Frag eine Sex-Therapeutin Intimität bei jungen Eltern - wann wird Sex wieder normal?

, aktualisiert am 19.02.2023 - 17:00 Uhr
Windeln wechseln, Stillen und Schlafentzug - nicht so sexy. Foto: Unsplash/Jonathan Borba

Ein neugeborenes Baby ist der Pauseknopf für das Sexleben vieler Eltern. Starthilfe nötig? Die Stuttgarter Sex-Therapeutin Roswitha Engel-Széchényi weiß, welche Probleme auftreten können und wie man mit steigendem Sexdruck und Angst umgehen kann. [Plus-Archiv]

Sex? Nein, danke. Kurz nach einer Geburt denken die wenigsten Frauen mit Vorfreude an den nächsten Geschlechtsverkehr. Vielmehr überwiegen die Sorgen um das frischgeborene Kind und den schwer beanspruchten Beckenboden und Körper. Kommt das Thema Sex dann doch irgendwann mal zur Sprache, ist es oft angstbehaftet: Was ist mit Schmerzen, wie sieht die Vulva nach einer Geburt eigentlich aus und welche Erwartungen haben Beziehungspartner:innen an das zukünftige Sexleben? Die Stuttgarter Gynäkologin und Sex-Therapeutin Roswitha Engel-Széchényi weiß um die Probleme im Bett frischgebackener Eltern Bescheid und gibt Tipps, damit die Lust wieder aufkommt.

 

Ein Neugeborenes kostet Eltern sehr viel Aufmerksamkeit und Kraft. Die eigenen Bedürfnisse geraten erst mal in den Hintergrund oder begrenzen sich auf Schlaf und Essen. Wenn Sie an Ihre Beobachtungen aus der Praxis denken, wann kommt das Thema Sex bei Paaren nach einer Geburt wieder auf?

Was Sie in der Frage beschreiben, ist ganz wichtig, und darauf sind wir viel zu wenig vorbereitet: Mit der Elternschaft müssen wir im Crashkurs lernen, die eigenen Bedürfnisse hintenanzustellen, und das ist eine beträchtliche Leistung. In der Regel tun wir es für eine gewisse Zeit lang aber gerne. Sex wird folglich zunächst eher unwichtig. Außerdem möchten die meisten Frauen eine erste Untersuchung nach der Geburt (etwa sechs Wochen danach) abwarten, ehe sie sich dem Thema überhaupt gedanklich nähern. Sie brauchen die Sicherheit, dass Verletzungen gut abgeheilt sind und die Rückbildung gut stattfindet.

Welche Ängste äußern Frauen Ihnen gegenüber, wenn es um das erste Mal nach der Geburt geht? Und welche Sorgen kann man recht einfach aus der Welt schaffen?

Das erste Mal, vor allem nach einer vaginalen Geburt, ist eigentlich immer angstbehaftet. Deswegen ist es so wichtig, dass Frauen diese Angst zeitnah überwinden, ansonsten kann sie sich festigen. Besonders verbreitet sind Ängste vor Schmerzen bei der Penetration oder Sorgen über eine erneute und ungewollte Schwangerschaft.

Was sind häufige Probleme, die beim Sex nach einer vaginalen Geburt auftreten und gegen welche kann man aktiv etwas tun?

Manche Sexpositionen können sich nach einer Geburt anders anfühlen, das liegt an der veränderten Position der Gebärmutter. Außerdem führt sexuelle Erregung in der Stillzeit zu Milchfluss aus den Brüsten, was unangenehm oder zumindest gewöhnungsbedürftig ist. Das Stillen vor dem Sex hilft an dieser Stelle, um das Risiko zu minimieren. Prolaktine, die beim Stillen entstehen, sorgen übrigens für vaginale Trockenheit. Dies kann aber durch den Gebrauch von Gleitmitteln gut behoben werden.

Schmerzen an den frischen Narben infolge von Rissen lassen Penetration nur langsam und in bestimmten Positionen zu, gemeinsam kann man diese Probleme aber eigentlich gut besprechen. Für das gemeinsame Sexleben ist neben körperlichen Symptomen aber auch die Ablenkbarkeit von frischen Müttern und teils auch Vätern störend. Ein Ohr ist ja immer beim Kind, und das ist auch wichtig, stört aber beim Sex.

Begriffe wie Dammriss und Scheidenriss machen oft Angst, speziell vor penetrativem Sex. Wie lange dauert die Heilung dieser Geburtsverletzungen?

In der Regel heilen sämtliche Damm- und Scheidenverletzungen sehr gut ab. Gute Nahttechniken und gewebeschonendes Nahtmaterial tun dann ihr übriges. Binnen sechs Wochen sind wirklich die meisten Verletzungen exzellent verheilt.

Bei Geburtsverletzungen entstehen ja auch Narben, wird man dadurch weniger sensibel im Intimbereich?

Die größte Sensibilität besteht bei uns Frauen im Bereich der Klitorisspitze, hier treten zum Glück nur selten Verletzungen auf, sodass unsere Empfindsamkeit und Orgasmusfähigkeit eigentlich kaum gestört sind. Der Bereich des Scheideneinganges ist aber auch sehr sensibel, hier können Verletzungen zumindest zeitweilig Sensibilitätsverluste hervorrufen.

Wie wichtig ist Beckenbodentraining wirklich, und kann man damit die Rückbildung beschleunigen?

Das Hormon Oxytocin, welches beim Stillen ausgeschüttet wird, trägt zur Rückbildung der Gebärmutter bei. Die Kräftigung des Beckenbodens ist dennoch weiterhin sehr wichtig. Über die zehn Monate der Schwangerschaft und durch die Geburt wird dieser stark belastet und muss aktiv angesteuert werden. Um dies zu erlernen, ist die Anleitung durch Hebammen und Physiotherapeut:innen bei der Rückbildungsgymnastik extrem wichtig. Jede Frau sollte die Beckenbodenmuskulatur nach der Geburt wiederaufbauen und es in gewisser Weise als lebenslange Aufgabe verstehen. Denn in späteren Jahren ist ein trainierter Beckenboden wichtig, um Inkontinenz vorzubeugen.

Neben einer vaginalen Geburt gibt es ja auch noch andere Wege, ein Kind auf die Welt zu bringen. Welchen Einfluss hat ein Kaiserschnitt auf das Sexleben junger Eltern?

Nach dem Kaiserschnitt gibt es die vaginalen Probleme nicht, dafür hat man aber einen Bauchschnitt, der auch zu Schmerzen führen kann. Thematiken wie Wochenfluss oder Stilltrockenheit der Vagina sind aber die gleichen wie nach der natürlichen Geburt.

Ist Beckenbodentraining auch nach einem Kaiserschnitt wichtig?

Ja, sehr, da auch Frauen mit einem Kaiserschnitt zehn Monate schwanger waren und damit auch deren Beckenboden belastet war. Nach dem Kaiserschnitt ist es außerdem besonders wichtig, die Bauchmuskulatur wiederaufzubauen, weil diese im Zuge der Operation stärker belastet wird als bei Frauen mit einer vaginalen Geburt.

Kann es sein, dass sich der Orgasmus nach einer Geburt anders anfühlt oder schwerer erreicht wird?

Lustigerweise kommen Frauen nach einer Geburt oft leichter, warum auch immer. Viele Frauen beschreiben, dass er sich anders oder intensiver anfühlt. Aber auch das andere gibt es natürlich, die Orgasmusbremse ist dann oftmals ein Hingabeproblem.

Wie mit Erwartungen vom nicht gebärenden Teil der Beziehung umgehen, der vielleicht schon früher ein Bedürfnis nach Sex hat?

Wenn ein Paar Sexualität zu lange meidet, kann dies zum Aufbau von Unzufriedenheiten, Ärger und Verstimmungen führen. Miteinander zu sprechen ist deswegen wie immer das A und O. Wir dürfen nicht vergessen, dass viele Paare aus Angst den Sex bereits in der Schwangerschaft einstellen. Dabei gibt es nur wenige medizinische Gründe, die dagegen sprechen. Man kann sich also gut vorstellen, wie der Sexdruck in einer Beziehung steigt.

Und man muss bedenken, dass wir Frauen bereits Zärtlichkeit, Körperkontakt und Wärme von unserem Kind bekommen. Oft sind Frauen daher diesbezüglich satter, anders als der nicht gebärende Teile der Beziehung. So entsteht manchmal ein Ungleichgewicht in unseren Bedürfnissen. Deswegen ist es wichtig zu reden und die Bedürfnisse des anderen wahrzunehmen.

Was, wenn es der Partnerin oder dem Partner schwerfällt, vom Elternmodus in den Sexmodus überzugehen und es sich sogar komisch anfühlt, wieder Sex zu haben?

Diese Herausforderung müssen alle Eltern meistern. Hier hilft die Vorstellung, dass Sex in unseren Beziehungen die Körpersprache für Zusammengehörigkeit und Zuneigung ist. Außerdem wird durch Sex das Bindungshormon Oxytocin ausschüttet, was uns friedvoller miteinander macht, und das kommt letztlich der gesamten Familie zugute.

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