Formel 1 Sebastian Vettel und Ferrari – das Ende eins Irrtums

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Sebastian Vettel und Ferrari gehen nach der Saison 2020 getrennte Wege. Die Zukunft des Piloten ist ungewiss.

Sebastian Vettel war bei Ferrari oft nicht glücklich. Foto: AFP/Carl de Souza
Sebastian Vettel war bei Ferrari oft nicht glücklich. Foto: AFP/Carl de Souza

Stuttgart - Sebastian Vettels Worte zum Abschied von Ferrari nach der Saison, sie sagen alles: Es hat nicht mehr funktioniert. „Um die bestmöglichen Ergebnisse in diesem Sport zu erzielen, ist es für alle Beteiligten wichtig, in perfekter Harmonie zu arbeiten“, sagte der Heppenheimer und offenbarte damit, dass die Chemie zwischen ihm und dem italienischen Formel-1-Rennstall in den vergangenen Monaten nicht mehr stimmte. Es lief also nicht mehr perfekt. Womöglich ist das nur eine höfliche Umschreibung für den tatsächlichen Ist-Stand der Beziehung: Sie ist am Ende.

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Dass Ferrari dem viermaligen Champion nur einen Einjahresvertrag zu deutlich dürftigeren finanziellen Bedingungen angeboten hatte, es belegt: Man wollte den Piloten wohl los werden. Für Vettel, der daran erinnerte, immer nur Verträge über drei Jahre unterschrieben zu haben und sich trotz seiner 32 Jahre noch fit zu fühlen, war dieses kurzfristige Angebot ein Vertrauensentzug und in finanzieller Hinsicht womöglich auch eine Unverschämtheit – obwohl er betonte, dass Geld bei der „gemeinsamen Entscheidung“, sich zu trennen, keine Rolle gespielt habe. „So denke ich nicht, wenn es darum geht, bestimmte Entscheidungen zu treffen, und das wird auch niemals so sein“, sagte Vettel, der Ehrenmann. Doch unter Wert verkauft sich im Milliardenzirkus keiner – vor allem nicht ein viermaliger Weltmeister.

Sichtbare Ungeduld

Nach fünf titelfreien Jahren und einer durch die Corona-Pandemie noch nicht einmal begonnenen sechsten gemeinsamen Spielzeit fällt nun der Vorhang. Lustig wäre es, wenn Vettel in dieser vermutlich stark dezimierten Restsaison wie durch ein Wunder Weltmeister werden würde. Fakt ist: Der Rennfahrer und die italienische Mannschaft beenden ein Missverständnis, das geprägt war von dem dominanten Gegner Mercedes, eigenem Unvermögen und immer wieder sichtbarer Ungeduld.

Sebastian Vettel wollte auf Teufel komm raus wie sein Vorbild Michael Schumacher Ferrari-Weltmeister werden, auch die Italiener gaben sich Mühe – aber es hat nicht funktioniert. Die Gemeinschaft bröckelte, je länger der große Erfolg ausblieb. Dass Vettel es nicht schaffte, wie Schumacher eine gewisse Wettbewerbs-Faszination bei den oftmals auch trägen und zur Selbstzufriedenheit neigenden Italienern auszulösen wie seinerzeit Schumacher – geschenkt. Jeder ist anders. Auch Fernando Alonso kam mit der traditionsreichen italienischen Truppe nicht zurecht. Der Spanier brachte im Nichterfolgsfall sogar noch viel weniger Geduld auf als der Deutsche und zog sich zügig sehr schmollend ins Schneckenhaus zurück.

Auf Platz drei

Nach 103 Grand Prix und 14 Siegen für die Scuderia fehlte Sebastian Vettel offenbar auch das: die Anerkennung. Nun, am Ende der Liaison, bekommt er sie, indem der Ferrari-Teamchef Mattia Binotto in seiner Erklärung darauf verweist, dass Vettel auch etwas geleistet hat im roten Overall. „Mit 14 Siegen ist Sebastian der dritterfolgreichste Ferrari-Pilot aller Zeiten. Auch dafür und für seine große Professionalität wollen wir ihm danken.“ Die Entscheidung, sich zu trennen, sei aber für beide Parteien das beste gewesen. „Wir haben einfach gespürt, dass es Zeit ist, sich zu trennen“, sagte Binotto. Dabei war für den bisweilen überfordert wirkenden Teamchef der deutsche Rennfahrer vor Kurzem noch „unsere erste Wahl“.

Dieser ersten Wahl soll Medienberichten zufolge ein Jahresgehalt von 15 Millionen Dollar angeboten worden sein – bei 30 Millionen, die der Vierfach-Champion zuvor verdiente. Außerdem machte Ferrari nie wirklich ein Geheimnis daraus, dass der hochveranlagte Nachwuchsmann Charles Leclerc die Zukunft verkörpere – und die große Hoffnung auf den nächsten Ferrari-Titel sei. Vettels Nummer-eins-Nimbus geriet mit jeder schnellen Rundes des Monegassen ins Wanken. Am Ende der vergangenen Saison war Leclerc WM-Vierter, Vettel Fünfter.

Große Ehre

Der Teamkollege sprach von einer „großen Ehre“, mit dem 32-Jährigen in einem Team gefahren zu sein. „Wir hatten einige heikle Situationen auf der Strecke, aber der Respekt war immer da“, kommentierte Leclerc die Nachricht vom baldigen Abschied. Wohin Vettels Reise führt, ist ungewiss. Renault wird ebenso wie McLaren Interesse an dem Piloten nachgesagt, auch Mercedes sendet Signale aus - so sagte Teamchef Toto Wolff gestern: „Mit Blick auf die Zukunft sind wir in erster Linie gegenüber unseren aktuellen Mercedes-Fahrern zu Loyalität verpflichtet, aber wir können diese Entwicklung natürlich nicht außer Acht lassen.“ Allerdings scheint auch ein Abschied Vettels aus der Formel 1 nicht unmöglich.

Er will sich nun Zeit nehmen, um über seine Zukunft nachzudenken. „Was in den vergangenen Monaten passiert ist, hat viele von uns dazu gebracht, darüber nachzudenken, was unsere wahren Prioritäten im Leben sind“, sagte Sebastian Vettel im Hinblick auf die Corona-Krise. Das Virus hat die Entscheidung gegen Ferrari wohl beschleunigt.