In dieser Formel-1-Saison besitzt die Scuderia ein WM-fähiges Auto. Allerdings führen haarsträubende Patzer dazu, dass Charles Leclerc im Titelduell gegen Max Verstappen zurückfällt. Verbaut sich das Team den möglichen WM-Triumph selbst?

Sport: Jürgen Kemmner (jük)
 
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Verlieren im Sport ist ärgerlich. Es existieren jedoch zwei Sorten von Niederlagen. Es gibt diese Misserfolge, bei denen alle – auch der Aktive selbst – erkennen, dass der Gegner überlegen war und den Sieg verdient hat. Diese Spezies lässt sich verkraften. Niederschmetternd sind die Pleiten, nach denen ein Sportler zum Schluss gelangt: Es hätte nicht so kommen müssen, es war mehr drin. Charles Leclerc ahnte während des Großen Preises von Monaco, dass ihn eine Niederlage von Kategorie zwei ereilen würde, und blaffte das F-Wort mit vier Buchstaben mehrfach in den Funk. Nach dem Rennen fasste er es in einen zitierfähigen, dennoch explosiven Satz. „Wir hatten alles, um zu gewinnen – und haben alles in den Müll geworfen“, knurrte der Ferrari-Mann.

Zwar erreichte der Monegasse im Heimrennen erstmals das Ziel, doch das war ein Trost, als würde man einem Kind eine Tafel Schokolade vor dem ersten Biss abnehmen und sagen: „Du darfst am Papier schnuppern.“ In aller Regel triumphiert der Fahrer in Monaco, der von der Pole-Position startet – es sei denn, es unterlaufen entsetzliche Fehler. Genau die sind bei der Scuderia geschehen.

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Nachdem Leclerc von Position eins mit Regenreifen losgebraust war, verzettelte sich Ferrari bei der Reifenstrategie wie ein Lehrling einer Autowerkstatt, der Winter- von Sommerreifen nicht unterscheiden kann. Das Umrüsten von Regengummis auf Trockenreifen erfolgte in zwei Schritten (statt in einem), zudem zu taktisch ungünstigen Zeitpunkten – und bei einer unglücklichen Kommunikation zwischen Pilot und Teamleitung. „Ich wurde gefragt, ob ich von den Regenreifen direkt auf die Slicks wechseln will. Ich habe gesagt: ja, aber nicht jetzt. Es sollte etwas später im Rennen sein“, berichtete Leclerc über die entscheidende Phase, als er von Rang eins auf Platz vier durchgereicht wurde. Dass Teamchef Mattia Binotto das Büßerhemd überstreifte und einräumte, dass „uns Fehler bei unserer Einschätzung sowie unseren Entscheidungen unterlaufen sind“, machte das Fiasko von Ferrari nicht erträglicher. Rückblickend hätte das Team anders gehandelt, sagte Binotto.

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Der unschöne Konter, nach dem Grand Prix die Rennkommissare anzurufen und auf vermeintliche Regelverstöße der Red-Bull-Piloten Sergio Perez (Sieger) und Max Verstappen (Platz drei) beim Verlassen der Boxengasse hinzuweisen, hat Ferrari dazu in die Rolle des schlechten Verlierers gerückt – weil Binotto die Anzeige damit begründete, man „habe ausschließlich zur Klarheit der Regel beitragen wollen“. Eine Zeitstrafe hätte Carlos Sainz und Leclerc wohl auf die Ränge eins und zwei gespült, doch die Rennleitung stellte keine Vergehen fest, was die Niederlage der Scuderia sozusagen zu einer „an allen Fronten“ werden ließ. Pleiten, Patzer, Pech, Pannen – stellt sich Ferrari so lange selbst ein Bein, bis Max Verstappen dem Titel gar nicht mehr ausweichen kann? Aktuell hat Red Bull in wichtigen Parametern die Nase vorn.

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Das Team Der Regenschauer kurz vor dem Start in Monaco warf die gesamte Strategie bei Ferrari über den Haufen, die Verantwortlichen hatten keine schnellen Antworten auf die veränderten Bedingungen. Red Bull lockte die Roten mit dem Stopp von Perez, der auf Intermediates wechselte, in eine Taktikfalle – Ferrari zog zu spät nach und stieß Leclerc damit vom Podium. Red Bull hatte freilich den 1b-Piloten Perez für das Manöver gewählt, obwohl der besser im Rennen lag als WM-Kandidat (und Nummer-eins-Pilot) Verstappen. Es wäre wieder eine Saison, in der Ferrari den Titel wegen zu vieler Fehler verspielt – wie schon 2017 und 2018. Das Auto Der Ferrari ist das Fahrzeug, das auf allen Strecken hervorragend funktioniert, doch es mangelt an der Zuverlässigkeit. In Barcelona schied Leclerc in Führung liegend aus und verlor so 25 wahrscheinliche WM-Punkte. Allerdings ist auch Verstappen bereits zweimal (Bahrain, Melbourne) wegen eines Defekts ausgeschieden. Red Bull scheint die anfänglichen technischen Probleme erkannt und behoben zu haben. Die Fahrer des Getränkeimperiums holten in den vergangenen vier Rennen 180 von 190 möglichen WM-Punkten, Ferrari lediglich 90.

Die Fahrer Auch der 24 Jahre alte Leclerc ist nicht unfehlbar. In Imola drehte er sich kurz vor Schluss im Kampf mit Perez um die eigene Achse, wurde Sechster anstatt Dritter und sammelte nur acht statt 15 Punkte. „Er hätte akzeptieren müssen, den dritten Platz mit nach Hause zu nehmen“, kritisierte TV-Experte Ralf Schumacher damals, „denn das ist auch der Schlüssel zu einer WM.“ In Barcelona unterlief Leclerc im Qualifying ein unnötiger Dreher. Verstappen passieren keine folgenschweren Fehler: Wenn der Niederländer ins Ziel kam, gewann er – mit Ausnahme von Monaco – bislang auch das entsprechende Rennen. Sainz bleibt als zweiter Fahrer der Scuderia ein gutes Stück hinter den Erwartungen zurück und liegt in der WM nur auf Platz fünf hinter Mercedes-Pilot George Russell. Perez ist im Vergleich der Adjutanten der bessere WM-Helfer für Verstappen, als es der Spanier für Leclerc darstellt.