Forstverwaltung im Land Bürger wollen mehr Schutz für Waldböden

Von  

Eine Initiative wirft dem Landesforst vor, mit schweren Maschinen den Untergrund im Wald zu schädigen. Auch im Schönbuch sind die Folgen des Einsatzes von Vollerntern zu sehen: tiefe Fahrrinnen und aufgewühlte Weg

Harald Kunz (rechts)  und   Joachim Eberle vom Geografischen Institut der Uni Tübingen zeigen im Schönbuch, wie ein Waldboden nach der Holzernte aussehen kann. Foto: StZ
Harald Kunz (rechts) und Joachim Eberle vom Geografischen Institut der Uni Tübingen zeigen im Schönbuch, wie ein Waldboden nach der Holzernte aussehen kann. Foto: StZ

Tübingen - Seit Wochen schon sieht es in einigen Waldgebieten im Schönbuch aus wie auf einem Truppenübungsplatz. Die sogenannten Vollernter, schwere Maschinen, die bei der Holzernte eingesetzt werden, haben sich zum Teil bis zu 50 Zentimeter tief in den aufgeweichten Waldboden gegraben und tiefe Fahrrinnen hinterlassen, in denen das Wasser steht. Spaziergänger, sofern sie sich überhaupt durch den Matsch im Gebiet Saurucken bei Ammerbuch, Kreis Tübingen, wagen, bleiben immer wieder im aufgewühlten Dreck stecken. In Baden-Württembergs ältesten Naturpark und viel besuchtem Naherholungsgebiet, vom Bund deutscher Forstleute zum „Waldgebiet des Jahres 2014“ gekürt, stehe die Gewinnmaximierung bei der Holzernte im Vordergrund, kritisiert Harald Kunz, einer der Sprecher der Initiative Waldkritik. Ausgerechnet der Landesbetrieb Forst BW halte sich nicht an seine eigenen Vorgaben von einer naturnahen Waldwirtschaft, und missachte unter anderem Pflichten im Landeswaldgesetz, wonach bei der Bewirtschaftung der „Boden und die Bodenfruchtbarkeit zu erhalten“ seien. Ähnliche Schadorte gebe es auch in kommunalen Wäldern im Schönbuch.

Geograf Eberle: Manche Böden sind besonders sensibel

„Boden ist nicht nur Dreck“, sagt Joachim Eberle vom Geografischen Institut der Universität Tübingen. „Boden ist die Haut der Erde“, entstanden in Zehntausenden von Jahren. Manche Böden seien sehr empfindlich und erholten sich nur schwer oder erst nach mehreren hundert Jahren von einer solch massiven Verdichtung. Im Schönbuch, der zum Keuperland gehöre, gebe es solche sensiblen Bereiche. Das Problem aber sei, dass der Schönbuch sozusagen aus einem Bodenmosaik von unterschiedlichen Untergründen bestehe, erläutert Eberle. Das erschwere zugegebenermaßen die Planung der Holzernte, zumal sich sandige und befahrbare Böden mit sehr lehmigen abwechselten, die zur Verdichtung und Staunässe neigten. Dort wachsen inzwischen Binsen, Zeigerpflanzen für Nässe, erklärt der Geograf Eberle. Mit Mühe sticht er beim Ortstermin den Spaten in den verdichteten Untergrund, „Grau, rostfleckig, marmoriert“, das seien Anzeichen für Verdichtung und mangelnde Sauerstoffzufuhr, sagt er.

Das sei kein „ästhetisches Problem“, wie der Forst gegenüber den Waldkritikern argumentierte, ärgert sich Kunz. Hier sei der Boden nachhaltig zerstört, weshalb die Gruppe auch beim Forstzertifzierer FSC Beschwerde einreichte. Doch von dem Verfahren, das ihnen sozusagen Geheimhaltung vorgeschrieben hätte, sind die Waldkritiker enttäuscht. Sie haben deshalb nicht daran teilgenommen.

laut den Kritikern gibt es Alternativen zu den schweren Vollerntern

Das Holz könne auch ohne die schweren Vollernter gewonnen werden, „man muss nur wollen“, sagt Richard Koch, der als pensionierter Oberforstrat der Fachmann bei den Waldkritikern ist. Etwa durch einen Seilkran oder sogenannte Moorbänder, teurere, angesichts der gestiegenen Holzpreise seiner Ansicht nach jedoch vertretbare Alternativen. Oder man nehme die sehr sensiblen Bereiche als kleine Bannwälder komplett aus der Nutzung wie etwa die Steilhänge der Schwäbischen Alb, sagt Kunz. Bis zum Sommer will die Gruppe ein Bodenschutz- und Holznutzungskonzept für den Schönbuch vorlegen. Denn 2015 sei auch das Internationale Jahr des Bodens

Beim Staatsforst kommen die Vorschläge der Waldinitiative dagegen nicht gut an. Der Sprecher von Forst BW weist deren Kritik zurück. Diese beziehe sich auf Bodenschäden in den Fahrwegen der schweren Maschinen, den sogenannten Rücke­gassen. Just mit einem solchen Konzept, das Rückegassen im 40-Meter-Abstand vorsehe, wolle Forst BW großflächige Bodenschäden vermeiden. Der Staatsforst gehe hier beispielhaft voran. Denn gemäß den Vorgaben der beiden Siegel für eine nachhaltige Forstwirtschaft – FSC und PEFC – seien deutlich dichtere Abstände von 20 Metern zulässig. „Rückegassen sind Bodenschutz“, stellt der Forstsprecher klar. Es sei bekannt, dass es im Schönbuch „befahrungsempfindliche Böden“ gebe. Darauf werde Rücksicht genommen. Die Forstunternehmer hätten die Anweisung, die Arbeit einzustellen, sollten die Maschinen wegen der nassen Witterung zu tiefe Furchen reißen, sagt der Sprecher von Forst BW. Wenn die Böden in den Rückegassen abtrockneten, würden sie wieder hergerichtet, ebenso wie der Wanderweg entlang des Wildgeheges, der ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Für die Natürschützer sind die Rückegassen „nur“ ein Kompromiss

Der Waldreferent des Naturschutzbundes Nabu, Johannes Enssle, appelliert an den Staatsforst, in bodensensiblen Bereichen und in Naherholungsgebieten schonendere Arbeitsmethoden wie etwa Seilkräne einzusetzen, auch wenn es teurer sei. Das aber sei eine politische Entscheidung. Das Rückegassen-Konzept des Staatsforstes hingegen sei „ein klassischer Kompromiss“. In den Fahrspuren werde der Waldboden „geopfert“, dadurch aber werde weniger Waldfläche insgesamt befahren. Wünschenswert wäre, sagt Enssle, wenn im Kommunalwald diese 40-Meter-Regelung ebenfalls übernommen würde.