Forum Theater Stuttgart Shakespeares "Julius Cäsar": Gutes wollen reicht nicht aus

Von gab 

Die Thematik in Shakespeares "Julius Cäsar" hat auch nach mehr als zwei Jahrtausenden nicht an Aktualität verloren: es gilt eine demokratische Gesellschaft, die gefährdet ist, zu bewahren. In der Inszenierung im Forum Theater von Dieter Nelle spielen Udo Rau und Michael Ransburg die beiden Hauptrollen. Am 3. Oktober wird Premiere gefeiert.

Udo Rau (links) spielt am Forum Theater in Shakespeares Julius Cäsar den Brutus, Michael Ransburg den Marc Anton. Premiere ist am 3. Oktober.  Foto: Sabine Haymann
Udo Rau (links) spielt am Forum Theater in Shakespeares "Julius Cäsar" den Brutus, Michael Ransburg den Marc Anton. Premiere ist am 3. Oktober. Foto: Sabine Haymann

Das ist schon ungewöhnlich: Obwohl das Stück von William Shakespeare "Julius Cäsar" heißt, tritt der römische Feldherr während des gesamten Stücks nicht auf. Präsent ist er dennoch die ganze Zeit über durch seine Frau Calpurnis (gespielt von Martina Guse) und die Menschen, die über ihn sprechen, sich mit ihm auseinandersetzen.

Das ist in der aktuellen Inszenierung von Dieter Nelle fürs Forum Theater Stuttgart so. Aber auch in Shakespeares Original, wo seine Rolle besetzt ist, hat der römische Feldherr nicht allzu viele Szenen zu spielen. Die meisten Szenen hat Brutus (Udo Rau). Und schon zu Beginn des dritten Akts wird Cäsar von den Verschwörern umgebracht.

Aber das ist eigentlich auch das, worum es geht. Nicht um das Nacherzählen einer Biografie aus der römischen Antike, sondern um ein Thema, das auch mehr als zwei Jahrtausende nach dem historischen Mord nicht an Aktualität verloren hat: eine demokratische Gesellschaft, die gefährdet ist und die es zu bewahren gilt.

"Demokratie ist nichts, was wir widerstandslos haben"

Als sie sich vor einem Jahr dazu entschieden, das Stück auf den Spielplan zu setzen, hatten sie das schon im Hinterkopf, sagt Nelle. Inzwischen seien sie aber durch die aktuellen Ereignisse überholt worden. "Wir haben uns in unserer gut laufenden Demokratie eingerichtet. Aber sie ist vielleicht unsicherer, als wir das wahrhaben wollen", so der Regisseur. Auch in Rom seien die Bürger seinerzeit davon ausgegangen, dass die Republik die einzig richtige Gesellschaftsordnung sei.

Nach dem Niedergang der Republik und der darauffolgenden Kaiserzeit habe es bis zur Französischen Revolution 1789 dann allenfalls noch republikanisch gefärbte Inseln hier und da in Europa gegeben, gibt Nelle zu bedenken. "Demokratie ist nichts, was wir widerstandslos haben." 

Shakespeares "Julius Cäsar" erzählt eindringlich, wie es geschehen kann, dass eine Tat, welche die Republik retten soll, letztlich zu deren Untergang führt. Eine zentrale Figur ist Brutus. Er erwähnt im Stück mehrmals, dass er Cäsar liebt. Dennoch wird er zum Kopf der Verschwörung, die Cäsar das Leben kosten und das Ende der römischen Republik herbeiführen wird. Genau das also, was Brutus eigentlich um jeden Preis verhindern wollte.

Shakespeares "Julius Cäsar": zwischen Rhetorik und Macht

Das findet Nelle reizvoll: "Brutus ist eine Figur, die das Gute will. Zugleich führt sein moralischer Rigorismus zu einer Art politischer Verblendung. Er denkt nicht darüber nach, wie man die Situation nach dem Mord stabilisiert." Und so kommt es, dass schließlich der, welcher die Republik aus moralischen Gründen schützen will, sie am Ende ins Verderben stürzt. "Gut sein reicht in der Politik nicht aus", betont der Regisseur. Auch das ist eine Beobachtung, die er ungemein aktuell findet.

Noch aus einem anderen Grund findet Nelle Shakespeares Stück, das durch Kürzungen wahrscheinlich etwas mehr als zwei Stunden anstelle von nahezu fünf dauern wird, interessant. Wie in keinem anderen Stück aus der Feder des großen englischen Dramatikers wird hier sichtbar, wie viel Rhetorik und Macht miteinander zu tun haben. "Das Reden ist nicht unschuldig, sondern von Strategie bestimmt", sagt Nelle.

Besonders berühmt ist die Rede des Marc Anton (Michael Ransburg), die dem Ganzen die entscheidende, tragische Wendung geben wird. Verschont durch Brutus’ moralische Integrität nutzt er geschickt die Gelegenheit und wiegelt das römische Volk durch seine Rede am Grab des Cäsar auf – gegen Brutus und die anderen Verschwörer. Dieses politische Manöver stürzt Rom in den Bürgerkrieg – das Ende der seit 300 Jahren bestehenden Republik.

Partnerschaft auf Augenhöhe

Doch wäre Shakespeare nicht Shakespeare, wenn er seinen Protagonisten nicht auch menschliche Züge verliehen hätte, in denen sich fast jeder wiederfinden kann. Berührend ist etwa die Szene, in welcher der zutiefst aufgewühlte Brutus von seiner Frau Portia (Schirin Brendel) aufgesucht wird. Zugleich einfühlsam und selbstbewusst fordert sie ihn dazu auf, das Geheimnis mit ihr zu teilen, das ihn so umtreibt. Sie beschwört eine Partnerschaft auf Augenhöhe, die heutzutage noch nicht selbstverständlich ist.

Gemeuchelt wird auf der Bühne niemand. Dennoch wird das Ungeheure der Tat mit Wucht in Szene gesetzt. Die Verschwörer Brutus, Cassius (Stefan Maaß), Casca (Stefan Müller-Doriat) und Decius (Jens Woggon) baden ihre Hände im Blut des Getöteten. "Die Machtgier hat bezahlt", ruft Brutus. "Wir alle, die Blut an den Händen haben, wir haben euch befreit. Die ganze Welt soll wissen, dass wir Frieden bringen." 

Mehr als 2000 Jahre später wissen alle, die sich ein wenig mit der Geschichte Europas beschäftigt haben, dass genau das Gegenteil der Fall war. Grund genug, bei aktuellen Brandreden umso genauer hinzuhören und Demokratie nicht als selbstverständlich hinzunehmen.

Julius Cäsar: Premiere 3. Oktober, 19.30 Uhr, Forum Theater Stuttgart, weitere Termine im Oktober und November, Tickets 07 11 / 44 00 74 999 oder online