Forschungsethik War das Schufa-Projekt böse?

Welche Daten die Schufa nutzt, sei schon intransparent genug, bemängeln Kritiker. Foto: dapd
Welche Daten die Schufa nutzt, sei schon intransparent genug, bemängeln Kritiker. Foto: dapd

Die Forscher vom Hasso-Plattner-Institut beteuern, nichts Böses im Schilde geführt zu haben. Doch unter dem öffentlichen Druck haben sie das Projekt schnell gekündigt. Dabei ist die Forschung in Deutschland doch frei. War die Kritik gerechtfertigt?

Wissenschaft: Alexander Mäder (amd)
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Stuttgart - Das Grundgesetz schützt in Artikel 5 die Freiheit der Forschung. „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei“, heißt es dort. Und doch haben sich in der vergangenen Woche die Bundesministerinnen Ilse Aigner und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger gegen ein Forschungsprojekt ausgesprochen: Sie kritisierten den Plan der Schufa, untersuchen zu lassen, wie Angaben auf Facebook-Seiten zur Bonitätsprüfung genutzt werden könnten. Schon am nächsten Tag kündigte das Hasso-Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik aus Potsdam das auf drei Jahre angelegte Forschungsprojekt mit der Schufa – wegen „mancher Missverständnisse in der Öffentlichkeit“ und „darauf aufbauender Reaktionen“, wie es in der Pressemitteilung hieß.

Der Rückzieher ist allgemein begrüßt worden, und in der Öffentlichkeit mag es nicht ungewöhnlich erscheinen, dass ein Projekt nach massiver Kritik eingestellt wird. Der Datenschutz im Internet ist in Deutschland ein sensibles Thema. Viele Vermieter und Mieter ließen beispielsweise vor anderthalb Jahren ihre Häuser bei Google Street View verpixeln. Die Kritiker wollten der Schufa zu verstehen geben, wie unsensibel es wäre, personenbezogene Daten dieser Art zu verwenden, um über die Kreditwürdigkeit zu entscheiden.

Doch in der Wissenschaft werden Projekte selten gestoppt, schließlich ist die Forschung frei – und das wird oft so verstanden, dass sich ein Wissenschaftler seine Themen aussuchen darf. Dem widerspricht Wolf-Michael Catenhusen, stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Ethikrats: Wenn man den Eindruck erwecke, dass das Hauptinteresse der Forschung „die Marktperspektiven eines Unternehmens sind, dann ist das sicherlich eine Verkürzung der Verantwortung der Wissenschaft“, sagte Catenhusen im „Deutschlandfunk“.

Reicht ein schlechter Eindruck, um ein Projekt zu stoppen?

Was ist von diesem Argument zu halten? Man darf den Mitarbeitern am gerade gegründeten Schufa-Labor des Hasso-Plattner-Instituts wohl unterstellen, dass sie nicht im Sinn hatten, die Bonitätsprüfung der Schufa um Facebook-Daten zu erweitern. Nach eigener Darstellung wollten sie untersuchen, „welche Webdaten überhaupt verwertbar und welche Informationen generierbar sein könnten im Netz“. Gesellschaftliche Aspekte hätten in die Prüfung einfließen sollen. Doch Catenhusen geht es nicht darum, was die Forscher wollten, sondern welchen Eindruck sie erweckt haben. Genügt ein schlechter – und womöglich falscher – Eindruck in der Öffentlichkeit, um ein Forschungsprojekt zu stoppen?

Auch wenn niemand ausdrücklich gefordert hat, das Projekt am Hasso-Plattner-Institut zu beenden, stellt sich doch die Frage, ob es richtig war von der Politik, Druck auf die Wissenschaftler auszuüben? Es ist möglich, mit Ja zu antworten, doch die Begründung stützt sich auf eine Prämisse, die womöglich nicht alle Kritiker des Schufa-Projekts teilen: Es war richtig, das Forschungsprojekt zu beenden, weil es dazu beigetragen hätte, das automatisierte Anlegen von Personenprofilen salonfähig zu machen. Aber eins nach dem anderen.

Das Problem mit der Forschungsfreiheit ist nicht, dass man sie nicht einschränken dürfte, sondern dass man ein gewichtiges Argument dafür braucht. Um ein Forschungsprojekt zu untersagen, genügt es nicht, dieses Projekt langweilig, uninteressant oder hoffnungslos zu finden, denn diese Entscheidung darf die Wissenschaft allein treffen. Auch wenn man sich vorausschauend dagegen wendet, dass die Schufa einmal auf Daten aus sozialen Netzwerken zugreifen könnte, spricht das noch nicht dagegen, diese Option von der Wissenschaft nach technischen, juristischen und gesellschaftlichen Kriterien prüfen zu lassen. Um diese Prüfung zu stoppen, muss man sagen, warum sie schaden würde.

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