eine Aufweichung der Regeln für ihn unter keinen Umständen in Frage komme.

Bund fördert klimafreundliche Heizungen stark

Raimund Haser hält zudem eine bessere Unterstützung der Geothermie durch die Kommunen für wichtig. Manche Gemeinden seien vorbildlich und böten in Neubaugebieten die Grundstücke gleich samt Erdwärmesonde an. So ist das zum Beispiel in Bad Grönenbach, das zwar bereits in Bayern, aber nahe von Hasers oberschwäbischem Wahlkreis liegt. Haser betont zudem, dass Baden-Württemberg mit einem bundesweit einmaligen Gesetz einen gewissen Anteil erneuerbarer Energien bei Einbau oder Tausch einer Heizung vorschreibt – doch zu Pellets und Luft-Wärmepumpen gebe es kaum Alternativen. Dabei seien diese Luft-Wärmepumpen oft laut: „Es wundert mich, dass es in den Wohngebieten deshalb nicht viel öfter zwischen den Nachbarn knallt.“ Geothermie könne häufig ein Ausweg sein.

Aber es gibt durchaus natürliche Grenzen bei der Erdwärme. So ist sie wegen des Untergrunds nicht überall möglich – die Landesanstalt für Umwelt hat auf ihren Webseiten eine Karte, wo man die grundsätzliche Eignung des eigenen Standorts für eine Erdwärmesonde prüfen kann. Daneben galt zumindest bisher, dass Erdwärme nur im Neubau sinnvoll ist, weil niedrige Vorlauftemperaturen notwendig seien, die nur mit guter Dämmung und einer Fußbodenheizung zu erreichen seien.

Christoph Knepel sieht das als überholt an: „Auch im Altbau hat die Geothermie ein hohes Potenzial.“ Dritte Hürde sind oft die Kosten, die wegen der aufwendigen Bohrungen meist teurer sind als andere Heizungsarten. Doch da der Betrieb günstig ist und kein Heizmittel gekauft werden muss, rechne sich eine Erdwärmesonde auf Dauer. Der Verband Wärmepumpen sieht das etwas anders: Erdwärme werde bei der Amortisation der höheren Investitionskosten benachteiligt, weil auf dem Strompreis hohe Steuern und Abgaben lägen. Seit Jahresanfang fördert der Bund jedoch klimafreundliche Heizungen mit bis zu 45 Prozent Zuschuss.

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