Mehr als eine Million Menschen folgen dem 22-Jährigen auf Twitter, sein Instagram-Konto zählt fast drei Millionen Abonnenten, seine Aktivität auf der Streamingplattform Twitch wird von 850 000 Leuten verfolgt. Auf Twitch, einer Tummelstube für Gamer, die sich während ihrer Spiele live ins Netz stellen, fühlt sich Lando Norris zu Hause, er sitzt lässig vor dem Bildschirm in einem diffus-bunt erhellten Zimmer und spielt Shooter, was die Älteren als „Ballerspiele“ bezeichnen würden, er fährt Rennsimulatoren oder kommentiert Videos seiner eigenen Formel-1-Rennen.
Dabei hat der McLaren-Pilot Spaß wie ein Fünfjähriger beim Schlittenfahren, denn seine Formkurve geht steiler nach oben als die Corona-Inzidenzzahlen im April in Deutschland – er liegt vor dem Großen Preis von Spanien am Sonntag (15 Uhr/RTL) auf Platz drei der Fahrer-WM. Vor Valtteri Bottas und Sergio Perez, die in den Topautos von Mercedes und Red Bull unterwegs sind, vor dem erstarkenden Ferrari-Fahrer Charles Leclerc. Lando Norris ist der Topmann der Szene hinter den WM-Kontrahenten Lewis Hamilton und Max Verstappen. „Wir sind gerade bestens in Form“, sagt der Brite, „noch so ein Wochenende wie in Portugal wäre schön. Unmöglich ist das nicht.“
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In Portimão war Norris Fünfter geworden, zuvor in Imola Dritter und in Bahrain Vierter. In Portugal legte der McLaren-Mann seine Bachelorarbeit zum Thema „Überholen in der Formel 1“ vor. Erst raste er an der Kurvenaußenseite an Esteban Ocon im Alpine vorbei, einige Zeit später schnappte er sich Ferrari-Pilot Carlos Sainz und Sergio Perez im Red Bull innerhalb von nur fünf Kurven. Den Mexikaner im Bullenauto konnte er auf Dauer nicht hinter sich halten, noch ist der McLaren zu schwach, um im direkten Duell die Oberhand zu behalten. Andreas Seidl weiß das, und deshalb lobt er seinen jungen Mitarbeiter wie ein stolzer Vater, der von seinem aufgeweckten Sohn ein Abitur mit der Note 1,0 vorgelegt bekommt. „Wenn wir weiter neue Teile an das Auto bringen, wenn Lando weiter das tut, was er in den ersten drei Rennen gemacht hat, dann können wir die Jungs vor uns unter Druck setzen“, sagt der McLaren-Teamchef optimistisch, „dann wird es in diesem Jahr sicher auch Möglichkeiten geben, vor ihnen ins Ziel zu kommen.“
Für den Rennstall aus Woking ist der erste Platz hinter den Topteams Mercedes und Red Bull das (vorerst) anvisierte Optimum. Lando Norris war in allen drei Großen Preisen in dieser Saison der Mann mit dem Titel „Best of the Rest“, er feierte damit einen Hattrick, für den es in der Gesamtwertung zwar keine Extrapunkte gibt, der aber fürs eigene Selbstwertgefühl enorm wichtig ist. „Ich habe Vertrauen in mich, Vertrauen in das Team. Alles läuft gut“, sagt der Vizemeister der Formel 2 von 2018. In ihm besitzt das Traditionsteam einen Fahrer, der in der Lage ist, die Grenzen nach oben zu schieben, da sind sich viele Experten einig – und das im erst dritten Formel-1-Jahr des jungen Mannes, der schätzungsweise vier Millionen Euro im Jahr bei McLaren verdient. „Für sein drittes Jahr ist es super bei ihm zu sehen, mit welcher Sicherheit und mit welchem Überblick er die Manöver setzt“, betont Seidl.
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Doch im Mittelfeld wird hart gekämpft, die Fluktuation ist groß, ein Auto, das auf der einen Strecke gut funktioniert hat, kann beim nächsten Grand Prix durchgereicht werden. An diesem Wochenende steht ein Gradmesser an, denn in der Formel 1 gilt der Leitsatz: Wer in Barcelona schnell ist, ist fast überall schnell. Die Strecke gilt als Indikator für die Konkurrenzfähigkeit. „Wir werden dann ein gutes Bild haben, wo wir wirklich stehen“, sagt Andreas Seidl. Womöglich werden die McLaren-Bosse und Norris darin bestärkt, dass Platz fünf in der Fahrer-WM ein erreichbares Ziel für 2021 sein könnte – doch noch bleibt der 22-Jährige zurückhaltend. „Darüber nachzudenken ist noch viel zu früh“, sagt er, „ich tue aber, was ich kann.“
Dass sein Höhenflug die Laune hebt, ist selbstredend. Doch Norris ist ohnehin einer, der keinem Scherz aus dem Weg gehen würde. Im Fahrerlager von Portugal warf der Jungstar einen Papierflieger ins Büro des Red-Bull-Teams, darauf stand: „Hilfe!“ Ein aufdringlicher Kameramann der Bullen war ihm auf Schritt und Tritt gefolgt und ließ nicht ab. Das Späßchen transportierte Norris natürlich auf Twitch ins Netz – und er hat damit sicher seine Fangemeinde erweitert.