Probleme im Intimbereich sind oft schambehaftet und werden nur in sicheren Umgebungen besprochen. Viele der Patientinnen mit Vaginismus trauen sich aber nicht zum Frauenarzt und haben Angst, Schmerzen und Unverständnis ausgesetzt zu sein.
Gibt es ein gutes Sexleben mit dem Scheidenkrampf, wer kann helfen, und wie kann man in einer Beziehung diese Herausforderung meistern? Wir haben mit einer Sex-Therapeutin darüber gesprochen.
In letzter Zeit hören wir immer häufiger von Vaginismus. Aber was beschreibt das Wort eigentlich?
Engel-Széchényi: Eine aktuelle Definition nach Rosemary Basson, einer amerikanischen Sexuologin, beschreibt den Vaginismus als „andauernde oder wiederkehrende Schwierigkeit des Körpers, das Einführen eines Penis, Fingers oder eines anderen Objektes in die Vagina zuzulassen, trotz des eigenen, ausdrücklich geäußerten Wunsches, etwas einzuführen".
Das Gefühl in einer übersexualisierten Welt „die Einzige zu sein, die damit Schwierigkeiten hat“ und „beim Normalsten der Welt“ zu scheitern wird als sehr belastend erlebt. Betroffene können über dieses Thema oft mit niemandem reden, weil das Reden über die eigene Sexualität, erst recht, wenn diese nicht „funktioniert“, sehr schambehaftet ist.
Ist es immer eindeutig, was die Auslöser sind?
Engel-Széchényi: Der Vaginismus hat immer somato-psychische oder psychosomatische Ursachen, die sich im Sinne eines Teufelskreises gegenseitig verstärken. Fast immer findet sich eine frustrane erste Penetrationserfahrung bei Betroffenen, beispielsweise ein unerfolgreicher Versuch ein Tampon einzuführen. Dies hinterlässt eine negative „Erinnerungsspur“ im limbischen System, ganz nach dem Motto „irgendetwas geht da nicht, ist unangenehm, und tut weh“. Unglücklicherweise speichert unser Gehirn unangenehme Gedächtnisinhalte wesentlich nachhaltiger als angenehme.
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Nun gibt es unterschiedliche Möglichkeiten mit solchen Erfahrungen umzugehen, und da kommt die Persönlichkeit der Frau in Spiel. Die einen werden sich Rat bei der Mutter oder Freundinnen holen oder es so lange probieren bis das Tampon schmerzfrei einführbar ist. Ein kleinerer Teil der Frauen aber ist eher ängstlich-vermeidend strukturiert und traut sich nicht zu fragen, oder ist ihrer Unterleibsregion eher ablehnend gegenüber eingestellt. Diese Mädchen versuchen das Einführen aus Angst nicht mehr und verdrängen das Thema.
Beim Versuch Penetration zu erleben oder dem ersten Frauenarztbesuch werden diese unangenehmen Gedächtnisinhalte aber reaktiviert und das Erinnerungsgedächtnis warnt in Sekundenbruchteilen „Achtung, Gefahr“. Das führt zu einer klassischen Angstreaktion im gesamten Muskelsystem, aber vor allem im Bereich des Beckenbodens sowie der Adduktoren und Glutealmuskeln. So besteht meist keine Möglichkeit mehr, sich der Betroffenen körperlich zu nähern. Mit jeder weiteren derartigen Erfahrung verfestigt sich die Negativerinnerung im Gehirn und wird zusätzlich durch entstehende Schuld, Insuffizienz und Angstgefühle verstärkt.
Die Lust der Frau wurde in der Vergangenheit nicht priorisiert, dennoch würde ich davon ausgehen, dass Vaginismus keine „neue“ Problematik ist. Werden diese Symptome in der Historie beschrieben und seit wann gibt es die Diagnose Vaginismus?
Engel-Széchényi: Vaginismus gibt es transkulturell und schon immer.
Beschäftigt man sich mit dem Thema, trifft man oft auf den Begriff der Dyspareunie. Was bedeutet das, und inwiefern unterscheidet es sich vom Vaginismus?
Engel-Széchényi: Das Wort Dyspareunie bezeichnet die schmerzende Penetration und wird begrifflich vom Vaginismus abgegrenzt. Bei der Dyspareunie kann etwas in die Vagina eingeführt werden, allerdings nur unter Schmerzen. Halten die Schmerzen beim Einführen lange genug an, entwickelt sich daraus nach beschriebenem Teufelskreis ein Vaginismus. Das sollte bei anhaltenden Beschwerden also immer fachärztlich abgeklärt werden.
Wird bei der Untersuchung schulmedizinisch „nichts gefunden“, ist meist das Aufsuchen eines speziell ausgebildeten Sexualmediziners unumgänglich. Wichtig ist an dieser Stelle zu erwähnen, dass Frauenärzte entgegen der Annahme vieler Patientinnen nicht „automatisch“ auch Expert:innen für sexualmedizinische Fragestellungen sind. Sexualmedizin wird leider weder an der Universität noch in der Facharztausbildung gelehrt und bedarf spezieller Weiterbildungsmaßnahmen.
Was tun, wenn man sich mit seinen Problemen alleine fühlt? Und wie kann sich Frau mit Vaginismus auf einen Frauenarztbesuch vorbereiten?
Engel-Széchényi: Nach einer Erhebung in einer frauenärztlichen Praxis gibt es eine Vaginismusbetroffene pro 1000 Patientinnen, die die Praxis aufsuchen. Das klingt nach wenig, ist aber plausibel, da Frauen, die um ihren Vaginismus wissen oft erst gar nicht zum Facharzt gehen. Daher wird von einer hohen Dunkelziffer an Patientinnen ausgegangen, die irgendwann zu mir geschickt werden oder mich im Internet finden. Der Grund ist dann meistens ein drängender Kinderwunsch, da Kinderwunschzentren zunehmend auf die Thematik sensibilisiert sind und keine reproduktionsmedizinischen Maßnahmen durchführen, wenn ein Vaginismus besteht. Aber auch der Wunsch nach Untersuchbarkeit aus Angst vor Erkrankungen oder ein drohendes Beziehungsaus können zur Überwindung dieser Hürde führen.
Bevor die Diagnose Vaginismus gestellt werden darf, ist eine eingehende gynäkologische Untersuchung zum Ausschluss anatomischer Penetrationshindernisse notwendig. Dies ist jedoch eine große Schwierigkeit, da sich Betroffene auf dem Untersuchungsstuhl mit der erforderlichen Untersuchungsposition schwertun. Um dennoch untersuchen zu können, ist es hilfreich, zunächst ein vertrauensbildendes Anamnesegespräch mit der Patientin zu führen, welches Zeit und Ruhe benötigt, das „Öffnen“ beginnt nämlich bereits hier. Im Folgenden wird genau darüber informiert, was bei der Untersuchung in welchen Schritten passieren wird.
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Sobald die Diagnose Vaginismus gesichert ist, muss der Patientin erklärt werden, wie dieser zustande kommt - dies ist sowohl für die Akzeptanz der Erkrankung als auch für das im Folgenden angebotene Therapiekonzept von großer Wichtigkeit.
Hilft es sich auf andere Sexualpraktiken, abgesehen von Penetration, zu konzentrieren, oder ist ein Vermeidungsverhalten eher kontraproduktiv?
Engel-Széchényi: Es gibt „Vaginismuspaare“ die gar keine Körperlichkeit mehr leben. Manche Frauen mit Vaginismus, die noch nie in ihre Sexualphysiologie kamen, geschweige denn einen Orgasmus erlebten, befriedigen die Partner:in jedoch manuell oder oral. Andere leben das gesamte Repertoire exklusive der vaginalen Penetration und haben auch Orgasmen. Letztere sind in der Sexualtherapie leichter zu behandeln, weil man „nur“ am Abbau des Teufelskreises arbeiten muss. Bei den ersteren kommt noch das Thema der sexuellen Entdeckung mit Lustentwicklung und Erlernen eines Orgasmus dazu, was wesentlich schwieriger und umfangreicher ist.
Man kann also trotz Vaginismus ein erfülltes Sexleben haben?
Engel-Széchényi: Viele Vaginismus Patientinnen haben (vielleicht entgegen mancher Vorstellung) eine in diesem Sinne komplett erfüllte Sexualität mit voll entwickelter Orgasmusfähigkeit und können „nur“ die Penetration nicht erleben. Bei anderen wiederum hemmt die fehlende Penetrationsfähigkeit die Sexualphysiologie, sodass sie weder in ihre Lust noch in eine Erregungsplateau oder Orgasmusphase kommen.
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Wie ist die Aussicht auf Heilung?
Engel-Széchényi: Vaginismus ist die am besten zu therapierende Sexualstörung. Die Vaginismustherapie ist jedoch eine Körpertherapie und keine Psychotherapie! Diese wird bei speziell ausgebildeten Sexualtherapeuten angeboten und umfasst in meiner Praxis im Durchschnitt sechs bis zehn Therapiestunden. Übernommen wird Sexualtherapie leider weder von den privaten noch von den gesetzlichen Krankenkassen und stellt so für Betroffene immer eine Selbstzahlerleistung dar.
Wie kann eine Beziehung trotz der Krankheit funktionieren?
Engel-Széchényi: In meiner Erfahrung gibt es zwei Beziehungsmuster bei Vaginismuspatientinnen. Beim einen ist der Partner:in nach kurzer Zeit von der Einschränkung im körperlich-sexuellen Bereich „genervt“ und es kommt zur Trennung. Das verstärkt bei Betroffenen Scham und Insuffizienzgefühle. Beim anderen hat das Paar eine starke und gute Beziehungsebene und arrangiert sich über unterschiedliche Zeiträume mit den Gegebenheiten. Die „Vaginismuspartner:innen“ sind geduldige, liebende und vorwurfsfreie Menschen, die sehr unterstützend wirken. Den Schritt zur Therapie zu wagen, benötigt oft eine lange Zeit.