Forderungen an Karlsruhe und Sindelfingen Raubkunstalarm in Südwest

Von Andreas Förster 

Eines der größten Raubkunstverfahren kommt auf Deutschland zu: die US-Erben der Familie Mosse wollen ihren Besitz zurück. Betroffen ist auch die Galerie in Sindelfingen.

Das „Bildnis des Appellationsrates Stenglein“ von Wilhelm Leibl ist  derzeit im Besitz der  Galerie der Stadt Sindelfingen – womöglich unrechtmäßig. Foto: Galerie Sindelfingen
Das „Bildnis des Appellationsrates Stenglein“ von Wilhelm Leibl ist derzeit im Besitz der Galerie der Stadt Sindelfingen – womöglich unrechtmäßig. Foto: Galerie Sindelfingen

Stuttgart - Der Verfasser des Auktionskatalogs überschlug sich schier vor Begeisterung für das Bild. „Von den Gemälden der Münchner Schule gewährt wohl keines mehr Grund zur Bewunderung als das ‚Bildnis des Appellationsrates Stenglein’ von Wilhelm Leibl“, heißt es im Katalog des Berliner Auktionshauses Rudolph Lepke aus dem Jahr 1934. „Es besitzt alle Vorzüge der Kunst dieses großen Meisters. Ein Prachtwerk, das im Schaffen dieses begnadeten Künstlers einen hohen Rang einnimmt.“

Das Gemälde von 1871, das als eines der Hauptwerke Leibls gilt, hängt heute in der Galerie der Stadt Sindelfingen. Es ist eines der Prunkstücke der städtischen Kunstsammlung, bestätigt ihr Leiter Otto Pannewitz. „Als wir 1987 das Gemälde als Schenkung erhielten, füllte es eine wichtige Lücke in unserer Sammlung, da wir bis dahin nur Zeichnungen und Druckgrafiken dieses Künstlers hatten“, sagt Pannewitz. „Es ist daher ein gewichtiges Werk in unserer Sammlung, die den Schwerpunkt auf Kunst aus Süddeutschland legt.“

Möglicherweise aber ist das berühmte Bild nicht mehr lange in Sindelfingen zu sehen: Es steht seit Anfang Juli auf der Internetseite von Lost Art, der 1998 vom Bund und von den Ländern eingerichteten zentralen Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste. Die in Magdeburg ansässige Einrichtung veröffentlicht in einer Internet-Datenbank jene Kunstwerke aus meist jüdischem Besitz, die zwischen 1933 und 1945 verschwunden oder geraubt worden sind. Eine amerikanische Anwaltskanzlei hat jetzt dort neben dem Leibl-Gemälde auch noch ein weiteres wichtiges Werk aus einer baden-württembergischen Sammlung registrieren lassen: Karl Blechens „Blick auf das Kloster Santa Scolastica bei Subiaco“. Das 1832 entstandene Gemälde ist derzeit noch Teil der Sammlung der Kunsthalle in Karlsruhe.

Die Erben in Amerika fordern den Besitz zurück

Die Kunsthalle Karlsruhe bestätigte auf Anfrage, dass ihr Blechen-Gemälde in der Lost-Art-Datenbank angemeldet wurde. „Wir stehen in Kontakt mit der Anwaltskanzlei und sind derzeit mit der Prüfung der Berechtigung dieses Anspruchs beschäftigt“, teilte die Provenienzforscherin Tessa Rosebrock mit. Weitere Auskünfte wolle man zu dem laufenden Verfahren jedoch nicht geben.

Die beiden Gemälde von Leibl und Blechen sind in der Nazizeit aus jüdischem Besitz enteignet worden. Sie gehörten damals zur Kunstsammlung der bekannten Berliner Verlegerfamilie Rudolf Mosse. Die Sammlung, eine der bedeutendsten Kollektionen ihrer Zeit, war vor achtzig Jahren von den Nazis zerschlagen worden. Jetzt fordern die in den USA lebenden Nachkommen der Familie die in aller Welt verstreuten Kunstwerke zurück. Das könnte zu einem der größten Restitutionsverfahren in der deutschen Nachkriegsgeschichte führen.

In den vergangenen zwei Wochen hat eine namhafte Anwaltskanzlei aus San Francisco eine erste, insgesamt 411 Einzelobjekte umfassenden Liste von Kunstobjekten aus der Mosse-Sammlung auf Lost Art veröffentlicht. Neben Sindelfingen und Karlsruhe müssen noch weitere deutsche Museen und Galerien damit rechnen, wertvolle Gemälde und Ausstellungsobjekte zurückzugeben. Die Münchner Wirtschaftsdetektei Paladin Associates, die im Auftrag der Mosse-Erben seit Jahren die Exponate der Sammlung sucht, ist auch schon in den Städtischen Sammlungen von Berlin, Köln und Darmstadt fündig geworden.