Überraschung vor dem Großen Preis von Ungarn: Der viermalige Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel beendet seine Karriere nach der Saison und will sich vor allem der Familie widmen.

Sport: Jürgen Kemmner (jük)

Tarnen, tricksen, täuschen. Das ist neben Gasgeben und Bremsen das Metier der Formel 1. Sich nicht in die Karten schauen lassen gilt für Ingenieure wie für Fahrer. Sebastian Vettel, seit 2007 in der Eliteliga, kennt alle Kniffe aus dem Effeff. Vor dem Grand Prix von Frankreich vergangene Woche geisterte durchs Fahrerlager, der Aston-Martin-Fahrer, noch ohne Vertrag für 2023, werde von McLaren umworben. „Das sind Gerüchte“, teilte er mit, derzeit befasse er sich nur mit dem aktuellen Arbeitgeber: „Ich bin nicht nur für Aston Martin der Plan A, sondern sie auch für mich.“ Und auf der Pressekonferenz in Le Castellet wurde Vettel auf einen Verbleib angesprochen. „Ich denke, es gibt eine klare Absicht, miteinander weiterzumachen“, sagte der 35-Jährige, „wir werden bald wissen, wo wir stehen.“

Wer daraus leichtsinnig geschlossen hatte, Vettel werde auch in der kommenden Saison im Cockpit des dunkelgrünen Autos sitzen, der muss zugeben: falsch gedacht. Aussagen in der Formel 1 haben mitunter eine Halbwertszeit von wenigen Tagen, denn vor dem Großen Preis von Ungarn an diesem Sonntag (15 Uhr) teilte Aston Martin offiziell mit: „Sebastian Vettel wird am Ende dieser Saison zurücktreten, nachdem er eine brillante Motorsportkarriere hinter sich gebracht hat.“ Der viermalige Weltmeister (2010 bis 2013) steigt im Dezember aus, nachdem er mit Aston Martin seit 2021 nur noch mit dabei war, anstatt mittendrin im Kampf der Großen.

Sebastian Vettel dokumentierte seinen angekündigten Abschied auf eine Weise, die besser nicht verdeutlichen könnte, dass er bald ein neues, vollkommen anderes Leben als das eines Autorennfahrers beginnen wird – der Mann, der die sozialen Medien gemieden hatte wie eine Katze den Hundezwinger, hatte sich ein Konto bei Instagram eingerichtet und stellte ein vierminütiges Filmchen ins Netz, auf dem er ruhig seine Beweggründe darlegte. Innerhalb kürzester Zeit folgten ihm über 1,2 Millionen Menschen.

„Meine Ziele haben sich verändert“, erzählte er, „weg von Rennsiegen und dem Kampf um Meisterschaften, dazu, meine Kinder aufwachsen zu sehen.“ Die drei Töchter, seine Frau, die Liebe für die Natur, die Herausforderungen der Menschheit, der Kampf um Gleichheit, der Zwiespalt, für Klimaschutz zu sein, aber Motorsport zu betreiben – Vettel ließ die Öffentlichkeit tief in die Seele blicken, wie er es noch nie getan hatte. „Ich liebe diesen Sport“, betonte Vettel, „er war, seit ich denken kann, der Mittelpunkt meines Lebens. Aber es gibt ein Leben neben der Rennstrecke. Rennfahrer zu sein war nie meine einzige Identität. Ich bin Sebastian, Vater von drei Kindern und Mann einer wundervollen Frau.“

Auch wenn es der 35-Jährige in seiner Videobotschaft nicht aussprach, die schiere Bedeutungslosigkeit seines Teams in der Serie, die nicht vorhandene Chance, um Rennsiege oder wenigstens Podestplätze mitzukämpfen, diese harte Realität mag Vettel überdies dazu bewogen haben, einen Schlussstrich unter seiner Karriere zu ziehen – Aston Martin ist Vorletzter in der Konstrukteurswertung, er selbst liegt in der Fahrer-WM abgeschlagen auf Rang 14. Teamchef Mike Krack hätte den Altstar gerne als Chefpiloten behalten, der Rennstall hatte dem Routinier kürzlich ein Angebot zur Vertragsverlängerung vorgelegt. Nun haben die Bosse des britischen Teams Klarheit, dass Vettel seine künftige Rolle im Leben nicht mehr als Rennfahrer sieht.

Er sei neugierig, berichtete Vettel in seiner Instagram-Botschaft, mal nervig, nach Perfektion strebend, ehrgeizig. Das sind die Attribute, die ihn im Beruf noch immer auszeichnen und zu einem der Besten seines Fachs machten. Als BMW-Ersatzpilot gab er am 17. Juni 2007 sein Formel-1-Debüt, als er in den USA den verletzten Robert Kubica ersetzte. Kurz darauf holte ihn Toro Rosso (jetzt Alpha Tauri), wo Vettel am 14. September 2008 in Monza völlig überraschend seinen ersten Grand-Prix-Sieg feierte – es folgte die Ära bei Red Bull, wo er von 2009 bis 2014 vier Weltmeisterschaften abräumte und zum Star aufstieg. Ferrari konnte der Hesse ab 2015 jedoch nicht zum Titel führen, zweimal wurde er Vizeweltmeister, als mehr und mehr Verschleißerscheinungen zwischen Scuderia und Fahrer auftraten, wurde er 2021 durch Charles Leclerc ersetzt – und auch bei Neueinsteiger Aston Martin fand Vettel nicht mehr in die Erfolgsspur zurück.

Der Aussteiger hat nicht verraten, was er im nächsten Jahr unternehmen wird. Auch wenn sich Sebastian Vettel im Tricksen, Tarnen und Täuschen bestens auskennt, wäre es eine dicke Überraschung, wenn er regelmäßig im Umfeld der Formel 1 auftaucht.