Formel 1 Mad Max ist zurück
Beim Formel-1-Rennen in Barcelona entlädt sich der Frust des Niederländers Max Verstappen, indem er in alte Muster zurückfällt.
Beim Formel-1-Rennen in Barcelona entlädt sich der Frust des Niederländers Max Verstappen, indem er in alte Muster zurückfällt.
Theoretisch müsste an dieser Stelle jetzt ordentlich Bilanz gezogen werden über die neuen, nicht mehr so flexiblen Frontflügel. Sie sollten alles verändern, was sie aber nicht taten. Doch wie gut, dass die Formel 1 ein Praxis-Semester ist. Nach dem dritten Europa-Rennen innerhalb von drei Wochen könnte man aber auch behaupten: sie ist eine rasende Wundertüte.
60 Runden lang war der Große Preis von Spanien am Sonntag ein Taktik-Thriller, auf den letzten sechs Umläufen brach das blanke Chaos aus. Und für die beste Unterhaltung sorgte in altbewährter Manier Champion Verstappen in seiner Paraderolle als „Mad Max“. Dass der Niederländer zum Fahrer des Tages gewählt wurde, muss alle Puristen erzürnen.
Dabei ist die Ehre völlig verdient, auch wenn Verstappen nach der Eskalation in der Schlussphase von Barcelona jetzt nur noch einen Strafpunkt von einer Sperre entfernt ist und bis Ende Juni brav bleiben muss. In Barcelona hat sich wieder gezeigt, dass er der würdige Herausforderer von Sieger und WM-Spitzenreiter Oscar Piastri ist, dessen McLaren-Kollege Lando Norris war einmal mehr dem Druck nicht gewachsen. Nur der Red-Bull-Pilot kann diese Saison für alle noch wirklich spannend halten, ob er sich dabei im Griff hat oder nicht. Mercedes oder Ferrari sind zu unbeständig, das hat der erste Teil der Europa-Saison gezeigt. Es braucht einen Reißer, selbst wenn dieser sich gelegentlich Ausreißer leistet. Wäre zu ärgerlich, wenn Barcelona schon die Vorentscheidung gewesen sein sollte. Jetzt, wo Verstappen zur persönlichen Hochform aufläuft.
Nach der Safety-Car-Phase kurz vor Schluss raubten die falschen Reifen ihm alle Chancen – und den letzten Nerv. Beim Re-Start wäre er fast schon mit Norris kollidiert, dann berührte er sich bei 300 km/h mit dem Ferrari von Charles Leclerc, schließlich ging es ins Duell mit George Russell. Beim ersten Mal knallte es schon, was die Schuld des Mercedes-Piloten war, es folgte die Retourkutsche von Verstappen. Der sollte auf Geheiß des Red-Bull-Kommandostandes den Briten passieren lassen, tat zunächst auch so, um es dann bewusst krachen zu lassen. Der Gegenspieler im Mercedes war höchst unangenehm überrascht: „Ich weiß nicht, was ihm da durch den Kopf gegangen ist. Max fährt so tolle Rennen, aber immer wieder passiert ihm so etwas. Das ist schade, unnötig – und es bringt ihm nichts.“ Echte Go-Kart-Mentalität.
Kompletter Kontrollverlust aus purem Frust. Aber einer mit Folgen: Zehn Sekunden Strafe bedeuteten Rang zehn, ein WM-Pünktchen nur. Piastri ist jetzt 49 Zähler weg, 39 ist der Rückstand auf Norris. Jeder andere würde darob in Sack und Asche gehen, aber der Niederländer denkt gar nicht daran. (Vielleicht, weil er schon an einen Wechsel zu Aston Martin denkt?). Da mag sein Kumpel Norris noch so höhnen, solche enthemmten Schlussakkorde kenne er vom Videospiel Mario-Kart. Darauf, dass sein Intimfeind George Russell gar von einem schlechten Vorbild für die Jugend sprach, parierte der desillusionierte Champ ohne große Reue: „Das nächste Mal bringe ich Taschentücher mit . . .“
Ihm bleibt nur der bedingungslose Angriff, weil sein Dienstwagen einfach nicht besser und schneller werden will. Sein Mentor Helmut Marko entschuldigt sich stellvertretend: „Max ist lange vorne mitgefahren. Da war dann ein gewisser Frust da, der sich auch in der Fahrweise bemerkbar macht.“ Es gehe dabei gar nicht so sehr um den bitteren Ausgang an diesem Wochenende, die Tendenz sei das Gefährliche: „Der Rückstand auf McLaren wird langsam beängstigend. Wir können auch nach den Updates das Tempo nicht halten, sind zwei, drei Zehntel langsamer. Das kann auch ein Verstappen nicht aufholen, vor allem nicht auf lange Sicht.“
Im Leben und insbesondere in der Formel 1 solle man nicht zu viel bereuen, beschied Rüpel Verstappen den Kritikern. Sein alter Gegenspieler Lewis Hamilton, der in den letzten drei Wochen noch ein bisschen desillusionierter geworden ist, nimmt das Schicksal als Nummer zwei bei Ferrari hingegen ohne große Gegenwehr hin, auch die Worte scheinen ihm auszugehen: „Ich habe nichts zu sagen.“ So leicht macht es der amtierende Weltmeister den anderen nicht. Er fährt, wie er spricht – und umgekehrt. Rammstöße inklusive.
Was ihn vor allem nervt, und das nicht zum ersten Mal, ist die Interpretation der Regeln auf der Rennstrecke: „Was erlaubt ist, und was nicht, ist häufig gegen das Naturell von uns Rennfahrern. Manchmal funktioniert es für einen und manchmal arbeitet es gegen einen, diesmal hat es gegen mich gearbeitet.“ Besonders ärgerlich natürlich, dass die Streckenkommissare gar kein Vergehen sahen, um Russell den Platz zurückzugeben. Der Eklat war also völlig überflüssig. Lakonisch antwortet der 27-Jährige auf die Annahme, dass er sich selbst um die Chancen im Titelrennen bringe: „Ich habe nie behauptet, dass ich überhaupt in diesem Kampf bin. Wenn McLaren alles richtig macht, sind sie unschlagbar.“
Da ist zu spüren, dass Verstappen schwer enttäuscht ist und sich zutiefst ungerecht behandelt fühlt – weshalb er dann mit der gleichen Emotionalität überreagiert, die ihn sonst zu seinen Ausnahmeleistungen treibt. Kürzlich erst hat der Schach-Weltmeister Magnus Carlsen über die Formel 1 gehöhnt: „Das ist der langweiligste Sport, den man sich überhaupt nur vorstellen kann.“ Immerhin, mit einem lag der Norweger richtig: „Die Leute schauen es nur wegen der Persönlichkeiten.“ Vielleicht sollte er am Brett auch öfter mal den Mad Magnus geben.