Forschungsprojekt an der Hochschule Esslingen Wie sehen die Macher eigentlich Pornografie?

Sex als Geschäft: Studierende haben mit Konsumenten und Produzenten der Pornoindustrie gesprochen. Foto: dpa/Hauke-Christian Dittrich

Das Geschäft mit Sex boomt. Studierende der Hochschule Esslingen haben jetzt Menschen, die mit Pornografie ihr Geld verdienen, nach ihrem Blick auf die Ware Sex befragt. Was sie sagen – und welche Schlüsse die Wissenschaftler daraus ziehen.

Diese Frauen sind nicht perfekt. Sie haben Narben, unreine Haut, nur eine Brust. Diese Männer sind auch nicht perfekt. Sie haben kein Riesenglied, keinen Sixpack, keine muskelbepackten Oberarme. Pornografie abseits der Norm und der Klischees – eine Filmemacherin hat sich darauf spezialisiert. Sie ist eine der etwa 100 Interviewten, mit denen Studierende der Hochschule Esslingen um den Professor Kurt Möller im Rahmen eines Lehrforschungsprojektes gesprochen haben. Die Ergebnisse haben sie nun als Buch unter dem Titel „Hypersexed und Overporned“ veröffentlicht.

 

Es begann mit einer E-Mail und einem Link. Er zeigte ein bewegtes Bild: Der Kopf der Mail-Empfängerin war darauf auf einem fremden Körper zu sehen. So ging es weiter – bis hin zu pornografischen Filmen mit dem Gesicht der Frau auf einem Leib, der nicht der ihre war. Die Betroffene berichtete den Studentinnen Eva Lehmann und Alina Müns während der Interviews im Rahmen des Hochschulprojekts von Scham, Ohnmacht, ihrem vergeblichen Kampf um ein Löschen der Bilder und Videos. Und dass sie bis heute nicht weiß, warum ihr das angetan wurde: War es Rache, eine missglückte Erpressung, ein inakzeptabler Scherzversuch, Zufall? Irgendwann gab sie die Frage nach dem Warum auf und gründete eine Selbsthilfegruppe.

Spannende Forschungsarbeit: Professor Kurt Möller. Foto: Ines Rudel

In die Urgründe menschlichen Leidens sind Eva Lehmann, Alina Müns und ihre etwa 20 Kommilitonen der Projektgruppe „Sexware 2.0“ eingetaucht, als sie mit Konsumenten und Produzenten des Sexgeschäfts sprachen. Schon vor etwa 20 Jahren habe er mit Studierenden ein Buch darüber verfasst, berichtet Kurt Möller. Vor ein paar Semestern habe eine Studentin dieses Werk zufällig in der Bibliothek der Hochschule entdeckt, es gelesen und ihn darauf angesprochen. Jetzt habe das Thema durch das Internet eine neue Dimension erfahren, so der Professor. Verfügbarkeit, Angebot und Verbreitung hätten sich durch das weltweite Netz vergrößert. 80 bis 90 Prozent aller Männer hätten in den letzten zwölf Monaten in irgendeiner Form Pornografie konsumiert. Der Erstkontakt damit sei bei männlichen Jugendlichen durchschnittlich im Alter von 13,7 Jahren, bei jungen Frauen im Alter von 16,4 Jahren. Angesichts dieser Entwicklungen habe er das Projekt erneut aufgegriffen.

In dem Buch wird auch über einen Mann mit Schmetterlingen im Bauch gesprochen. Er hatte sich verliebt – in eine Pornopuppe. Als sie kaputt ging, flehte er den Verkäufer an, ihm nochmals genau den gleichen Typus zu besorgen. Eine filmreife Geschichte, die ein Anbieter von Sexartikeln den Interviewern berichtete. Ihre Gesprächspartner fanden die Studierenden über die sozialen Medien, Zeitungsartikel, Beratungsstellen, Online-Plattformen oder persönliche Bekanntschaften. Manche ihrer Kommilitonen, sagt Eva Lehmann, seien durch Tätigkeiten oder Praktika in sozialen Einrichtungen auch sehr gut vernetzt. Bis zu zwei Stunden redeten sie mit Darstellern in Pornofilmen, Prostituierten und anderen Menschen im Sexgeschäft – und auch mit den Nutzern entsprechender Angebote.

Eine Volleyballspielerin war auch unter den Befragten. Sie passe ins Portfolio, beugt Kurt Möller erstaunten Nachfragen vor. Die Sportlerin habe sich mit Clubkameradinnen gegen die knappen Höschen, Oberteile und Bikinis gewehrt, die sie bei Spielen tragen mussten. Das Zeigen von viel Haut, so erzählte die Volleyballspielerin, sorge für mehr Sponsorengelder, höhere Zuschauerquoten, und bessere Werbeeinnahmen. Ihr Protest, so Möller, habe Erfolg gehabt. Bei den Olympischen Spielen im Sommer in Paris seien die Feld- und Beachvolleyballerinnen zwar immer noch sportartgerecht in enger, aber nicht mehr in sexualisierter Kleidung aufgetreten. Dieses Gespräch sei eines der einfacheren gewesen, sagt Kurt Möller. Manche Themen und Interviews hätten die Studierenden an ihre persönliche Belastungsgrenze gebracht: Etwa als Personen davon berichteten, dass sie sich zu ihren pädophilen Neigungen bekennen, sie aber niemals ausleben wollten. Auch Selbsthilfegruppen und Gespräche sollten helfen.

Zu zweit, in Ausnahmefällen zu dritt haben die Studierenden jeweils drei bis vier Interviews geführt. Eine dabei gewonnene Erkenntnis, so Möller, ist, dass die Medienkompetenz junger Menschen und der kritische Umgang mit Inhalten, auch der sozialen Medien, gestärkt werden müsse. Ohne moralisierendes Urteil solle den Jugendlichen das Hinterfragen und ein kritischer Blick hinter die Maschinerie der Pornoindustrie vermittelt werden. Der Konsum könne Versagensängste stärken, ein falsches Bild von Sexualität vermitteln und ein unrealistisches Körperbild aufbauen. Aufklärung über die wahre Natur der Ware Sex könne gegensteuern.

Das Buch und die Autoren

Person
 Der 1954 geborene Kurt Möller hat nach seinem Abitur am Alexander-Hegius-Gymnasium in Ahaus in Nordrhein-Westfalen Erziehungswissenschaft, Soziologie und Germanistik in Münster und Bielefeld studiert. Nach Tätigkeiten auch in der außerschulischen Jugend- und Erwachsenenbildung bei unterschiedlichen Trägern oder als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität Bielefeld arbeitete er ab 1989 als Professor für Theorien und Konzepte Sozialer Arbeit an der Hochschule Esslingen. Im März 2022 ging er zwar in den Ruhestand, verschiedene Projekte mit Studierenden verfolgt er aber weiter. Forschungsschwerpunkte sind auch Jugendpolitik sowie Jugend-, Kultur- und Bildungsarbeit.

Buch
 Den etwa 300 Seiten starken Interviewband mit dem Titel „Hypersexed and overporned? Erfahrungen zwischen Lust und Leid“ (ISBN/Print: 978-3-98857-027-7) hat Kurt Möller zusammen mit der Projektgruppe sexware 2.0 aus Studierenden der Hochschule Esslingen im auslaufenden Jahr 2024 im Hirnkost-Verlag herausgebracht.

Eine Leseprobe steht unter https://www.hirnkost.de/leseprobe-hypersexed-und-overporned/ 

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