Fragen Sie Dr. Ludwig Warum schlagen Schwiegermütter auf den Magen?

Ganz schön fett, aber kein Problem für den Darm – sofern die richtigen Leute mit am Tisch sitzen. Foto: dpa

Manche Tischgenossen können das biologische Gleichgewicht im Darm stören. Es kommt eben nicht nur darauf an, was man ist, sondern auch mit wem.

Wissen/Gesundheit: Werner Ludwig (lud)

Stuttgart - Spätestens seit Giulia Enders’ Buch „Darm mit Charme“ gilt die schlichte Frage „Wie geht es dir heute?“ als Ausdruck einer reichlich oberflächlichen Sicht der Dinge. Ganzheitlich denkende Menschen, die um die überragende Bedeutung des Verdauungsapparats und seiner Bewohner für unser Wohlbefinden wissen, fragen stattdessen: „Wie geht es deinem Mikrobiom?“ Schließlich weiß mittlerweile jedes Schulkind, dass Myriaden von Mikroben tagein, tagaus daran arbeiten, unseren Darm zu einem besseren Ort – und uns alle zu glücklicheren Menschen – zu machen.

 

Im Darm sind nicht nur viele Bakterien, sondern auch verdammt viele Nervenzellen untergebracht – insgesamt bis zu 200 Millionen. Das sind fast so viele Neuronen wie in einem kompletten Katzenhirn. Da fragt man sich natürlich: Was tun diese vielen Neuronen eigentlich den ganzen Tag lang? Okay, es gibt dort unten sicher eine ganze Menge zu organisieren – etwa, dass die richtigen Verdauungssäfte genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind. Aber reicht das wirklich, um so viele Nervenzellen sinnvoll zu beschäftigen?

Hilfe für das überlastete Großhirn

Es ist ja nicht so, dass es sonst nichts zu tun gäbe. Studien zufolge bewegen sich die Ergebnisse von Intelligenztests nach einem erfreulichen Anstieg im vorigen Jahrhundert schon seit einigen Jahren wieder spürbar nach unten. Die Menschen kämen wegen der andauernden Ablenkung durch Smartphones und Internet einfach nicht mehr richtig zum Denken, lautet eine der möglichen Erklärungen für den Rückgang des Intelligenzquotienten in vielen Ländern. Da wäre es doch naheliegend, dass das Bauchhirn einen Teil der lästigen Denkarbeit übernimmt – selbstverständlich nach einer angemessenen Einarbeitungszeit. Ein paar Millionen zusätzliche Nervenzellen, die unserem überlasteten Großhirn ein wenig unter die Synapsen greifen, können am Ende womöglich mehr erreichen als die sogenannte Künstliche Intelligenz, die sich bei der Lösung vieler Alltagsprobleme nach wie vor als strunzdumm erweist.

Damit jedoch das Bauchhirn sein volles Potenzial entfalten kann, muss es pfleglich behandelt werden. Das erfordert ein Mindestmaß an Achtsamkeit gegenüber dem Darm und den dort beschäftigten Honorarkräften, die für eine Handvoll Zuckermoleküle schuften. Experten wissen schon lange: Mit einer gesunden Kost, die wenig Fett und Kohlenhydrate und viele Vital-, Mineral- und Ballaststoffe enthält, fühlen sich die Mikroben am wohlsten. Und wenn im Darm alles reibungslos flutscht, muss das Bauchhirn nicht so viel über die Verdauung nachdenken – hat also mehr Kapazität frei für die Entlastung unseres gestressten Großhirns. Der Begriff „Bauchentscheidung“ bekommt so eine ganz andere Bedeutung.

Sensibles Bauchhirn

Dummerweise reagiert aber auch das Bauchhirn sehr empfindlich auf äußeren Stress. Das zeigt eine Studie aus den Niederlanden. Forscher hatten bei 24 normalgewichtigen Männern und Frauen vor und nach den Weihnachtsfeiertagen Stuhlproben genommen und mikrobiologisch untersucht. Im Stuhl jener Probanden, die die Festtage bei ihren Schwiegereltern und deren Entourage verbracht hatten, fand sich dabei eine verringerte Zahl von Ruminokokken. Bei Teilnehmern, die mit der eigenen Verwandtschaft gefeiert hatten, stieg die Zahl dieser Bakterien dagegen an. Eine verringerte Ruminokokken-Zahl sei auch bei Menschen mit depressiven Störungen und Mäusen unter chronischem Stress beobachtet worden, schreiben die Autoren. Dabei hatten beide Versuchsgruppen über Weihnachten mehr Fleisch und gesättigte Fettsäuren zu sich genommen als üblich. Das Mikrobiom verkraftet also auch mal ein fettes Eisbein mit Pommes, solange die Schwiegermutter nicht als zusätzlicher Stressfaktor mit am Tisch sitzt. Der Mensch ist, was er isst? Nein, es kommt auch darauf an, mit wem.

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