Fotograf David Spaeth Was Draculas Schloss mit Stuttgart 21 zu tun hat

Die Fotografien David Spaeths gleichen Gespenstergeschichten. Foto: David Spaeth

Der Stuttgarter David Spaeth hat schon Albumcover für die Nerven, die Selektion, All diese Gewalt oder das Peter Muffin Trio fotografiert. Jetzt zeigt er in Ludwigsburg den Bildband „Ghosts Invited“.

Freizeit & Unterhaltung : Gunther Reinhardt (gun)

Da ist die grauschwarz getäfelte, aber sonst schmucklos-triste Kirche, die irgendwo in einem Schieferabbaugebiet im Osten steht und in der Schwarz-Weiß-Aufnahme wie die Ritterburg eines finsteren Adelsgeschlechts aussieht. Da ist der langhaarige Metalfan, der mit weit aufgerissenen Augen unverwandt in die Kamera starrt. Da ist das in den Wäldern des ehemaligen Jugoslawiens versteckte Tito-Monument, ein brutalistischer Architekturkoloss, den man auch für ein gewaltiges futuristisches Sextoy halten könnte. Da ist ein gelangweiltes weißhaariges Model in Tokio. Da ist der den Blickkontakt meidende junge Mann, der auf seiner Stirn „nothing makes sense“ stehen hat. Und da ist die Tristesse des Hinterlands von Chicago, das, wenn man es von hoch oben vom Willis Tower aus betrachtet, so aussieht, als ob es Betonklötze geregnet hätte, die dann in der Landschaft stecken geblieben sind.

 

Bildband „Ghosts Invited“

„Als Kind wollte ich Maler oder Musiker werden, aber für beides hat es nicht gereicht“, sagt David Spaeth, der stattdessen ein großartiger Fotograf geworden ist. Einer, der keine großen Erklärungen mag. Er lässt lieber seine Bilder selbst sprechen. Und die Geschichten, die diese in dem Bildband „Ghosts Invited – The New Boarders of Society“ erzählen, fügen sich tatsächlich zu einer Art moderner Ghost Story zusammen, einem gespenstisch-düsteren Epos, bei dem unter der Oberfläche der Fotografien ein Subtext lauert, der die Bilder zu einer großen Erzählung werden lässt.

Fotos erzählen verstörende Gespenstergeschichten

Das verstörend-schöne Fotobuch, das der Stuttgarter Fotograf an diesem Samstag im UNU/KYUB in Ludwigsburg vorstellt, ist ein gewaltiges, kaum zu zähmendes Ungetüm. Porträts treffen auf Architektur- und Landschaftsaufnahmen, Farb- auf Schwarz-Weiß-Fotografien, mal ist man im Stuttgarter Untergrund, dann in der texanischen Wüste, dann Backstage bei einer Balenciaga-Show in New York, Tokio oder sonst wo, dann in den menschenleeren Wäldern Rumäniens, über deren Wipfeln die Burg Bran thront, die gerne als Schloss Dracula bezeichnet wird. Gemeinsam ist aber allen Bildern, dass man ahnt, dass sich hinter ihnen Abgründe auftun, verstörende Gespenstergeschichten – deshalb auch der Buchtitel.

Cover für Die Nerven oder Die Selektion

David Spaeth Foto: Spaeth

Spaeth, der 1977 in Oberfranken geboren wurde und dort auch aufgewachsen ist, lebt seit fast zwei Jahrzehnten ist Stuttgart. Für Menschen mit gutem Musikgeschmack führt an seinen Fotos schon lange kein Weg vorbei: Seine Aufnahmen sind nicht nur in dem Buch „Love, Sweat and Tears“ zu sehen, das die Geschichte des Stuttgarter Clubs Rocker33 dokumentiert, sondern er hat auch die Cover für Alben von Stuttgarter Bands wie Die Nerven, All diese Gewalt oder Die Selektion fotografiert. Mit dem Peter Muffin Trio machte er zum Beispiel spektakuläre Aufnahmen im Stuttgart-21-Tunnel.

Buchpräsentation in Ludwigsburg

Spaeth liebt solche Unorte, die er immer wieder auch in „Ghosts Invited“ ins Zentrum rückt. Zwar hat er schon fast überall auf der Welt gearbeitet, seine 25 Kilo schwere Fotoausrüstung auf Berge geschleppt. Doch ein paar exzentrische Sehnsuchtsorte hat er noch: „Nordkorea fände ich toll – oder Turkmenistan“, sagt er: „Da gibt es einen Ort, den sie das Tor zur Hölle nennen. Das ist ein Erdloch, in dem sich eines Tages mal Erdgas entzündet hat. Seither brennt der riesige Krater – und wenn man da hinblickt, glaubt man, direkt in die Hölle zu schauen.“ Ein Motiv, das auch gut in dieses Buch gepasst hätte.

David Spaeth: Ghosts Invited.
Buchpräsentation an diesem Samstag, 5. Oktober, ab 19 Uhr im UNU/KYUB in Ludwigsburg (Kirchstr. 17). Ab 22 Uhr Performances von Smooth Ghul, Eli The Sleep God und DJ Set von Headless Fat Ass.

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