Stadtkind Stuttgart

Fotograf aus Stuttgart Pierre Polak trägt die Stadt im Herzen

Von Martin Elbert 

Pierre Polak ist im Nachtleben als HipHop DJ Pierre Paradise bekannt. In den vergangenen zehn Jahren hat er sich als Fotograf ein zweites Standbein geschaffen.

Pierre Polak ist im Nachtleben als HipHop DJ Pierre Paradise bekannt. Die letzten zehn Jahre hat er sich als Fotograf ein zweites Standbein geschaffen. Foto: Pierre Polak 5 Bilder
Pierre Polak ist im Nachtleben als HipHop DJ Pierre Paradise bekannt. Die letzten zehn Jahre hat er sich als Fotograf ein zweites Standbein geschaffen. Foto: Pierre Polak

Stuttgart - Pierre Polak hat eine Vorliebe für Wolken. Und zwar nicht die dichte Suppe, sondern eine Komposition aus zerklüfteten, grauen und weißen Zuckerwattefetzen, durch die immer wieder kurz die Sonne blinzelt. Das ist sein Himmel, ein Drama-Himmel, wie er sagt. „Ich war schon sehr oft auf dem Karstadt-Gebäude und wollte diese Panorama-Bilder schießen, aber nie war das Wetter so wie ich es mir vorstellte,“ meint Pierre zu seinen aktuellen Stuttgart-Fotos, die er Stadtkind überlassen hat. Nach drei Jahren des Wartens auf den richtigen Augenblick passte vor ein paar Wochen alles zusammen: die Wolken, er war Vorort und hatte zudem seine Kamera dabei und ist dann schnell „hochgewetzt“. Schon ein paar Minuten später hatte die Sonne keine Chance mehr gegen die zusammengezogene Wolkenmauer.

Fotografieren kann also ein Geduldsspiel sein, zumindest wenn es um – dramatische - Stadt- und Landschaftsaufnahmen geht. Geduld benötigt Pierre manchmal auch bei seinem anderen Job: Das Stuttgarter Nachtleben kennt ihn als nimmermüden, hart arbeitenden HipHop-DJ namens Pierre Paradise. Dabei hätte er sich längst allein aufgrund seiner Ausdauer und seinem Kampfgeist um die perfekte Party einen Stern im Stuttgarter DJ-Walk of Fame verdient – würde es den denn geben. Wie beim Fotografieren, kann es im Club ein, zwei Stunden dauern, bis alle Umstände zusammen passen – also überhaupt genügend Leute da sind, die auch noch gut drauf sind und hoffentlich anfangen zu tanzen. Es ist bisschen wie mit diesen Wolken. Nur beim Auflegen kann Pierre mit seiner Musikselektion stärker Einfluss auf die Party nehmen als freilich mit seinem Objektiv auf das Wetter.

Neben der Geduld gibt es weitere Parallelen zwischen DJs und Fotografen. Von beiden Spezies gibt es zwischenzeitlich ziemlich viele, was in erster Linie an der Digitalisierung und an stetig sinkenden Preisen des Equipments liegt. Pierres erste Spiegelreflex hat vor zehn Jahren 2800 Euro gekostet. Bekommt man heute ab 500 Euro. Vor zehn Jahren haben noch die meisten DJs, so auch Pierre, für 50 bis 100 und mehr Euro Platten eingekauft. Wöchentlich. Von der Grundausstattung Plattenspieler und Mixer ganz zu schweigen. Heute kauft ein DJ für vielleicht 50 Euro MP3s. Monatlich. Wenn man die Dateien nicht irgendwo illegal herunterlädt. Weiterhin reichen ein günstiger Laptop und Controller völlig aus, um als DJ agieren zu können.

Fotografie als Ausgleich für lange Clubnächte

Die (immer günstigere) Technik zu beherrschen ist in beiden Fällen nur das kleine Einmaleins. „Du kannst zwar Übergänge, aber deswegen bist du noch lange kein guter DJ“, so Pierre. Dazu gehört vielmehr das Gespür, die richtige Tracks zur richtigen Zeit zu bringen, also die Fähigkeit, sein Publikum lesen, fühlen zu können. Genauso hat man sich die Funktionsweise einer Kamera „in einer Woche drauf gepackt“, so seine Meinung, aber „letztendlich kommt es auf deine Kreativität an und was du daraus machst.“ Manche Kollegen in diesem dicht besiedelten Haifischbecken sehen das sicherlich anders. Pierre deutet die Befindlichkeiten der Branche an: „Es gibt Jungs, die akzeptieren dich nicht, weil du keine Canon für 9000 Euro mit den fettesten Objektiven hast. Für die bist du kein Fotograf.“ Die meisten wären aber „schon cool“.

Eigentlich wollte er in diesem Becken nie wirklich mit schwimmen. In den ersten Jahren war die Fotografie für Pierre lediglich ein Ausgleich zu den langen Nächten in den Clubs. An schönen Nachmittagen setzte er sich mit seiner Kamera ins Auto und düste auf die Fildern oder in den Schwarzwald und knipste sich kreuz und quer durch die Landschaft. Das macht er heute noch sehr gerne und ist für ihn „wie ein Tag Urlaub“.

Seinem, dank dem Nachtleben, breiten Netzwerk blieb Pierres neue Passion nicht unentdeckt und die ersten Jobs für lokale Shops und Labels ergaben sich. Seit vier, fünf Jahren läuft es für ihn als Fotograf richtig gut, er „arbeite auch richtig hart daran“ - weil eben die Konkurrenz ja nicht weniger wird, wie gesagt. Mittlerweile kommen neue Aufträge über Agenturen und Firmen oder Weiterempfehlung rein. Pierre schwört, sowohl an den Decks als auch am Auslöser, auf die Maxime „Qualität setzt sich durch“ und der wortkarge wie zurückhaltende Westler verzichtet auf lautstarkes Trommelfeuer, sei es auf der Straße oder im Netz, gerade in Zeiten von inflationären Instagram-Stars. Mit dieser defensiven Selbstvermarktungsstrategie ist er gut gefahren. Heutzutage fängt seine Linse Models, die VfBler, glamouröse Events wie Neuwagen-Präsentationen oder Markenprodukte ein und zu guter Letzt beten ihn die DJ-Kollegen um stilsichere Pressefotos mit diesem markanten Polak-Schliff. Richtig, das nennt man schließender Kreis.

Ein kleiner Traum bleibt ein eigenes Stuttgart-Buch, die Idee stehe schon länger im Raum, naheliegend bei einem gebürtiger Stuttgarter (Marienhospital), der den Westen und die ganze Stadt im Herzen trägt: „I love Stuggi.“ Die Feuerseekirche sei zwar ziemlich „nice“ und sehe sowieso immer gut aus, aber wenn er ein Bildband angeht, würde er jenen gerne mit Aufnahmen von Spots befüllen, auf die sonst keiner achtet und die überraschen sollen, frei dem Motto: „Wow, das ist Stuttgart?“ Derartiges Material befindet sich nach so vielen Jahren Stuttgart-Spotting freilich schon auf seiner Festplatte, aber da müsste er schon nochmal los, meint er. Vielleicht kommt der Tag, an dem wir den Band an dieser Stelle präsentieren.

Übrigens, Tabus hat er auch: Hochzeiten. Als DJ. Und als Fotograf.