Formel 1 Der Poker um die Macht

Von Elmar Brümmer, Austin 

Die Kräfteverhältnisse in der Formel 1 ändern sich: Mercedes übernimmt die Rolle des Dominators von den früheren Platzhirschen Red Bull und Ferrari. Ohne großen Hersteller im Rücken wird langfristig niemand mehr die Weltmeisterschaft gewinnen.

Nach dem Start in Austin  geht es erst einmal  ordentlich bergauf. Am Sonntag gilt das aber nur für 18 Autos, weil zwei  Formel-1-Teams  Pleite sind. Foto: dpa
Nach dem Start in Austin geht es erst einmal ordentlich bergauf. Am Sonntag gilt das aber nur für 18 Autos, weil zwei Formel-1-Teams Pleite sind. Foto: dpa

Austin - Noch ist Austin eine Geisterstadt, bereitet sich eher auf Halloween vor als auf das PS-Rodeo mit dem Großen Preis der USA und dem Fanfest in der Innenstadt. Wie passend dieser inoffizielle Feiertag ist, denn böse Geister plagen die Formel 1 gerade mehr denn je. Der schwere Unfall von Jules Bianchi, die Insolvenzverfahren von Caterham und Marussia – den Endspurt in der Weltmeisterschaft haben sich alle anders vorgestellt.

Vielleicht heißt es generell Abschied nehmen von jener Königsklasse, wie wir sie kennen. Unabhängig davon, wie dieses Rennen in Texas am Sonntag (21 Uhr MEZ/RTL) mit lediglich 18 Rennwagen laufen wird, werden sich neue Machtverhältnisse ergeben, spätestens mit Beginn der neuen Saison im März 2015.

Der Glaube an eine bessere Zukunft war schon immer eine Stärke der Formel 1, ist vermutlich aber auch mit ein Grund, warum die Anzeichen für die derzeitige Finanzkrise so lange geleugnet worden sind. Wenn es drauf ankommt aber ist der Mut zu harten Schnitten groß. Mercedes konnte nur zum Dominator in dieser Saison werden, weil vor zwei Jahren das Dream-Team-Modell samt Michael Schumacher und Norbert Haug außer Dienst gestellt worden ist, und Niki Lauda und Toto Wolff mittlerweile einen standesgemäßen Etat verwalten können. 230 Millionen Euro für das Team, 152 Millionen Euro für die Rennmotorenschmiede. Daraus ist ein ganzheitliches System mit 1300 Spezialisten entstanden. Das neue Hybrid-Reglement könnte die Silberpfeile auf lange Sicht zu Siegerpfeilen machen, weil die Weiterentwicklung eingefroren ist. Renault und Ferrari wollen dieses Gesetz kippen, weil sie sonst noch länger hinterherfahren.

Ohne Hersteller geht gar nichts

Honda packt alle seine (Finanz-)Kraft in einen neuen Anlauf mit dem McLaren-Rennstall, dessen Noch-Chef Ron Dennis erklärt: „Wer keinen Hersteller im Rücken hat, wird keine Weltmeisterschaft gewinnen.“ Weshalb selbst der sonst so auf sein Solo-Dasein bedachte Red-Bull-Rennstall mit Blick auf die verlorene Titelverteidigung künftig ganz stark gemeinsame Sache mit Renault macht, irgendwann vielleicht auch mit einem Motorenlieferanten aus dem Volkswagenkonzern. Aber vorerst stellt sich Mercedes auf stur in Sachen Regelmodifikation. Natürlich will man den eigenen Vorteil nicht einfach hergeben.

Der Abgang von Sebastian Vettel löst, nachdem die Beziehung schon früh in diesem verkorksten Jahr erkaltet war, laut der Teamführung „keinerlei Depressionen“ aus. Seit Februar schon habe man mit dem Ausstieg des Heppenheimers gerechnet und an einem neuen Strategieplan gebastelt. Mit den jungen Wilden Daniel Ricciardo und Daniil Kwjat ist man auch eher Zielgruppenkonform, aber der Verlust des Vierfach-Champions ist ja nicht der einzige. Die ganze Rennmannschaft wird umgebildet werden müssen, immerhin war Red Bull in dieser Saison das einzige Team, das neben Mercedes Rennen gewinnen konnte.

Vettel will der Kapitän werden

Der Neuaufbau kann, wieder ins Verhältnis zur Mercedes-Beständigkeit gesetzt, eine weitere Durststrecke bedeuten. Und der flüchtende Heppenheimer wird bei Ferrari vermutlich nicht auf Anhieb auf die ihm liebste Stufe des Siegerpodest zurückkehren können. Er wird in Italien in jedem Fall mehr Macht und Einfluss auf die Teampolitik haben, das hat ihm der neue Ferrari-Chef Sergio Marchionne zugesagt. Vettel konnte angesichts der dramatischen Erfolglosigkeit der Scuderia viele seiner Vorstellungen durchsetzen, künftig wird er eine Rolle als Mannschaftskapitän anstreben, und muss sich auch dabei an Michael Schumacher messen lassen.

Die Italiener müssen nur noch das größte Alpha-Tier der Branche los werden, sodass alle ihr Gesicht behalten. Fernando Alonso hat im Herbst einen heftigen Machtpoker gespielt, eine Ausstiegsklausel (schlechter als Platz drei in der WM) aus seinem Rentenvertrag gezogen – obwohl er zu dieser Zeit noch keinen neuen Arbeitgeber für die Verwirklichung seines dritten WM-Titels gefunden hatte. Er wollte zu Mercedes, aber dort will man das Duell Hamilton/Rosberg zu Gunsten des Erfolges und der Sympathiewerte auch noch bis 2016 weitertreiben. Für McLaren-Honda wäre Alonso wie gemacht, aber wie schnell die japanisch-britische Symbiose aus glorreichen Prost-Senna-Zeiten erfolgreich wiederbelebt werden kann, ist fraglich.

Macht Alonso ein Jahr Pause?

Auf einen kurzfristigen Kontrakt wollte sich McLaren nicht einlassen. Bleiben Alonso eigentlich nur die Rolle als dritter Mann bei Ferrari, ein Sabbatical oder der Wechsel in die Sportwagen-Weltmeisterschaft zu Porsche oder Audi. Der Spanier beharrt darauf, dass er schon wisse, was er tue. Allerdings hat er sich jüngst einen neuen Vermittler gesucht, weil ihm die Verschiebung der Positionen im Machtkampf der Formel 1 doch nicht mehr so ganz geheuer waren. Auch mit den Anwälten von Ferrari gab es ein Treffen, offenbar war die Ausstiegsklausel im September noch gar nicht rechtskräftig. Das klingt nach einem Abfindungspoker. Deshalb können die Italiener Vettel noch nicht offiziell vorstellen. Mercedes hingegen konzentriert sich schon seit August auf den Bau des Autos für 2015. Mit aller Macht.

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