Fotofinish im US-Wahlkampf Leidenschaft in letzter Sekunde

Obama hat angefangen zu kämpfen. Foto: EPA 19 Bilder
Obama hat angefangen zu kämpfen. Foto: EPA

Auf der Zielgeraden spürt Barack Obama Rückenwind – und endlich zeigt er ein Fünkchen des Charismas, das ihn vor vier Jahren ins Weiße Haus gebracht hat. Doch meistens punktet der Präsident mit der Dämonisierung seines Gegners.

Wirtschaft: Andreas Geldner (age)

Fairfex - In letzter Minute hat der Himmel über dem Football-Stadion der George-Mason-Universität in Fairfax aufgeklart. Nur noch ein leichter Nieselregen tröpfelt auf die lange Warteschlange, die sich um mehrere Straßenzüge des weitläufigen Campus in Virginia windet – eine halbe Stunde vom Weißen Haus entfernt. Das durchwachsene Wetter mit den gerade noch rechtzeitig aufscheinenden Sonnenstrahlen passt zu Barack Obamas Wahlkampf. Der Ballungsraum rund um Washington und vor allem die darin liegenden Universitäten sind eine feste Bastion für den US-Präsidenten. Doch der Bundesstaat Virginia insgesamt wackelt. Vor vier Jahren war die Tatsache, dass Obama als erster Demokrat seit 1964 das einstige Herzland der Südstaaten hatte erobern können, ein Symbol für seinen historischen Sieg. Doch 2012 wird es knapp, falls der Erfolg überhaupt zu wiederholen ist.

Emily Fallings kann ein Lied davon singen. „In meiner Nachbarschaft gibt es fast nur Romney-Plakate“, sagt die Frau, die in einer Einrichtung für Behinderte arbeitet und sich hier in der Warteschlange an der Universität eingereiht hat, weil sie um die kleinen Fortschritte fürchtet, die sie dank Barack Obama in ihrer täglichen Arbeit sieht: „Wir hängen von staatlichen Fördermitteln ab – und da könnte sich unter Romney einiges ändern.“ Sie fürchtet weniger den ideologisch konturlosen Präsidentschaftskandidaten als dessen Partei: „Mir macht die Aussicht Angst, dass gleichzeitig auch beide Kammern des Kongresses in die Hände der Republikaner geraten.“

Eine Stimme für Obama, um das Schlimmste zu verhüten? Vier Jahre nach der historischen Wahl des ersten schwarzen Präsidenten der USA sind Obamas Anhänger bescheidener geworden. Junge Wahlkampfhelfer eilen mit Klemmbrettern und Adresslisten unter dem Arm an der Warteschlange vorbei und suchen in letzter Minute noch Helfer, die am Wahltag an die Türen klopfen. Wenn Obama am Ende vorn liegen soll, müssen auch Zweifler und lauwarme Unterstützer an die Wahlurne gebracht werden.



„Beeilen Sie sich, damit am Ende noch alle hereinkönnen“, ruft ein Ordner an der Sicherheitskontrolle. Das suggeriert, als ob das mehrere Zehntausend Menschen fassende Universitätsstadion am Überlaufen sei. Doch auf dem Kunstrasen ist noch jede Menge Platz. Die Inszenierung in Fairfax ist Routine: Eine Pfarrerin und ein paar Kriegshelden sorgen als Vorredner für die nötige Prise Religion und Patriotismus. Bruce Springsteen, der Lieblingsbarde der amerikanischen Linken, besingt aus den Lautsprechern das Amerika der kleinen Leute. Selbst die paar Minuten Verspätung des Präsidenten scheinen einkalkuliert. Die Menschenmenge ist angespannt. Obama ist Präsident, nicht mehr nur Kandidat wie 2008. Und das schafft eine Aura der Macht und der Unnahbarkeit, die vor vier Jahren noch nicht zu spüren war.

Ein Pulk von Sicherheitsleuten schiebt die dicht gedrängten Menschen in der Nähe des Podiums zur Seite. Trotz des kühlen Wetters springt Obama nur im weißen Hemd und mit Krawatte auf das Podest. Er ist heiser und braucht ein paar Minuten, um warm zu werden. Er kritisiert zum Auftakt erst einmal Mitt Romney. John McCain hat er vor vier Jahren nie so gegeißelt. Doch 2012 wirbt Obama weniger für sich selbst, sondern spielt mit der Angst vor seinem Gegner. „Nicht buhen, wählen gehen!“, sagt der Präsident, als er damit den erwartbaren Zorn provoziert. Bald hat die Menschenmenge, die auf etwas über Zehntausend angeschwollen ist, das rhetorische Spielchen begriffen. Die Zuhörer buhen nun wirklich laut – damit sie der Präsident postwendend ermahnen kann: „Nicht buhen, wählen gehen!“

Obama hat bei Mitt Romney eine neue Krankheit diagnostiziert. Er nennt sie Romnesie. Das etwas gequälte Wortspiel soll an Amnesie erinnern, also Gedächtnisverlust. „Wenn er sagt, dass er für gleiche Löhne für Männer und Frauen ist, aber kein Gesetz unterschreiben würde, das dies möglich macht, dann ist das ein Fall von Romnesie!“, sagt Obama: „Wenn er Romnesie hat und sich nicht einmal an die Dinge erinnert, die auf seiner eigenen Webseite stehen, dann kann ich nur sagen: Das ist heilbar. Meine Gesundheitsreform Obamacare deckt auch das ab.“

Der Präsident hat sich genau ausgesucht, wenn er motivieren will: Minutenlang spricht er nur über die Interessen der Frauen, einer Wählergruppe, die ihm im Gegensatz zu den von seiner Politik enttäuschten Männern seit 2008 die Treue gehalten hat. „Bald dürfen Versicherungsunternehmen für Frauen keine höheren Prämien verlangen als für Männer. So sieht der Wandel aus!“, sagt Obama. „Four more years!“, „Vier Jahre mehr!“, skandieren die Menschen. Und angefeuert von der spürbaren Zuneigung verwandelt sich gegen Ende der Rede der Präsident doch noch in den politischen Prediger, der einst die Massen in Ekstase versetzte. Die Kadenz der Sätze ist unverkennbar. Es ist jener melodische Duktus, mit denen schwarze Pastoren ihre Gemeinde von den Bänken reißen: Langsam steigert sich die Tonhöhe in jedem Nebensatz. Es kommt nicht mehr auf den Inhalt an, sondern auf den Eindruck einer Kaskade an Verheißungen. „Gott segne Amerika“, ruft der Präsident zum Schluss.

Die Menge ist dankbar, dass sie einen Funken des alten Obama erhascht. Viele, die hier stehen, können genau aufzählen, wo ihnen seine Politik geholfen hat. Doch gleichzeitig gibt es eine Sehnsucht nach mehr, die in diesem Wahlkampf selten gestillt wurde. Die Leidenschaft, die Barack Obama etwa in seiner Rede auf dem demokratischen Nominierungsparteitag im September vermissen ließ, kommt keinen Augenblick zu früh. Gerade noch rechtzeitig vor der Wahl spürt der Mann im Weißen Haus endlich etwas Aufwind.




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