Fränkischer Spielwarenhersteller Kultur der Angst bei Playmobil

Von Thomas Magenheim 

Schon der Gründer des Spielzeugherstellers, Horst Brandstätter, galt nicht als Gewerkschaftsfreund. Nun aber tobe ein nicht enden wollender Kleinkrieg, beklagt die IG Metall. Der Mittelständler aus dem fränkischen Zirndorf widerspricht energisch.

So harmonisch wie in dieser Konferenzszene mit Playmobil-Figuren geht es im wahren Leben beim fränkischen Spielwarenhersteller nicht zu. Foto: factum/Granville
So harmonisch wie in dieser Konferenzszene mit Playmobil-Figuren geht es im wahren Leben beim fränkischen Spielwarenhersteller nicht zu. Foto: factum/Granville

Stuttgart - Vertrauliche Gespräche mit Informanten sind journalistischer Alltag. Sehr unüblich ist dagegen, wenn sich potenzielle Gesprächspartner vorab informieren, ob man auch wirklich Journalist sei und nicht ein verkappter Spion im Auftrag bestimmter Manager. Das Management wäre in diesem Fall das des Zirndorfer Playmobil-Herstellers Geobra Brandstätter, und wenn die Schilderungen stimmen, wäre der Spionageverdacht gar nicht so abwegig.

„Jedes Widerwort bedeutet Gefährdung der beruflichen Existenz“, sagt Bianka Möller zu Lage und Stimmung im Unternehmen. Sie betreut den fränkischen Mittelständler für die IG Metall. Aufmuckende Mitarbeiter würden dort immer wieder eingeschüchtert. Willkür, Schikane und Mobbing seien an der Tagesordnung. Die erfahrene Gewerkschafterin erzählt von mehreren ohne Angabe von Gründen freigestellten und dann strafversetzten Playmobil-Mitarbeitern, einem heftigen Disput über die Auslegung der Arbeitsstättenverordnung bei Hitze sowie systematischem Ausforschen von Gewerkschaftszugehörigkeit. Wer in Zirndorf Weihnachtsgeld beantragt, müsse seinen Gewerkschaftsausweis vorlegen. So erfahre der Arbeitgeber namentlich, wer gewerkschaftlich organisiert ist.

Vorgesetzter soll handgreiflich geworden sein

Die IG Metall musste sich bei Playmobil 2016 vor Gericht den Weg in den Betriebsrat einklagen. Aneinander gewöhnt haben sich beide Parteien seitdem nicht, wovon viele Anekdoten eines nicht endenden Kleinkriegs zeugen. So habe ein Vorgesetzter mit körperlicher Gewalt zu verhindern versucht, dass ein Untergebener in Gesellschaft eines Betriebsrats seines Vertrauens zu einem Gespräch kommt. Derartiger Beistand ist völlig rechtens. Beschäftigte einer Abteilung mit hohem gewerkschaftlichen Organisationsgrad seien erst unbegründet freigestellt worden. Als Begründung nachgereicht worden sei dann eine angebliche Weigerung, Leiharbeiter einzuarbeiten.

Richtig hitzig ist es dann vor Kurzem geworden. Von den bundesweit hohen Temperaturen sind auch Franken und Playmobil nicht verschont geblieben, was Betriebsräte der IG Metall zu einem Schreiben veranlasst hat. Erst haben sie sich beim Management für das Aufstellen von Wasserspendern bedankt, dann einen Passus der Arbeitsstättenverordnung zitiert. Demnach stehe Beschäftigten bei Raumtemperaturen über 35 Grad Celsius stündlich eine zehnminütige „Entwärmungsphase“ zu. „Das bedeutet nicht, dass man zu arbeiten aufhört, sondern für diese Zeit in einen kühleren Raum wechselt und dort einfache Tätigkeiten verrichtet“, erklärt Möller. Der Aufschrei über den „Hitzezettel“ der Gewerkschafter war groß. Er kam nicht nur vom Management, sondern auch vom Gesamtbetriebsrat, in dem die IG Metall nicht das Sagen hat und der offenkundig gespalten ist.

Manager und ihnen wohlgesinnte Betriebsräte warfen IG-Metall-Kollegen vor, zu arbeitsrechtswidrigen Hitzepausen aufzurufen, was disziplinarische Folgen haben könne. Wie groß der Riss im Unternehmen ist, belegt eine andere Korrespondenz. Im April haben Playmobil-Betriebsräte die Unternehmensleitung um die „Einführung regelmäßiger Treffen“ gebeten, die es in vergleichbaren Betrieben meist monatlich gibt. „Für regelmäßige gemeinsame Termine sehen wir derzeit keinen Veranlassung“, ließ die Unternehmensleitung wissen. Denn bisherige Aktivitäten von Betriebsräten seien von Aktionen geprägt gewesen, die weder zum Wohl der Beschäftigten noch des Unternehmens waren. So würden Betriebsräte versuchen, Gewerkschaftsmitglieder zu werben, gegen den Arbeitgeber intervenieren oder Beschäftigte am Arbeitsplatz besuchen und diese damit von der Arbeit abhalten. Frevelhaft klingen derlei Aktivitäten nicht. Doch das Tischtuch scheint zerschnitten.

Playmobil bezeichnet die Vorwürfe als haltlos

Die Vorwürfe seien der bewusste Versuch einer Skandalisierung und haltlos, entgegnet ein Playmobil-Sprecher im Namen der Geschäftsführung. Im Detail Stellung nehmen wolle man nicht. Die Schilderung der Zustände sei einseitig und keine Mehrheitsmeinung im Betrieb.

Wer mit langjährigen Beschäftigten spricht, was nur unter Zusicherung absoluter Anonymität möglich ist, muss das bezweifeln. Seit dem Tod von Firmengründer Horst Brandstätter 2015 sei das Betriebsklima viel mitarbeiterfeindlicher geworden, sagt einer, der seit mehr als drei Jahrzehnten für Playmobil arbeitet. Entsprechend hoch sei die Fluktuation. 40- und 50-Jährige würden das Haus verlassen, die das früher nie für möglich gehalten hätten. Mehr oder weniger freiwillig gekündigt habe auch ein Lkw-Fahrer, nachdem er zuvor seinen Rauswurf verhindert hatte, dann aber postwendend zum Kehren des Firmenhofs bei strömendem Regen verdonnert worden war. Einst übliche Monatsgespräche mit dem Betriebsrat habe es 2016 letztmals gegeben, erzählt ein anderer langjähriger Mitarbeiter. Damals habe die Firmenleitung auf einen Ex-Richter als Gesprächsmoderator bestanden. Aber heute gehe nicht einmal mehr das.