Berlin - Wenn man eine Vorabendserie fürs Fernsehen drehen wollte über Berlin, die Start-up-Szene und junge Leute, die was mit Medien machen, dann wäre das hier ein guter Ort dafür. Man müsste vermutlich noch nicht einmal Kulissen heranschaffen und könnte die Beschäftigten als Statisten einsetzen. Manchmal ist die Realität ein ziemlich guter Bühnenbildner.
Berlin-Kreuzberg, direkt an der Grenze zum Nachbarbezirk Neukölln: In einer alten Fabriketage am Landwehrkanal residiert die Digital-Agentur TLGG. Die Räumlichkeiten wirken wie eine Mischung aus Baumarkt und Partykeller. Die Mitarbeiter laufen kaffeetrinkend und schwatzend umher, bearbeiten ihre Computer und Tablets, alle tragen Freizeitkleidung, alle duzen einander, und im Foyer steht ein Bällebad.
Fränzi Kühne fällt in diesem Gewimmel nicht weiter auf, dabei ist sie die Chefin hier. Das war sie als Gründerin von Anfang an. Kühne ist 36 Jahre alt – und sie hat nicht nur dezidierte Vorstellungen darüber, wo ihr Unternehmen hin soll, sondern auch darüber, warum die Wirtschaft mehr Frauen in Führungspositionen braucht.
Kühne sitzt gleich in zwei Kontrollgremien
2008 gründete die gebürtige Ostberlinerin die Firma mit zwei Studienfreunden – völlig ins Blaue hinein, wie sie heute sagt. „Damals kamen Twitter und Facebook auf. Und die Unternehmen wussten nicht, was sie damit machen sollen.“
Die Marktlücke war entdeckt, die Firma wuchs, Kühne verließ die Uni ohne Abschluss. Inzwischen beschäftigt TLGG 200 Mitarbeiter. Die Agentur entwickelt digitale Kampagnen und berät in Fragen des digitalen Wandels. Zu den Kunden gehören unter anderem die Deutsche Bahn oder die Astra-Brauerei. Die Chefin sagt: „Unser Ziel ist es, die weltweit führende Agentur für digitales Business zu werden.“
Seit einiger Zeit gibt es ein verstärktes Interesse an der Person Fränzi Kühne, im Fernsehen und anderswo. Das hat nicht nur mit dem Umstand zu tun, dass sie eine erfolgreiche Gründerin aus der Digitalbranche ist. Kühne ist auch Deutschlands jüngste Aufsichtsrätin. Sie sitzt gleich in zwei Kontrollgremien, und zwar beim Telekommunikationsanbieter Freenet aus Büdelsdorf (Schleswig-Holstein) sowie bei der Württembergischen Versicherung aus Stuttgart. Doch dazu später mehr.
Die drei Gründer führen immer noch die Geschäfte
TLGG steht für „Torben, Lucie und die gelbe Gefahr“. Der Kunstname geht auf die Zeit zurück, als Kühne und einer ihrer Mitgründer in einer Studenten-WG in Berlin lebten. Dort gab es in der Küche zwei Eierbecher mit den Aufschriften „Torben“ und „Lucie“. Der dritte Firmengründer stammt aus Asien, daher die – selbstverständlich ironisch gemeinte – „gelbe Gefahr“. Seit fünf Jahren gehört TLGG zum US-Kommunikationskonzern Omnicom. Die drei Gründer führen aber immer noch die Geschäfte. Angaben zum Umsatz machen sie nicht. Man kann sich mit Fränzi Kühne sehr angeregt über das Thema Frauen in der Wirtschaft unterhalten. Sie hat dazu Ansichten, die eher ungewöhnlich sind für jemanden, der selbst Verantwortung in einem Unternehmen trägt. Kühne selbst hat nicht nur eine beeindruckende Karriere hingelegt. Sie ist auch Mutter einer kleinen Tochter. Job und Familie bringt sie durch eine akribische Organisation in Einklang und dadurch, dass neben Kühnes Partner auch ihre Mutter und eine Betreuerin für das Kind da sind.
Um das zu koordinieren, führt die TLGG-Chefin zwei Kalender parallel – einen für die Arbeit und einen für die Kinderbetreuung. Dienstags arbeitet Kühne immer von zu Hause aus, um das Kind von der Kita abholen und mit ihm zum Schwimmen gehen zu können. „Die Wochenenden sind grundsätzlich für die Familie da. Und ich versuche jeden Tag, um 18 Uhr das Büro zu verlassen“, sagt sie. „Wichtig ist auch, so selten wie möglich beruflich verreisen zu müssen.“
Mehr Frauen sollen in Führungspositionen aufsteigen
Kühne sagt, dass sie auch Vorbild sein wolle für andere junge Frauen, die etwas im Job erreichen und in Führungspositionen aufsteigen wollen. Doch damit das auch tatsächlich geschehe, sei nicht nur ein Mentalitätswechsel in den Unternehmen notwendig, sondern auch politischer Druck – also eine gesetzliche Quote.
„Das Thema Frauenquote war in meiner eigenen Laufbahn nie ein Thema. Ich persönlich habe nie die Erfahrung gemacht, dass es irgendwann nicht mehr weiterging“, sagt die 36-Jährige. „Aber als ich mich das erste Mal außerhalb meiner eigenen Agentur bewegt habe und Einblick in große Konzerne bekam, hat es ,Klick‘ gemacht. Da habe ich verstanden, dass es ohne Quote keine Veränderungen geben wird.“
Der Telekommunikationskonzern Freenet und die Württembergische Versicherung haben die TLGG-Chefin in ihre Aufsichtsräte geholt, weil sie eine Expertin fürs Digitale suchten. Nach Lage der Dinge wird sich das jeweilige Management aber auch auf die wiederkehrende Frage der Kontrolleurin gefasst machen müssen, ob es genug für die Förderung von Frauen tue.
Sie fordert eine gesetzliche Frauenquote für die Führungsebene unterhalb der Vorstände
Seit 2015 gibt es in Deutschland für börsennotierte und voll mitbestimmungspflichtige Unternehmen eine gesetzliche Zielgröße von 30 Prozent für die Aufsichtsräte. Aber es gibt keine Quote für die Vorstände. Also für die Gremien, in denen das eigentliche Geschäft gesteuert wird. Dort sind die Männer immer noch weitgehend unter sich. Der Frauenanteil in den Vorständen börsennotierter Unternehmen liegt hierzulande gerade einmal bei rund sieben Prozent. Kühne bedauert das – und verweist darauf, dass im Freenet-Vorstand keine einzige Frau sitzt und bei der Württembergischen nur eine einzige. Fränzi Kühne sagt, eigentlich bräuchte es auch eine gesetzliche Frauenquote für die Führungsebene unterhalb der Vorstände, und zwar von mindestens 50 Prozent. Dann könnten sich die Unternehmen bei Neubesetzungen von Vorstandsposten auch nicht mehr damit herausreden, dass sie keine qualifizierten Frauen fänden. Und: „Bei Managergehältern sollte es unbedingt eine leistungsabhängige Komponente in Bezug auf Diversity-Ziele geben. Wenn die verfehlt werden, sollen das die Verantwortlichen auch in ihrem Geldbeutel spüren.“ Bei TLGG versuchen sie gerade, mit anderen Firmen aus dem Kreuzberger Gewerbehof eine Betriebs-Kita auf die Beine zu stellen. Auch in Berlin sind Kindergartenplätze knapp. Das Ergebnis ist, dass junge Eltern oft länger aus dem Beruf gehen, als ihnen eigentlich lieb ist. Meistens trifft es die Frauen, was dann wiederum deren Fortkommen bremst. Es gibt also noch eine Menge zu tun.