Formel 1 Duell zwischen Glamour und Gestern

Das Formel-1-Rennen in Miami rund um das Hard Rock Stadium hat Event-Charakter. Foto: IMAGO/Christian Kolbert

Die Formel 1 bekommt immer mehr einen Event-Charakter – Beispiel: der Party-Grand-Prix in Miami an diesem Wochenende. Deutschland hingegen ist abgehängt.

Gehe zurück auf Los, aber ziehe automatisch viel Geld dabei ein. Die Formel 1 mit ihren 3,9 Milliarden Dollar Jahresumsatz kann es sich leisten, ihre eigenen Spielregeln aufzustellen. Das rasende Monopoly gastiert am Wochenende nach vier Wochen Zwangspause in Miami, ein Neustart mit leicht verändertem technischem Reglement. Aber ungebrochener Begeisterung. Erst zum fünften Mal wird in Florida gefahren, aber das erste von Serienbesitzer Liberty Media selbst aufgestellte Projekt hat als Party-Grand-Prix längt Monaco abgelöst. Mitten in der Vorstadt von Miami Gardes wird das neue Verständnis einer global so sehr wie noch nie boomenden Disziplin vorgeführt: der Balanceakt zwischen Sport und Show. Das Spektakel auf der anderen Seite des Großen Teichs zeigt auch, warum sich Deutschland in absehbarer Zeit so schwertun wird, wieder ein Formel-1-Rennen austragen zu können. Die alte und die neue Rennwelt sind nicht mehr vergleichbar. Es ist ein ungleiches Duell zwischen Glamour und Gestern.

 

Miamis Glanz strahlt damit auch ins 7700 Kilometer entfernte Hockenheim, wo die Geschäftsführer der badischen Traditionsrennstrecke gerade erst der Lokalzeitung in einem Interview ein Comeback nicht ausschließen wollten. Wie gehabt könne die vor einigen Jahren privatisierte Rennstrecke einen Grand Prix nur mit Hilfe von Investoren stemmen, erst dann überhaupt gebe es eine vage Hoffnung auf eines der für Europa vorgesehenen Rotationsrennen, bei dem sich Veranstalter im jährlichen Turnus abwechseln – so wie künftig Spa-Francorchamps und Barcelona.

Ohne Geld keine Perspektive. Denn es gibt natürlich Plätze im WM-Kalender, man muss sie sich nur leisten wollen oder können. Gerade hat sich die Türkei wieder in die Königsklasse eingekauft, in Istanbul ist man offenbar bereit, Antrittsgelder zwischen 15 und 40 Millionen Dollar pro Jahr zu bezahlen. Als bei einer FDP-Wahlveranstaltung in Böblingen Ende Januar unter dem Titel „Formel 1 für Baden-Württemberg“ über solche Summen diskutiert wurde, merkte der ehemalige Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug als Podiumsgast an, dass zunächst mindestens ebenso viel Geld in die Infrastruktur des Motodroms gesteckt werden müsse. Früher an später – und vor allen Dingen größer – zu denken, das ist in guten Zeiten versäumt worden.

Das richtige Umfeld ist bei allen Beteuerungen von Formel-1-Chef Stefano Domenicali, wie gern er wieder ein Rennen im Autoland Deutschland sehen würde, der Knackpunkt. Wer sich in Miami umschaut, sieht die Zukunft: der Motorsport als Teil der Unterhaltungsindustrie, das Rennen selbst bleibt zwar der wichtigste Part, aber die Menschen, die zum Teil fünfstellige Summen für ein Wochenend-Ticket ausgeben, wollen den ganzen Tag bespaßt werden – und das auf immer höherem Niveau. In Hockenheim fehlt dazu nicht nur der Platz, sondern auch die entsprechenden Einrichtungen und Möglichkeiten. Mit dem Charme der Historie allein ist heute nicht mehr viel anzufangen. Obwohl erst 2019 der letzte Große Preis von Deutschland im Badischen gefahren worden ist, kommen einem Event und Location vor wie aus dem letzten Jahrtausend mit den großen Schumi-Zeiten und spiegeln ein wenig den generellen Zustand der mobilen Infrastruktur in diesem Land.

Der Hockenheimring ist bei der Formel 1 gerade außen vor: im Bild die Mercedes-Tribüne. Foto: IMAGO/Pius Koller

Im britischen Silverstone, wo die Formel 1 vor über einem Dreivierteljahrhundert ihr Debüt feierte, hat man vor gut einem Jahrzehnt erkannt, dass aus der ländlichen Piste ein Technik- und Entertainmentkomplex werden muss, um die Königsklasse weiter zu beherbergen. Das hat funktioniert und wird mit immer neuen Rekordzuschauerzahlen belohnt, der Gewinn wird in den weiteren Ausbau gesteckt. Zwar haben die neuen Besitzer in Hockenheim, die die Stadt abgelöst haben, ähnliche Innovationspläne – aber das dürfte dauern. Vielleicht so lange, bis der Boom schon wieder vorbei ist.

Das Miami Autodrome trägt zwar einen klangvollen Namen, in Wirklichkeit handelt es sich aber um die Parkplätze des Football-Stadions, die der Besitzer auch außerhalb der Saison gewinnbringend betreiben wollte. Erst baute er ein Tennisstadion, dazwischen schlängelt sich die temporäre Rennstrecke. Eine Attraktion für das Publikum war eine Marina mit echten Jachten, aber ohne Wasser. Dieser Fake ist in diesem Jahr durch ein Kreuzfahrtschiff mit größerer Tribüne ersetzt worden, natürlich auch das nur Attrappe. Man mag über die Künstlichkeit schmunzeln, aber solche schnellen Reaktionen auf den Publikumsgeschmack verdeutlichen die neue Denke im Motorsport. Man überlege sich nur, wie lange solche Entscheidungen in einem deutschen Gemeinderat dauern würden, wie heftig die Gegenwehr der Anwohner wäre, und wie lange es für einen Bauantrag braucht. Wer die Formel 1 möchte, braucht neben reichlich Kapital auch einen großen gesellschaftlichen und politischen Willen.

Die Möglichkeiten sind vorhanden

Der Mut zur Improvisation, mit dem sich ähnlich gehandicapte Rennstrecke wie Imola und Zandvoort bis jetzt im Formel-1-Zirkel halten konnten, reicht jedenfalls nicht mehr. Mit Portugal hat es zwar wieder ein Außenseiter in den Kreis der Auserwählten geschafft, aber Portimao ist nur Platzhalter. Länder wie Südkorea, Thailand und Indien drängen mit aller Macht und vielen Versprechungen auf den Rennglobus.

Die örtliche Spargelindustrie wird den Hockenheimer Traum kaum bewerkstelligen können, und der nahe Softwaregigant SAP hat lieber seine Aktien in die TSG Hoffenheim und deren Stadion gesteckt. Das liegt wie die Piste in Miami ganz in der Nähe einer Autobahn, Parkplätze gäbe es reichlich. Ein Dietmar-Hopp-Motodrom, das wäre doch ein Ding! Denn die Formel 1 wartet nicht auf Deutschland, weshalb die Deutschen bislang vergeblich auf die Formel 1 warten.

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