Was Cornelia und Stefan erkennen, als die Fotografin Annette Kuhls sie in diesen ersten sechs Wochen nach Maras Geburt besucht: Es sind seltene Momente, in denen sie zusammen auf dem Sofa sitzen und über dieses winziggroße Wunder in ihren Armen staunen. Stattdessen läuft es so: Cornelia (38) stillt, Stefan (36) kauft ein. Stefan wickelt, Cornelia huscht in die Dusche. Cornelia kuschelt, Stefan kocht. Stefan schaukelt das Kind, Cornelia schläft. Und dann wieder von vorn.
Zweimal eineinhalb Stunden lang dokumentierte die Stuttgarter Fotografin das Wochenbett des Ditzinger Paares, aus dem vor drei Monaten Eltern wurden. Die Bilder erzählen vom Spektakulären im Unspektakulären, von Tagen, die einfach „passierten“, wie Cornelia es erinnert, und doch einen Rhythmus aus Stillen, Wickeln Schlafen, Tragen haben. Und drum herum bemächtigen sich Windelstapel, Spucktücher, Mobiles, Babybodys, halb ausgetrunkene Teetassen und ungelesene Bücher des Zuhauses. Ein Kind, das auf die Welt kommt, ist wie eine freundliche, alternativlose und alles umstürzende Invasion.
Die Welt verschwindet in einem zuckersüßen Mäulchen
Plötzlich tauchen kuriose Dinge wie Stilleinlagen oder Feuchttücher auf, liegt auf dem Ehebett die kleine Chefin, so selbstverständlich, als hätte man dort nie zu zweit geliebt. Und die ganze Welt verschwindet in diesem zuckersüßen, zum Gähnen aufgerissenen Mäulchen, wird zur Schimäre hinter lichten Wohnzimmervorhängen. Bei der ersten Ausfahrt mit Kinderwagen nimmt man sie kaum noch wahr.
Wochenbett oder Postpartalphase werden die ersten sechs bis acht Wochen nach der Entbindung genannt. Sie starten, wenn die Nachgeburt durch die Vulva flutscht und die Gebärmutter dort, wo der Mutterkuchen anhaftete, zu bluten beginnt. Dieser Blutfluss wird im Wochenbett ebenso versiegen, wie sich die Umbauten des schwangeren und gebärenden Körpers zurückbilden. Das Blutplasma, zuvor verdünnt, wird wieder dicker, Plazentahormone werden abgebaut, die Gebärmutter zieht sich zusammen, ein Dammriss heilt. Emotionen schlagen Volten. Euphorie und Babyblues geben sich die Hand. Ein Kind leuchtet die Gefühlswelten seiner Eltern bis in die verborgensten Ecken aus.
Das Kind – „so ein großes Rätsel“
Auch Cornelia und Stefan haben das erlebt. „Man ist übermüdet, macht sich Sorgen, dass der Kleinen etwas passiert. Und gleichzeitig, nie wieder ein eigenes Leben zu haben“, sagt Cornelia. Das Kind sei doch anfangs „so ein großes Rätsel“, die Erfahrung gewaltig, sich erst einmal „selbst aufgeben zu müssen“. Auch Stefan war „überrascht“, wie intensiv sich das Leben ändert.
Da waren sie froh, sich im Wochenbett gegenseitig Hilfe und Stütze sein zu können. Stefan hatte sechs Wochen freigenommen, vor der Geburt seine Arbeitszeit als Elektroingenieur reduziert, um Überstunden anzusammeln. Auch jetzt arbeitet er nicht wieder Vollzeit. Wie wichtig es für Mutter, Vater und Kind wäre, diese allerersten Wochen gemeinsam zu verbringen, zeigen Forschungen. In ihnen wachsen Verbindungen und Zugehörigkeitsgefühl. Das wirkt nach. Verbringen Partner nach der Geburt viel Zeit daheim, übernehmen sie dauerhaft mehr Kinderbetreuung und Hausarbeit.
Familie, so haben es ja auch Cornelia und Stefan erlebt, erwächst weniger aus den versonnenen Sofa-Momenten als aus der Banalität des manchmal schönen, manchmal schwierigen neuen Alltags mit Mara.
Die Stuttgarter Fotografin Annette Kuhls ist auf Schwangeren-, Baby-, Wochenbett- und Familienfotografie spezialisiert. Infos unter www.annettekuhls.de. Auch andere Fotografen machen solche Angebote.