Die Kohleverbrennung soll 2030 enden, dann würde der Gasanteil schnell anwachsen, erst 2050 würden Solarthermie, Umweltwärme (Wärmepumpen), Biomasse und erneuerbares Gas einen klimaverträglichen Mix bilden. Nötig wären rasch neue Wärmequellen. Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) und die Klimaschutz- und Energieagentur des Landes (KEA) bringen den Neckar als Lieferanten und die Abwärme aus Industriebetrieben als Ersatz für Kohle und Gas ins Spiel.
Kraftwerke spielen wichtige Rolle
Der Energie Baden-Württemberg (EnBW) mit ihren Kraftwerken kommt beim Umstieg eine Schlüsselrolle zu, denn sie versorgt in Stuttgart und in Esslingen rund 25 000 Haushalte. Der Klima- und Umweltausschuss des Gemeinderates diskutierte im Januar den Einsteig der Stadt bei der EnBW, um die Wende mit zu gestalten. „Fernwärme muss ohne Kohle und Erdgas erzeugt werden“, heißt es in der Energieleitplanung. Die SPD nannte einen Eintrittspreis von 100 Millionen Euro. Daneben sollen pro Jahr künftig 60 Millionen Euro in die energetische Sanierung der eigenen Liegenschaften fließen. „Sanierung ist eine ganz zentrale Voraussetzung, wir müssen den Verbrauch reduzieren, auf dem jetzigen Niveau ist Klimaneutralität nicht zu schaffen“, sagt Volker Kienzlen, der Geschäftsführer der Klimaschutz-Agentur. Die Sanierungsquote müsse vervierfacht werden.
Die EnBW verbrennt bisher vor allem Kohle. Um den Meiler in Altbach und anderen Anlagen umzustellen, könnten „schnell hohe dreistellige Millionenbeträge nötig werden“, so ein Unternehmenssprecher. 2019 hat die EnBW für alle Kraftwerke 3,15 Millionen Tonnen Kohle bezogen, 2,39 Millionen allein aus Russland, danach folgten die USA, Kolumbien und Südafrika. Ziel sei, auch Altbach bis 2035 anders zu betreiben. „Fuel Switch“ nennt das die EnBW und meint den Umstieg auf Gas. Das strömt überwiegend aus Russland, Norwegen und den Niederlanden nach Deutschland.
Bisher 25 000 Haushalte am Netz
Verschiedene Möglichkeiten würden geprüft, der Wechsel auf Gas, der im Kraftwerk Gaisburg bereits erfolgte, biete „die Perspektive, in einem weiteren Schritt auf Biogas, Wasserstoff oder Biomasse umzusteigen“, so der Sprecher. Allerdings hänge viel von der Verfügbarkeit ab. Auch der Einsatz von Großwärmepumpen würde erwogen. Allein der Block 2 in Altbach (Block 1 ist in der Netzreserve) liefert 600 bis 900 Gigawattstunden Strom und 240 bis 400 Gigawattstunden (GWh) Wärme pro Jahr. Im Verbund mit Münster (Müllverbrennung) und Gaisburg sind 25 000 Haushalte, 1300 Industrie- und Gewerbebetriebe und 300 öffentliche Gebäude angeschlossen.
Der BUND regt an, eine „noch ungenutzte natürliche Wärmequelle“ anzuzapfen: den Neckar. Aufsteigendes Mineralwasser halte den Fluss selbst im strengsten Winter an manchen Stellen eisfrei. „Die Binnenschiffe sollten kein K.-o.-Kriterium gegen die Nutzung sein“, sagt BUND-Regionalgeschäftsführer Gerhard Pfeifer. Das nutzbare Wärmepotenzial in Fließgewässern beschreiben Experten als hoch. Wichtig sei, dass die Querströmung, die beim Entnehmen und Einleiten des Wassers aus und in den Fluss entstehe, Schiffe nicht abdränge, sagt Johanna Reek vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt in Heidelberg.
Abwärme der Industrie noch kaum genutzt
Der Umstieg auf Erdgas in den Kraftwerken sei naheliegend, „diese Brücke trägt aber nur kurz“, warnt Volker Kienzlen. Biomasse sei nicht in ausreichender Menge verfügbar, zudem stelle sich da schnell die „Tank- oder Teller-Diskussion“, mit Strom erzeugter Wasserstoff für Wärmekraftwerke sei ineffizient, Geothermie im Talkessel risikoreich, Solarthermie aber möglich. Der Energieexperte rät dringend zum raschen Ausbau der Fotovoltaik, weil sie rund 40-mal mehr Effizienz bringe als Biomasse, und er plädiert für das Anzapfen des Neckars und der Abwärme aus den Industrieanlagen entlang des Flusses. „Hier könnten große, nicht genutzte Wärmemengen gehoben werden. Das ist zwar Kärrnerarbeit, aber wir kommen nicht daran vorbei“, sagt Kienzlen. „Die Energiewende ist ein gigantisches Wirtschaftsförderungsprogramm“, so der Geschäftsführer. „Hoffentlich haben wir dafür genügend Handwerker.“