Formel-1-Crash in Monza Kommen taktische Fouls im WM-Duell?

Glück in Unglück hatte Lewis Hamilton bei dem Unfall mit Max Verstappen – der Brite verdankt es dem Cockpitbügel Halo. Foto: imago//Zak Mauger

Max Verstappen oder Lewis Hamilton? Experten sind geteilter Meinung, wer Schuld hat am Crash beim Rennen in Italien. Mercedes-Teamchef Toto Wolff warnt vor taktischen Fouls.

Sport: Jürgen Kemmner (jük)

Stuttgart - Erst als Lewis Hamilton die Fernsehbilder vom Unfall mit Max Verstappen gesehen hatte, wurde ihm bewusst, dass er ordentliches Glück im Unglück gehabt hatte. „Heute muss jemand von oben auf mich geschaut und aufgepasst haben“, sagte der Formel-1-Weltmeister, „Gott sei Dank gibt es Halo. Das hat mich gerettet.“ Ohne den Cockpitbügel, der 2018 zur Pflicht an den Autos wurde, wäre das rechte Hinterrad des Red Bull wohl auf den Kopf von Hamilton geknallt. So wurde das verhindert, auch wenn Hamiltons Kopf nach vorn gedrückt wurde. „Ich werde wahrscheinlich zu einem Spezialisten müssen, um zu sehen, ob ich für das nächste Rennen fit bin“, sagte Hamilton.

 

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Damit endete die heftige Karambolage beim Grand Prix in Monza, was die körperliche Unversehrtheit angeht, recht glimpflich, das Duell zwischen dem 36-jährigen Regenten und dem 23-jährigen Kronprinzen, der auf den Thron drängt, dürfte sich nach dieser Eskalation aber verschärfen. Mercedes-Teamchef Toto Wolff warnte vor „taktischen Fouls“ in der knallharten Auseinandersetzung: „Wenn du weißt, dass der andere vor dir liegt und das Rennen gewinnt, schmeißt du die Tür zu, oder du versuchst es mit der Brechstange.“ Der Niederländer hatte in einer Schikane trotz wenig Platz konsequent dagegengehalten, den Unfall verursacht und so die WM-Führung verteidigt. Die Rennkommissare sprachen den Red-Bull-Mann schuldig und brummten ihm eine Strafversetzung von drei Startplätzen beim Rennen in Sotschi auf. „Wenn du damit durchkommst, machst du so weiter“, stellte Hamilton fest.

Bullen halten sich zurück mit Kritik an Mercedes

Erstaunlicherweise hielten sich die Granden der Bullen mit Kritik versus Mercedes zurück. Beim Crash von Hamilton und Verstappen in Silverstone hatten sie noch kräftig gegen den Briten geschossen und eine zweite Strafe gefordert. Man könnte dies als Schuldeingeständnis werten, muss es aber nicht. „Max hätte mehr Platz gebraucht, aber man kann auch verstehen, wenn Lewis in die andere Richtung argumentiert“, sagte Teamchef Christian Horner, „objektiv betrachtet ist das ein 50/50-Ding. Ein Rennunfall.“

Auch die Expertenwelt ist gespalten. Ex-Weltmeister Damon Hill und Ex-Rennfahrer Christian Danner urteilen wie die Stewards. „Ich denke, dass es entweder eine Fehleinschätzung oder eine kalkulierte Bewegung war, um mit Lewis zu kollidieren“, sagte Hill, der Deutsche meinte: „Hamilton hat genug Platz gelassen. Außerdem war Verstappen hintendran und hätte den Unfall vermeiden können. Die Strafe geht in Ordnung.“ Dagegen plädierten die Ex-Piloten Ralf Schumacher, Martin Brundle, Johnny Herbert und Felipe Massa auf „Rennunfall“ und halten die Strafe für überzogen. Ein salomonisches Urteil im aufgeheizten Duell gibt es nicht, es existiert nur Schwarz oder Weiß. Oder wie die „Gazzetta dello Sport“ schrieb: „Das ist ein Krieg ohne Rücksicht auf Verluste.“

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