Fotografie im Stuttgarter Züblin-Parkhaus Futter fürs Auge und Gehirn

Von Andrea Jenewein 

Was macht man in Zeiten von Corona, wenn man Fotografien in einem Parkhaus ausstellt, die vielen Menschen, die zur Vernissage erwartet werden, aber ein Problem darstellen? Ganz einfach: dann wird das Parkhaus eben zur Drive-through-Galerie.

Yves Noir, Monica Menez, Frank Bayh und Steff Ochs (von links) machen das Züblin-Parkhaus zur Drive-through-Fotogalerie. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Yves Noir, Monica Menez, Frank Bayh und Steff Ochs (von links) machen das Züblin-Parkhaus zur Drive-through-Fotogalerie. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - „Bleiben Sie in jeder Situation ruhig und gelassen“, sagt eine männliche Stimme aus dem Autoradio. Gleichzeitig fährt man durch die Schrankenanlage, hinein in die neongrelle Wirklichkeit des Parkhauses – und taucht ein in eine andere Welt. Angestrahlt von Lampen hängen deckenhohe Fotografien an den betongrauen Wänden, sie sind direkt auf den Untergrund tapeziert.

Es sind Werke der Stuttgarter Künstler Monica Menez, Yves Noir, Frank Bayh und Steff Ochs – sowie einiger internationaler Fotokünstler. Bereits seit 2014 gibt es „Fumes and Perfumes“ im Züblin-Parkhaus. „Im ersten Jahr sollten die Fotos nur zwei Wochen hängen bleiben – als der Vorstand des Parkhauses die Ausstellung sich dann aber persönlich anschaute, hieß es, die Fotos dürften ruhig noch etwas länger hängen bleiben“, erinnert sich Yves Noir. Längst sind die Fotos der jeweiligen Ausstellung ganzjährig im Parkhaus zu betrachten – und werden als Hintergrund für Selfies oder sogar Hochzeitsfotos genutzt. Auch der schwäbische Rapper MC Bruddaal hat auf dem obersten Parkdeck ein Musikvideo gedreht – das dann aber zensiert wurde, weil auf der darin gezeigten Fotografie eine Dame mit unverhüllten Brüsten zu sehen war.

„Man kann hier locker seinen Tank leerfahren“

Bei der am Freitag mit einer Vernissage beginnenden Ausstellung geht es an gleicher Stelle nicht viel sittsamer zu: Auf dem obersten Parkdeck prangt die Fotografie eines Mannes in einem gelben Pelzmantel, der ein in ein rosafarbenes Kleid gestecktes Äffchen im Arm hat, das den lackierten Mittelfinger in die Luft reckt. Es ist ein Bild des brasilianischen Künstlers Pol Kurucz.

Die Inszenierung – und oft auch die Provokation – sei Teil fast aller hier gezeigten Werke, wenngleich man auch ums Improvisieren nie ganz umhin komme, so Monica Menez. Einige der Bilder sind Auftragsarbeiten, andere freie Werke, alle aber fallen unter das Label People- oder Modefotografie. „Das ist eine Kategorie der Fotografie, die in der Stuttgarter Ausstellungslandschaft bisher zu kurz kam – und die wir ergänzt haben“, sagt Frank Bayh. Dieses Konzept findet mittlerweile so großen Anklang, dass nicht nur immer wieder namhafte Fotokünstler gerne hier ausstellen, sondern auch die Besucher in Scharen zur Vernissage strömen. Doch das ist in diesem Jahr wegen der Coronakrise freilich nicht möglich. Besondere Zeiten erfordern besondere Ideen, und so ward die Drive-through-Galerie geboren. „Ein Parkhaus ist natürlich prädestiniert für so eine Art der Ausstellung – nicht nur wegen Corona“, sagt Menez, „ich liebe die Idee.“ Wie auch ihre Kollegin Steff Ochs: „Das Züblin-Parkhaus ist sensationell, da man sich erst höher und höher schraubt – und dann runter. Man kann hier locker seinen Tank leerfahren.“

Es gibt einen Podcast zur Fotokunst-Rundfahrt

Also los: 100 Gäste, die sich zuvor anmelden müssen, dürfen am Freitag zur Vernissage vorfahren. Am Züblin-Parkhaus erhalten sie – natürlich kontaktlos – ein Kunst-Care-Paket mit dem Ausstellungskatalog und dem Link zu einem Podcast: Einem Gespräch zwischen der Kunst- und Kulturvermittlerin Sara Dahme und dem Künstler G.A.W., der die Besucher über das Autoradio durch die Fotokunst-Rundfahrt begleitet.

So schrauben sich die Autos in Schrittgeschwindigkeit das Parkhaus hinauf, immer entlang der Werke, die mal knallbunt sind, mal gedecktere Farben aufweisen. Es sind neben Werken der vier Stuttgarter Künstler Fotografien von Simon Hjortek, Alison Jackson, Pol Kurucz, Monkey Sapiens und Eli Rezkallah. Gerne werden in den Arbeiten aktuelle Themen aufgegriffen: In der Serie „United presidents of the states“ von Frank Bayh und Steff Ochs nehmen die beiden den Umgang verschiedener Staatsoberhäupter mit dem Corona-Virus aufs Korn, während Yves Noir in der Serie „Lost“ studiert, wie der Mensch auf einen leeren Raum reagiert. „Obschon die Bilder vor der Coronakrise entstanden sind, passen sie dazu, denn nun haben wir alle am eigenen Leib erfahren, wie es ist, sich selbst in der Isolation zu ertragen.“ Das geht sicher besser, wenn man dazwischen mal eine Drive-through-Galerie besucht hat, denn die bietet Futter für das Auge und das Gehirn. Und immer dran denken: „Bleiben Sie in jeder Situation ruhig und gelassen.“

Nur noch wenige Restplätze frei

Für die Vernissage am heutigen Freitag im Züblin-Parkhaus (Lazarettstraße 5) sind noch wenige Restplätze für das Zeitfenster zwischen 22 und 23 Uhr frei. Anmeldung unter: www.fumesandperfumes.de. Ab dem 18. Juli ist die Ausstellung frei zugänglich. Am 19. Juli um 15 Uhr findet um 15 Uhr ein Künstlergespräch beim Kulturkiosk (direkt am Parkhaus) statt.




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