Fragen Sie Dr. Ludwig Was können wir vom Schwanzlurch lernen?

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Nicht alles, was auf den ersten Blick überflüssig erscheint, muss es tatsächlich sein. Vielleicht ist unser Hirn einfach nur zu klein, um den Sinn mancher Dinge zu begreifen.

Der Axolotl hat zehnmal so viel DNA wie der Mensch – warum eigentlich? Foto: dpa
Der Axolotl hat zehnmal so viel DNA wie der Mensch – warum eigentlich? Foto: dpa

Stuttgart - Wie kann ich im Supermarkt erkennen, wo Gene drin sind?“ Diese Frage stellte vor einigen Jahren eine deutsche Boulevardzeitung. Sie reagierte damit auf die Skepsis etlicher Zeitgenossen gegenüber der Gentechnik. Dumm nur, dass in Salat, Tomaten oder Kartoffeln von Natur aus jede Menge Gene drin sind – und zwar ohne dass ein gewissenloser Forscher in seinem Frankenstein-Labor welche reingeschmuggelt hat. Wer nicht nur Konserven verzehrt, nimmt pro Tag etwa ein Gramm fremde DNA zu sich, ohne dass dies irgendwelche negativen Folgen hätte. Auch wenn jemand mal Tomaten auf den Augen hat, hängt das nicht mit dem Verzehr pflanzlichen Erbguts zusammen. Zu allem Überfluss trägt jeder von uns auch noch eine Menge eigene DNA mit sich herum.

Früher hieß die DNA im deutschsprachigen Raum DNS – die Abkürzung für Desoxyribonukleinsäure. Doch angesichts der Übermacht des Englischen als Wissenschaftssprache mutierte das S irgendwann zu einem A für Acid. Solche Veränderungen passieren auch beim Kopieren der DNA in den Zellen und bei der Weitergabe der Erbinformation an die nächste Generation. Da verrutschen bisweilen mal ein paar Buchstaben des genetischen Alphabets. In den meisten Fällen führen solche Mutationen aber nicht zu einer Erkrankung, weil sie keine wichtigen Stellen der DNA betreffen. Der allergrößte Teil des Erbmoleküls hat der vorherrschenden Lehrmeinung zufolge ohnehin keine lebenswichtige Funktion. Man spricht salopp von Junk-DNA – also von genetischem Abfall. Wie sonst könne es sein, argumentieren Vertreter dieser Richtung, dass die DNA einer Zwiebel aus fünfmal so vielen Buchstaben besteht wie die eines Harvard-Professors oder eines beliebigen anderen Menschen. Ist die Zwiebel deshalb vielleicht höher entwickelt oder gar intelligenter?

Wundersames Regenerationsvermögen

Ein mexikanischer Schwanzlurch – besser bekannt als Axolotl – schleppt sogar zehnmal mehr Erbinformation mit sich herum als der Homo sapiens. Der blasse Wasserbewohner scheint permanent zu lächeln. Er hat auch allen Grund dazu, denn bei ihm können abgebissene oder abgerissene Gliedmaßen, ja sogar defekte Organe einfach wieder nachwachsen. Womöglich ist das wundersame Regenerationsvermögen des Axolotl ja eine Folge seines gigantischen Genoms, geben Kritiker des Junk-DNA-Konzepts zu bedenken. Tatsächlich deuten einige Experimente darauf hin, dass die angeblich nutzlosen Abschnitte etwa eine wichtige Rolle bei der Steuerung von Entwicklungsprozessen spielen – zum Beispiel als Ein- und Ausschalter für bestimmte Gene, die nur zeitweise benötigt werden.

Fakt ist: Obwohl Forscher die komplette DNA-Sequenz einer wachsenden Zahl von Lebewesen kennen, bereitet es ihnen nach wie vor Mühe, den Sinn dieser elend langen Texte aus nur vier verschiedenen Buchstaben vollständig zu begreifen. Das Einzige, das die Genetiker bis jetzt wirklich verstanden haben, ist, wie Zellen mithilfe der in der DNA gespeicherten Informationen Proteine herstellen – jene komplexen Eiweißverbindungen, ohne die in lebenden Organismen praktisch nichts funktionieren würde. DNA-Abschnitte, in denen partout kein Protein-Bauplan zu finden ist, seien überflüssig, meinen die Junk-DNA-Anhänger.

Raum für Verschwörungstheorien

Oder verbirgt sich hinter den angeblich unnützen DNA-Abschnitten der geheime Einsatzplan zur Übernahme der Weltherrschaft durch Reptiloide? Höchste Zeit, dass mal jemand von den Damen und Herren Verschwörungstheoretikern dieser Frage nachgeht. Es könnte aber auch sein, dass das menschliche Hirn einfach nur zu klein ist, um zu verstehen, wozu der allergrößte Teil der langen DNA-Stränge gut sein soll. Vielleicht weiß ja der Axolotl weiter. In seinem Genom steht immerhin, wie man ganze Organe neu wachsen lässt. Mit etwas Glück finden sich dort auch ein paar Hinweise darauf, wie man unser Gehirn mit ein paar zusätzlichen Zellen an den richtigen Stellen auf Vordermann bringen könnte. Auf gut Schwäbisch: Axolotl, schmeiß Hirn ra!