Fragen Sie Dr. Ludwig Ist Kompetenz eine Karrierebremse?

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Wer keine Ahnung hat, tut sich oft leichter – vor allem, wenn er es gar nicht bemerkt.

Manche IT-Freaks träumen vom ewigen Leben in Form von  Bits und Bytes. Doch was passiert, wenn einer versehentlich die Löschtaste drückt? Foto: Adobe Stock
Manche IT-Freaks träumen vom ewigen Leben in Form von Bits und Bytes. Doch was passiert, wenn einer versehentlich die Löschtaste drückt? Foto: Adobe Stock

Stuttgart - Schon in der Schule gab es diese Typen, die sich trotz bestenfalls mittelmäßiger Noten für superschlau hielten. Dabei steckte bei genauer Betrachtung meist nicht viel dahinter – außer einer ausgeprägten Fähigkeit zum Selbstmarketing bei gleichzeitiger Abwesenheit von Selbstreflexion. Viele Jahre später stellt man dann beim Klassentreffen fest, dass viele dieser Angeber ungeachtet ihrer überschaubaren kognitiven Fähigkeiten Karriere gemacht haben – zum Beispiel als Abteilungsleiter, Mitglied der Geschäftsführung oder Abgeordneter.

Wahre Kompetenz, das belegen zahlreiche Studien, ist in der modernen Arbeitswelt an vielen Stellen ein Karrierehindernis. Wer sich ernsthaft mit einer Sache beschäftigt, merkt recht schnell, was er auf diesem Gebiet alles noch nicht weiß und wo überall Probleme drohen könnten. Das lässt echte Fachleute in Diskussionen oder bei geschäftlichen Meetings eher abwägend und zurückhaltend auftreten. Im Gegensatz dazu tun sich jene, die sich gar nicht erst mit Details aufhalten, viel leichter, im Brustton der Überzeugung Vorschläge zu machen, deren völlige Realitätsferne weder ihnen selbst noch dem Chef auffällt.

Systematische Selbstüberschätzung

Fachleute nennen dieses Phänomen den Dunning-Kruger-Effekt. Die US-Psychologen David Dunning und Justin Kruger hatten Studenten zu Tests eingeladen, in denen ihre Kompetenzen auf den Gebieten Grammatik und Logik abgefragt wurden. Ergebnis: Ausgerechnet jene Teilnehmer, die die schlechtesten Resultate erzielten, waren der Ansicht, dass ihre Leistungen weit über dem Durchschnitt lagen. Diese systematische Selbstüberschätzung ließ sich nicht einmal dadurch korrigieren, dass man dieser Gruppe die Testbögen zeigte, auf denen ihre Fehler eindeutig dokumentiert waren. Heute würde man einen derart entspannten Umgang mit Tatsachen postfaktisch nennen, doch als die Studie von Dunning und Kruger 1999 veröffentlicht wurde, war diese Vokabel noch nicht in Mode.

Manche Leute halten sich sogar für so kompetent und unersetzlich, dass sie sich oder zumindest ihr Gehirn einfrieren lassen wollen. So können sie darauf hoffen, in ferner Zukunft auch die Nachwelt mit ihrem gefährlichen Halbwissen nerven zu können. Vorher muss man die Anhänger der sogenannten Kryonik allerdings auftauen und wieder zum Leben erwecken – was in Fachkreisen als ziemlich schwierig gilt. Denn beim Einfrieren geht in Zellen und Geweben einiges kaputt. Spermien oder Eizellen lassen sich zwar bereits ohne Schäden tiefkühlen, aber bei einem überaus komplexen Organ wie dem Gehirn ist die Medizin davon meilenweit entfernt. „Wer glaubt, dass man tiefgefrorene Menschen irgendwann wiederbeleben kann, der muss auch glauben, dass man aus einer Frikadelle wieder eine Kuh machen kann“, sagt etwa Andreas Sputtek, Facharzt für Transfusionsmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und ehemaliger Präsident der Gesellschaft für Kryobiologie.

Traum von der digitalen Wiedergeburt

In der IT-Branche will man sich gar nicht erst mit den wenig appetitlichen Prozeduren zur Reanimation tiefgefrorener Menschen beschäftigen. Manche Nerds träumen stattdessen davon, nach Ablauf ihres irdischen Mindesthaltbarkeitsdatums in Form einer Software weiterzuexistieren, welche die neuronalen Verknüpfungen in ihrem Gehirn nachzeichnet. Diese Methode hätte in der Tat Vorteile. So könnte man beim Upload einer Persönlichkeit auf das Speichermedium auch den einen oder anderen Programmfehler ausmerzen oder bei Bedarf ein zusätzliches Selbstkritik- oder Empathie-Modul installieren.

In besonders schwierigen Fällen – etwa bei den immer zahlreicheren narzisstisch-autokratisch veranlagten Regierungschefs, die derzeit in so vielen Teilen der Welt den Frieden gefährden – dürften kleinere Updates aber kaum weiterhelfen. In diesen Fällen wäre es vielmehr ratsam, gleich nach Fertigstellung der digitalen Hirnkopie die Löschtaste zu betätigen. „Sind Sie sicher, dass Sie dieses Persönlichkeits-Back-up unwiederbringlich löschen wollen?“ – „Aber klar doch!“ Wer sich damit nicht aufhalten will, kann auch einfach den Stecker ziehen.