Bad Cannstatt - Die Kulturinsel auf dem Gelände des alten Cannstatter Güterbahnhofs in direkter Nachbarschaft zum Club Zollamt erfreut sich bei vielen Stuttgartern aufgrund seines bunten Programms großer Beliebtheit. Und doch stellte sich im vergangenen Jahr – nicht erst mit Abbruch einer Open-Air-Party am 28. September durch die Polizei – die Existenzfrage. Denn: auf und um das Gelände entsteht ein neuer Stadtteil – der Neckarpark. Infrastrukturelle Probleme beim Thema Parken und wiederkehrende Beschwerden der Anwohner über die hohe Lärmbelästigung tun ihr übriges. Zum Ende des Jahres erlebte das sozio-kulturelle Viertel daraufhin eine Solidaritätswelle. In kurzen Videos, die auf den Online-Plattformen der Institution hochgeladen wurden, zeigten Akteure aus Politik, Wirtschaft, Kirche und anderen gesellschaftlichen Bereichen ihre Verbundenheit mit der Kulturinsel. Und anscheinend hat die Kampagne ihren Teil zum Weiterbestand des kulturellen Kleinods inmitten der zweitgrößten Baustelle Stuttgarts beigetragen. Denn: die Stadträte haben in ihrer dritten Lesung Ende vergangenen Jahres ohne Diskussion jeweils 175 000 Euro für die Jahre 2020 und 2021 in den Haushalt der Stadt für die Kulturinsel eingestellt.
In einem Antrag im Vorfeld der Entscheidung heißt es dazu: „Die Kulturinsel besteht seit sechs Jahren und hat sich in dieser Zeit zu einer stadtweit wichtigen, geschätzten und bundesweit bekannten Best-Practice- und Leuchtturm-Einrichtung im Bereich Soziales, Kultur und Bildung entwickelt.“ Kulturinsel-Geschäftsführer Joachim Petzold: „Bei uns ist die Freude natürlich groß, ähnlich wie die Anspannung vor der Entscheidung.“ Aber man wolle sich nicht auf dem Erfolg ausruhen. „Es stehen weiterhin große Herausforderungen an und die Haushaltsgelder werden keine Hängematte für uns sein“, so Petzold. Neben dem Gemeinderat war es Petzold auch wichtig, den Bad Cannstatter Bezirksbeirat zu überzeugen. Dies habe funktioniert, alle Fraktionen haben den Kulturinsel-Machern über das vergangene Jahr im Gremium immer wieder Mut gemacht.
Trotz vieler positiver Signale gibt es noch einiges zu schultern für das Kulturinsel-Team. Mit den bereitgestellten Geldern sind nur die Fixkosten gedeckt. „Sie sind die Basis für den Fortbestand der Einrichtung“, so Petzold. Um weiter gut wirtschaften zu können, sei es aber nötig, auch den Außenbereich wieder zu bespielen – etwa mit Band-Auftritten. Denn: „Der Biergarten ohne Programm trägt sich nicht.“ Dort muss aufgrund der Lautstärkeregeln genau geschaut werden, was gemacht werden darf und was nicht. Hier sei die Stadt am Zug, so Petzold. Doch auch hier ist man zuversichtlich, mit den Anwohnern, der Stadt und den anderen beteiligten Akteuren eine tragfähige Lösung zu finden – die letzten Runden Tische seien erfolgreich gewesen.
Das bestätigt auch die Stadtverwaltung: Die Kulturinsel stehe in intensivem Austausch mit dem Amt für öffentliche Ordnung, um gemeinsam Maßnahmen zur Lärmreduzierung zu erarbeiten und umzusetzen sowie ein wohnverträgliches beziehungsweise lärmreduziertes „leises Kulturprogramm“ für die Interimsnutzung auf dem Zollamt-Areal zu entwickeln. Einige Maßnahmen seien auch schon umgesetzt worden. Mittlerweile gebe es ein Banner, welche die Besucherströme besser zur Einrichtung führen würden. Auch Parkplatzwächter würden für Entspannung vor Ort sorgen. Zudem enden Open-Air-Veranstaltungen in der Regel spätestens um 22 Uhr. Jährlich sollen maximal zehn größere Open-Air-Veranstaltungen mit entsprechender Sondergenehmigung und Rücksprache mit dem Amt für öffentliche Ordnung stattfinden. Des Weiteren soll es mehr leise Veranstaltungen wie Lesungen oder Silent Konzerte mit Kopfhörern geben, und der urbane Garten „Inselgrün“ soll nur noch eingeschränkt bespielt werden.