Foto-Ausstellung in Schönberg Die Schönheit der späten Jahre

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Frauen im fortgeschrittenen Alter haben es dem 33-jährigen Fotografen Thomas Wagner angetan. Zusammen mit der Autorin Kristina Patzak hat er 30 Frauen in Bild und Text porträtiert. Zu sehen in einer Ausstellung in Schönberg.

Die Hilfsbereite. Weitere Eindrücke, die Lust machen sollen auf alle Frauen-Porträts, gibt es in unserer Fotostrecke. Foto: Thomas Wagner 7 Bilder
Die Hilfsbereite. Weitere Eindrücke, die Lust machen sollen auf alle Frauen-Porträts, gibt es in unserer Fotostrecke. Foto: Thomas Wagner

Schönberg/Bad Cannstatt - Andere haben über sie gesagt: „Di hot a freche Gosch.“ Die Frau mit dem freundlichen Lächeln, Jahrgang 1927, hat sich schon immer für andere eingesetzt. Mit deutlichen Worten, aber auch mit Taten. Sie war die Ersatzmutter ihrer Nichte; sie half, ihren Schwager zu pflegen und war in ihrem Leben auch sonst zur Stelle, wenn andere sie gebraucht haben. Die alte Dame, deren Namen nichts zur Sache tut, ist „Die Hilfsbereite“ in einem Kunstprojekt.

Abwechslung vom Berufsalltag

Der Fotograf Thomas Wagner und die Autorin Kristina Patzak haben für das Projekt an 30 Frauen im besten Alter herangezoomt. Entstanden ist „Weise Schönheiten – schöne Weisheiten“; Wagner und Patzak haben die Frauen dafür in Wort und Bild eingefangen. Zu sehen sind die Schwarz-Weiß-Fotos nebst Begleittexten von Donnerstag, 28. April, an im evangelischen Gemeindesaal der Himmelfahrtskirche in Schönberg.

Für den 33-jährigen Thomas Wagner aus Bad Cannstatt ist das Projekt eine Abwechslung zu seinem Berufsalltag, in dem er als selbstständiger Fotograf Aufträge von Unternehmen erledigt. Die Kunst sei eher im Hintergrund geblieben, erzählt er bei einer Tasse Kaffee. Doch als er damals in der Waschküche das erste Mal von der Idee hörte, „da habe ich sofort gesagt, dass ich das mache“. Seine Vermieterin Kristina Patzak lebt im selben Haus in Bad Cannstatt. Sie hat ihm zwischen Wäscheleine und Waschmaschine vorgeschlagen, reife Frauen in den Fokus zu nehmen, sie abzulichten und sie ihre Geschichte erzählen zu lassen. „Sie hat ein gutes Gespür für Menschen und Emotionen“, sagt Wagner.

Die Frauen zu finden, fiel Wagner und Patzak überhaupt nicht schwer. Entweder hatten die beiden bereits Kandidatinnen aus dem Bekanntenkreis im Auge, oder aber sie begegneten ihnen auf der Straße. „Man muss eigentlich nur über die Königstraße laufen, da gibt es so viele Menschen, die man gerne anschaut“, sagt Thomas Wagner. So gut wie keine Frau habe sich geniert oder geziert wegen ihrer fortgeschrittenen Lebensjahre. „Da war direkt so ein Lachen da“, sagt der Fotograf. „Es geht auch nicht wirklich um die Schönheit, sondern um die Ausstrahlung.“

Die erste Auflage ist verkauft

Die Jüngste ist Mitte 50, die Älteste fast 100 Jahre alt. Sie leben alle in Stuttgart und der Region. Drei, vier Stunden verbrachten Wagner und Patzak mit den Modellen, setzten sie in Szene, plauderten über deren Leben und gaben ihnen schließlich Namen. Sie heißen „Die Nachdenkliche“, „Die Ehrliche“ oder „Die Sonnige“. Die Porträts sind in einem Buch im Eigenverlag erschienen, die 500 Exemplare der ersten Auflage sind verkauft, die zweite Auflage läuft auch nicht schlecht.

Thomas Wagner denkt gern an die Begegnungen, die ihn etwa ein Jahr lang begleitet haben. „Es wird noch viel intensiver, als man vorher gedacht hat, noch emotionaler“, sagt er. Die Frauen erzählten nicht nur von schönen Begebenheiten in ihrem Leben, sondern auch von Schicksalsschlägen, vom Krieg, von Krankheit. „Das wird dann sehr persönlich“, sagt der Fotograf.

Die erste Ausstellung von „Weise Schönheiten – schöne Weisheiten“ war im Anna-Haag-Haus in Bad Cannstatt 2014. Thomas Wagner sagt, er lege es nicht darauf an. „Ausstellungen zu machen, ist für mich komplettes Neuland.“ Normalerweise halte er sich mit seiner Kamera im Hintergrund: „Ich bin der, der am besten nicht beachtet wird.“ Diesmal ist es anders, er ist der Künstler, der die Frauen auf ein Podium gehoben hat.

Gebrechliche Männer

Wer in die Jahre gekommene Frauen porträtiert, denkt sicherlich in einem nächsten Schritt auch ans andere Geschlecht – die Männer. Das Buch mit 39 Gesichtern und Geschichten ist fertig. In dieser Serie gehe es nicht um Schönheit, sondern um Themen wie Konkurrenz, Leistung, Wettkampf. Wie gehen Männer mit Gebrechlichkeit um, „wie verändern sie sich im Alter?“, fragte sich der 33-Jährige. Antworten gibt sein Buch „Starke Männer im Wandel der Zeit“, das in Schönberg ebenfalls präsentiert werden soll.

Doch im Mittelpunkt der Ausstellung im Himmelfahrtssaal stehen die Damen mit ihren silbergrauen oder weißen Haaren, mit ihren Lach- und Sorgenfalten, mit ihren Lebensgeschichten. Wie die der „Wissbegierigen“. 1917, als sie drei Jahre alt war, starb ihre Schwester. Sie boxte sich durchs Leben, machte etwas aus sich. Obwohl sie das Versicherungswesen dröge fand, arbeitete sie sich hoch – zur Abteilungsleiterin. Inzwischen hat sie die 100 schon überschritten, aber im Buch bleibt sie auf ewig die „Wissbegierige“.

Vernissage zur Ausstellung in Schönberg

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