Frag eine Sex-Therapeutin "Würden Männer menstruieren, hätten sie bezahlten Urlaub"

Menstruationstasse, Tampons oder Periodenunterwäsche – die Auswahl ist groß. Foto: Christina Oana/Unsplash

Die Menstruation ist blutig, manchmal sehr schmerzhaft und noch immer ein Tabu. Wir haben mit der Stuttgarter Sextherapeutin Roswitha Engel-Széchényi über die richtige Hygiene, Sex während den Tagen, Cups und Menstruationsurlaub gesprochen.

Die Periode ist für die meisten Frauen ein langer Begleiter im Leben. Als Teenager wirkt sie oft angsteinflößend, Frauen mit Kinderwunsch hoffen jeden Monat, dass sie nicht eintritt und für viele bedeutet sie einfach nur unfassbarer Schmerz. Doch obwohl die monatliche Regelblutung ein wichtiger Aspekt der weiblichen Gesundheit ist, umgibt sie ziemlich viel Scham.

 

Wir haben mit der Stuttgarter Gynäkologin und Sex-Therapeutin Roswitha Engel-Széchényi über Sex während der Periode, die Wahl zwischen Cups und Tampons und „menstruationsfrei“ im Berufsleben gesprochen.

Menstruationstassen liegen nicht nur bei umweltbewussten Frauen im Trend. Für wen lohnt sich ein Wechsel?

Der Umstieg auf den Cup erfolgt oft aus Nachhaltigkeitsgründen. Vor allem junge Frauen suchen in vielen Lebensbereichen Alternativen und achten auf ihre CO2-Bilanz. Da bietet der leicht zu reinigende und wiederverwertbare Menstruationscup eine gute Alternative.Auch die relativ neue Menstruationsunterwäsche erfreuet sich immer größerer Beliebtheit. Gerade Frauen mit großer Hautempfindlichkeit im Vulvabereich profitieren von der weichen, wenig hautreizenden Qualität. Und dicht halten sie auch.

Es gibt immer mehr Bio-Tampons. Kann man die altbekannten Tampons trotzdem guten Gewissens weiterverwenden oder gibt es da Risiken?

Verbraucherinnen schätzen an Biotampons die biologisch wertvolle Baumwolle, die Schadstofffreiheit sowie auch kompostierbare Verpackungen. Weniger kritische Frauen greifen weiterhin zu altbekannten Produkten und verwenden keinen Gedanken auf potentielle Schadstoffe oder Klimabelastung. Gesundheitliche Risiken sind im Großen und Ganzen bei Tampongebrauch unabhängig vom Hersteller aber nicht zu erwarten, solange man die Tragezeiten einhält. Tampontragen ist auch nachts möglich, wenn man vor dem Zubettgehen nochmals wechselt und die Liegezeit von ca. acht 8 Stunden nicht überschreitet.

Und was unterscheidet ein Softtampon von einem durchschnittlichen Tampon?

Der Softtampon ist eine Art Schwämmchen ohne Rückholfaden, welcher ins hintere Scheidengewölbe eingelegt wird und dort wie ein normales Tampon verbleiben kann. Der Vorteil ist, dass man aufgrund seiner Beschaffenheit und Lage Penetrationssex haben kann, ohne dass etwas im Wege ist. Das Einführen und vor allem das Herausholen muss aber ein wenig geübt werden. Vorsicht Spiralenträgerinnen: Der Rückholfaden einer Spirale kann sich im Softtampon verhaken und beim Entfernen versehentlich aus der Gebärmutter gezogen werden.

Oft werden Tampons oder Binden auf dem Weg zum Klo diskret versteckt. Warum haben wir diese Scham?

Das ist eine gute Frage – ich glaube, dass diese Scham von Generation zu Generation weitergegeben wird. Die Menstruation ist nach wie vor tabuisiert und wird oft verheimlicht, obwohl jeder Mensch weiß. dass die Periode existiert. Ein offener Umgang wäre also durchaus möglich, und trotzdem passiert dieser nicht. Vielleicht liegt es mitunter daran, dass sich Frauen im Menstruationsgeschehen oftmals als „verletzbar“ erleben. Das würde teilweise den Trend der völligen Ausschaltung der Menstruation erklären, zum Beispiel durch das durchgängige Einnehmen einer „Pille“ oder durch die Einlage einer Hormonspirale.

Was tun, wenn man diffuse Angst vor dem toxischen Schocksyndrom hat, was würden Sie mit auf den Weg mitgeben?

Das TSS ist eine seltene Komplikation. Grundsätzlich versuche ich meinen Patientinnen immer zu vermitteln das Seltenes auch selten ist. Solange man sich also an die Nutzungsbedingungen und das regelmäßige Wechseln der Tampons hält, kann eigentlich nichts passieren. Sollten jedoch infolge eines zu lange verbliebenen Tampons Unterbauchschmerzen oder Fieber auftreten, muss man unverzüglich eine Frauenärzt:in aufsuchen.

Ist Penetration während der Periode unbedenklich?

Ja, das ist grundsätzlich unbedenklich. Sex kann während der Periode sogar eine schmerzlindernde Wirkung haben, denn dabei werden die Hormone Endorphine, Oxytocin und Dopamin ausgechüttet.

Es gibt viele Frauen, die lieber keinen Sex haben, wenn sie menstruieren. Warum ist das so?

Viele Frauen können sich sexuelle Aktivitäten während der Tage nicht vorstellen, da die unangenehmen Begleiterscheinungen zu ausgeprägt sind. Manche Frauen empfinden das Ausleben ihrer Sexualität aber gerade in dieser Zeit besonders lustvoll und oft auch „angstfrei“, vor allem wenn NFP, Natural Family Planning, praktiziert wird.

Abgesehen von Ibu und Wärmflasche – was hilft bei sehr starken Schmerzen während der Periode?

Primär helfen nun mal Wärme und Schmerzmittel. Wichtig sind dabei auch die Wirkstoffe, gut ist Ibuprofen, noch sind besser Medikamente mit Naproxen oder Ibu-Lysinat. Aber auch krampflindernde Medikamente wie Buscopan, Bewegung oder Ruhighalten können helfen, das ist je nach Person unterschiedlich. Außerdem führt die Einnahme einer Pille bei vielen Frauen zur Zyklusharmonisierung und kann dadurch schmerzlindernd wirken. Bei sehr starken Schmerzen sollte aber immer an das Krankheitsbild der Endometriose gedacht und diese gegebenenfalls ausgeschlossen werden.

Sollte es die Option geben, während der Menstruation frei zu nehmen, bzw. glauben Sie, dass es diese Option bereits gäbe, wären Männer das menstruierende Geschlecht?

Mit Sicherheit. Viele Studien belegen Leistungseinbruch, Konzentrationsstörungen, Müdigkeit und Schmerzen während der Menstruation. Das subjektive Wohlbefinden ist also eingeschränkt. Meiner Ansicht nach sollte deswegen mit dem Thema gesellschaftlich offener und pragmatischer umgegangen werden. Beispielsweise könnten „menstruationsfreie“ Tage im Beruf über angesammelte Überstunden ermöglicht werden.

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Welche gesellschaftlichen Veränderungen halten Sie für nötig, damit mehr über Menstruation gesprochen wird?

Ich sehe vor allem uns Frauen in der Pflicht, denn wir haben die Kompetenz über Menstruation zu sprechen. Das sollten wir in aller Offenheit tun und uns gegenseitig in Fragen der Menstruation unterstützen. Es ist wichtig, zur Bewältigung von Angst, zusammenzuhalten und gewonnenes Wissen an unsere Töchter, Nichten und Enkelinnen weiterzugeben. Der funktionierende weibliche Zyklus ist ja auch etwas Hoffnungsvolles. Das sollte uns stolz machen und kann helfen, die unangenehmen Begleiterscheinungen der Menstruation besser anzunehmen.

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