Forscherporträt Ein Vorreiter in der Genetik

Von Rainer Kurlemann 

Shoukhrat Mitalipov hat die ersten menschlichen Embryonen geklont und eine Methode erfunden, bestimmte Gendefekte vor der Geburt zu korrigieren. Die Therapie steht kurz vor ersten klinischen Tests. Bei einer Fachtagung in Bonn erläutert Mitalipov seine Ziele und nimmt Stellung zu ethischen Fragen.

Shoukhrat Mitalipov arbeitet an der Oregon Health & Science University in den USA. Foto: OHSU
Shoukhrat Mitalipov arbeitet an der Oregon Health & Science University in den USA. Foto: OHSU

Bonn - Shoukhrat Mitalipov wirkt gelassen und bescheiden. Sachlich spricht er über seine Arbeit. Die wachen Augen verfolgen den Gesprächspartner. Dabei hätte Mitalipov allen Grund für Stolz. Er ist der Erste, der bei Klon-Experimenten mit menschlichen Zellen erfolgreich war. Damit nicht genug: Das britische Parlament hat im Februar eine Therapie genehmigt, die Frauen mit einer bestimmten Form von Erbkrankheiten die Geburt gesunder Kinder ermöglichen soll. Mitalipov ist der Vater dieser Methode. Dabei wird in der Eizelle der Frau defekte DNA gegen ein gesundes DNA-Fragment von einer anderen Frau getauscht. „Noch in diesem Jahr werden die ersten klinischen Tests dieser Therapie beginnen“, berichtete Mitalipov bei einer Fachtagung des NRW-Stammzellnetzwerkes in Bonn. Das bedeutet eine Revolution: 2016 werden die ersten Kinder geboren werden, die nicht zwei, sondern drei genetische Eltern haben.

In Bonn berichtet Mitalipov am Rednerpult im ehemaligen Bundestag von seinen jüngsten Ergebnissen. Er vergleicht die Qualität von menschlichen Stammzellen, die auf verschiedenen Wegen hergestellt wurden. Was ist besser? iPS-Zellen, die mit einer ethisch unproblematischen Methode aus Hautzellen eines Patienten gewonnen wurden? Oder Stammzellen, für deren Produktion ähnliche Verfahren verwendet werden, mit denen einst das Klonschaf Dolly entstand? Für eine Bewertung sei es zu früh, sagt Mitalipov. In der derzeitigen Phase der Entwicklung neuer Therapien sei es aus wissenschaftlicher Sicht sehr sinnvoll, Alternativen zu haben.

Mancher Beobachter reibt sich verwundert die Augen. Ist die ethische Debatte um die Herstellung von Stammzellen nicht geführt? Hat der Bundestag über die Verwendung von Stammzellen in Deutschland nicht längst entschieden? Er hat: Klonen ist verboten oder die Verwendung bestimmter Zelllinien stark eingeschränkt. Mitalipov respektiert diese Entscheidungen. Er sagt aber auch, dass es Aufgabe der Wissenschaft sei, Fakten zu sammeln, damit Entscheidungen gefällt werden können. Als die Abgeordneten über das Gesetz abstimmten, war ein Vergleich zum möglichen praktischen Nutzen der verschiedenen Zelltypen, wie Mitalipov ihn führen will, nicht möglich.

Eingriffe in die Keimbahn lehnt der Forscher vorerst ab

Mitalipovs ethisches Universum ist klar: Bevor mit menschlichen Zellen gearbeitet werden darf, sollten die Verfahren mit tierischen Zellen gesichert getestet sein. Nicht jeder Fortschritt sei schon reif für den therapeutischen Einsatz. Chinesische Forscher haben kürzlich versucht, einzelne Gene direkt im Zellkern der menschlichen Eizelle zu reparieren. Diesen Eingriff in die Keimbahn lehnt Mitalipov ab. Da sei noch viel Arbeit mit tierischen Zellen nötig, um die Sicherheit der Methode zu untersuchen, sagt er.

Die nächste Grenze sei die Einpflanzung einer veränderten Eizelle in die Gebärmutter. Eben das ist in Großbritannien jetzt erlaubt worden. Das Land nimmt erneut eine Vorreiterrolle im Umgang mit Eizellen ein, wie schon bei der künstlichen Befruchtung oder beim Klonschaf Dolly. Die Bedenken waren groß, aber die britischen Politiker haben sich für den (vermeintlichen) medizinischen Fortschritt entschieden.

Im Falle von Mitalipov durchläuft die Wissenschaft scheinbar Zyklen. Mitalipov wurde in Kasachstan geboren. Als Louise Brown, das erste Retortenbaby, in der Nähe von Manchester zur Welt kam, ist er 17 Jahre alt. Das habe ihn bewegt. Er habe viele populärwissenschaftliche Bücher über künstliche Befruchtung gelesen, berichtet Mitalipov, wie sein Interesse an diesem Forschungszweig entstanden sei.

Während die Sowjetunion und der Ostblock zerbrachen, steckte der damals 30-Jährige in Moskau an seiner Doktorarbeit über Stammzellen von Mäusen. Nach deren Ende hatte sich die Situation so verschlechtert, dass der ehrgeizige Nachwuchswissenschaftler in seiner Heimat nicht genug Geld für seine Forschung fand. 1995 ging Mitalipov deshalb nach Deutschland, arbeitete acht Monate am Institut für Humangenetik in Münster.

Wie werden sich die veränderten Gene auswirken?

Mitalipov will keine Zahlen aus Großbritannien nennen, obwohl er sie vermutlich kennt. Er hat die Meinungsbildung beeinflusst, profitiert aber nicht von der Parlamentsentscheidung. Mitalipov arbeitet inzwischen an der Oregon Health & Science University in den USA, wo sein Verfahren noch auf eine Genehmigung durch die Behörden wartet. Bei den klinischen Tests handele sich nicht um ein Angebot für alle Betroffenen, sondern um „sehr begründete Einzelfallentscheidungen“. Wie Louise Brown werden diese Kinder über Jahre penibel untersucht werden: ihre Entwicklung, ihre Krankheiten, ihr Genom. Gegner befürchten, dass der Austausch selbst einer vermeintlich kleinen Zahl an Genen unerwartete Auswirkungen haben könnte.

„Es ist das erste Mal, dass die Forschung versucht, Krankheiten zu verhindern, die durch Fehler in den Genen verursacht werden“, sagt Mitalipov. Es geht dabei nicht um die mehr als 20 000 Gene im Zellkern der Eizelle, von denen angenommen wird, dass sie den Menschen als Wesen prägen. Es geht um Defekte im Energiekraftwerk der Zelle: im viel kleineren Erbgut der Mitochondrien, das 33 Gene besitzt. Etwa eines von 4000 Kindern wird mit Gendefekten in den Mitochondrien geboren, die zu zahlreichen Krankheiten führen. Die Frauen, die um das Risiko der Vererbung wissen, könnten in den Genuss der neuen Therapie kommen und ihre schadhafte Mitochondrien-DNA komplett austauschen lassen.

„Wir reparieren nichts. Wir tauschen aus. Wir verwenden ein natürliches Stück DNA, dessen Verträglichkeit aus der Eizelle einer anderen Frau bekannt ist“, sagt Mitalipov. Mit dieser Interpretation verschiebt er die genetische Manipulation in die Nähe einer Organspende. Menschen mit solchen Erkrankungen hätten das Recht auf die Entwicklung einer Therapie, sagt er. Aus seiner Sicht finden die Patienten nicht genug Gehör. „Am Ende geht es doch um sie, und sie müssen entscheiden.“