Forstwirtschaft in Weissach Der Wald als Spiegel der Gesellschaft

Von Stefanie Keinath-Berk 

BUND-Vortrag: Wie zeigt sich der Klimawandel in den heimischen Erholungsgebieten?

Hitze und Trockenheit  machen dem Wald zu schaffen. Foto: factum/Simon Granville
Hitze und Trockenheit machen dem Wald zu schaffen. Foto: factum/Simon Granville

Weissach - „Wenn ich wüsste, dass morgen die Erde unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“, soll Martin Luther einst gesagt haben. War der Ausspruch damals eher als Sinnbild für die Auferstehung der Toten gedacht, kann er heute als Hoffnung für den Klimawandel gesehen werden. Es passt in die globale und soziale „Fridays for Future“-Bewegung rund um Greta Thunberg. Die Auswirkungen des Klimawandels zeichnen sich auch im Weissacher Wald ab.

Eine Alternative zur aktuellen Waldbewirtschaftung aufzuzeigen, lag daher im Fokus der Veranstaltung, zu der der BUND Weissach und Flacht eingeladen hatte. Es dozierte der diplomierte Forstwirt Klaus Borger, Mitglied der Grünen, der aktiv gegen den Klimawandel steuert. Einen aktuellen Bezug erhielt die Veranstaltung zusätzlich durch den von der Gemeinde Weissach diskutierten und verabschiedeten forstwirtlichen Betriebsplan für das Jahr 2020.

Bei einem solch brisanten Thema überraschte es nicht, dass sich viele interessierte Bürger zu der dreistündigen Veranstaltung eingefunden hatten. Waldbewirtschaftung in Zeiten des Klimawandels beschäftigt die Weissacher Gemeinde jedoch nicht nur, sie polarisiert sie auch. Borger forderte dazu auf, nicht den Anspruch zu haben, dass der Wald eine schwarze Null schreiben muss.

Früher hatte die Gesellschaft andere Ansprüche

Die Revierbezirksleiterin Inge Hormel vom Kreisforstamt gab zu Bedenken, dass der Wald der Spiegel der Gesellschaft sei. Die frühere Waldbewirtschaftung wurde nach bestem Wissen und Gewissen, den Bedürfnissen der Zeit angepasst. „Der damalige Anspruch der Gesellschaft war, dass wir Holz brauchen“, so Hormel. Kahlstellen wurden mit Fichten bepflanzt, eine Monokultur ist daraus entstanden. Auch mit der Douglasie, dem schnell wachsenden Wunderbaum wurde experimentiert. Allerdings ist sie ein Flachwurzler, die mit Trockenheit nicht gut zurechtkommt.

„Der Wald zeigt uns, dass es in der Natur in der Summe nicht mehr stimmt“, erläutert Hormel. Auch Laubbäume wie die Buche leiden zunehmend unter den klimatischen Bedingungen.

Zurück zum Sorgenkind Fichte. Durch die extremen Witterungsbedingungen, wie Hitze und Trockenheit leidet diese Tannenart besonders stark. Gegen Krankheiten ist sie nicht mehr resistent. Hormel vertritt die Meinung, dass aktiv befallene Bäume gefällt und aus dem Wald entfernt werden müssen, um die Gefahr weiterer Ansteckungen zu minimieren.

Borger hingegen ist anderer Ansicht. „Indem wir jedem Käfer hinterherrennen, verzögern wir das Ganze nur. Eine Witterung, die sich so entwickeln müsste, dass der Borkenkäfer großflächig ausstirbt, wäre notwendig.“

Er möchte neue Wege aufzeigen, wie dem Klimawandel und der dadurch entstehenden Witterung durch Umdenken und neue Formen der Waldbewirtschaftung entgegengewirkt werden kann. Daher lässt er befallenes Holz und Totholz ganz bewusst im Wald liegen. Nicht eingreifen, sondern dem Wald vertrauen, ist sein Credo.

„Aufforstungs-Orgie angestoßen“

Die Gemeinde Weissach hat auf die sich ändernden klimatischen Bedingungen mit der Ausschreibung einer weiteren Forstbetriebsstelle zur Beseitigung des Schadgehölzes reagiert. „Ich wäre nicht überrascht gewesen, wenn man nicht auch noch die Stelle eines Regentänzers geschaffen hätte“, meint Jörg Herter, erster Vorstand des BUND Weissach und Flacht. „Ganz nach dem Prinzip, dass es schon irgendwann wieder regnen wird.“

„Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner hat eine Aufforstungs-Orgie angestoßen“, so Borger. Auf riesigen Flächen wurden Buchen angepflanzt, dazwischen haben sich ein paar Fichten ausgebreitet. Diese sind nun am Absterben und eine Monokultur bildet sich aus.

Borger weiß, dass es der Wald selbst besser machen kann. Allerdings müssen hierfür die Rahmenbedingungen stimmen, damit sich der Wald artenreich verjüngen kann. Dies geschieht am Besten über die natürliche Vermehrung der Bäume über ihren Samen. Das spart Geld und sichert das genetische Erbe der Wälder von heute. „Mit fremdländischen Pflanzen in die Zukunft zu gehen, ist nicht die Lösung“, meint Borger.

Aber wie sieht es nun in den heimischen Wäldern rund um Weissach aus? Nicht wirklich gut, meint Borger nach der Waldexkursion. Der Wald leidet unter den extremen klimatischen Bedingungen, wie Stürme, Hitze und der damit verbundenen Trockenheit. Langfristig müsse er schonend umgestellt werden, um diesen Widrigkeiten zu trotzen. Potenzial hat die 642 Hektar große Betriebsfläche der Weissacher Wälder. Bei dieser Größe könnten problemlos bis zu 8000 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr gebunden werden.

BUND will Waldschutzgebiet

Dazu müssten die Holzvorräte jedoch auf mindestens 500 Vorratsflächenmeter gesteigert werden (Der Vorratsfestmeter ist ein Maß für stehendes Holz im Wald. Er ermittelt, wie viel Holz in einem Wald in Form von lebenden Bäumen vorhanden ist). Das Waldstück, welches Borger gesehen hat, weißt jedoch deutlich weniger auf.

Auch die Revierbezirksleiterin weiß um die Probleme. „Biodiversität und Naturschutz mehr zu berücksichtigen, sind mir wichtig.“ Zudem hat sie den Anspruch, ihren Nachkommen einen vielfältigen Wald zu hinterlassen.

Bei der Diskussion lag das Einrichten eines Waldschutzgebiets im Fokus der Mitglieder des BUND, sowie Mitspracherecht, wie sich der Wald von morgen entwickeln soll. Laut Borger gibt es kein Gesetz, das der Gemeinde Weissach verbieten würde, ein Waldschutzgebiet einzurichten. Eine hundertprozentige Bewirtschaftung wird nicht gesetzlich gefordert, so Borger. Somit könnten zum Beispiel zwischen acht bis zehn Prozent des Waldes aus der Bewirtschaftung genommen werden. Bisher unterliegen ungefähr 27 Prozent der Waldfläche von Baden-Württemberg vorrangig der europaweiten Naturschutzzielsetzung.




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