Für die Freien Wähler in Filderstadt war es ein echter Triumph: Die Wählervereinigung ist als Gruppe von Gewinnern aus der Kommunalwahl im Juni hervorgegangen. Sie holte 34,98 Prozent der Stimmen; 5,57 Prozentpunkte mehr als vor fünf Jahren. Elf der in Summe 32 Sitze im Gemeinderat hat das der Fraktion beschert, zwei mehr als in der vergangenen Periode. Diese zwei zusätzlichen Stühle haben der 38-jährige Matthias Hertler aus Sielmingen und der 53-jährige Stephan Raff aus Bonlanden bekommen.
Beide Männer sind Neulinge auf dem kommunalpolitischen Parkett, Unbekannt sind sie in der Stadt trotzdem nicht. Robert Hertler, Matthias Hertlers Vater, war bis zu seinem plötzlichen Tod 2022 mehr als 20 Jahre lang Freie-Wähler-Stadtrat gewesen. „Da waren schon Kontakte da“, sagt der Sohn. Auch darüber hinaus kennt man ihn in der Stadt, etwa als früheren stellvertretenden Kommandanten der Sielminger Feuerwehr. Hertler ist Berufsfeuerwehrmann in Reutlingen, Jagdpächter, verheirateter Vater zweier Kinder. Will heißen: Sein Tag ist eigentlich voll. Dennoch hat er sich für das neue Ehrenamt entschieden. „Die gesamtpolitische Lage ist so, dass man sich engagieren muss“, findet er. Damit meint er nicht nur den Rechtsruck, sondern auch viele Dinge, die die Stadtgesellschaft plagen, von der mangelnden Kinderbetreuung bis zu den Verkehrsproblemen. Man könne nicht nur meckern, sondern müsse sich einbringen. Für die Freien Wähler habe er sich vor allem deswegen entschieden, „weil Kommunalpolitik für mich nichts mit Parteipolitik zu tun hat“, erklärt Hertler.
Auch Stephan Raff kennen die Filderstädter. Er hatte als totaler Politikneuling 2023 Christoph Traub bei der OB-Wahl herausgefordert und mit knapp 25 Prozent zumindest einen Achtungserfolg erzielt. Nun also wird er sich als Stadtrat einbringen. „Das hat mich angefixt, definitiv, das war der Ursprung“, sagt der Polizeibeamte. Im OB-Wahlkampf habe er viele spannende Gespräche geführt, „da kriegt man schon mit: Es gibt was zu tun“. Die Themen, für die sich Raff im Gemeinderat starkmachen will, sind gleich geblieben: Gegen den B-27-Ausbau stemmt er sich nach wie vor, ebenso gegen den Flächenverbrauch auf der Filderebene. Holterdipolter will er das aber nicht in Angriff nehmen. „Ich will nicht die Welt neu erfinden. Ich werde gut zuhören, mich einarbeiten und nach bestem Wissen und Gewissen entscheiden.“ Bei den Freien Wählern könne er, so sagt er, eigenständig agieren und müsse sich nicht einem Parteibuch verpflichtet fühlen.
Auch Matthias Hertler hat eine ganze Liste von Dingen, die er als Stadtrat in den kommenden fünf Jahren anpacken will. Sein Motto: zukunftsorientiert und nachhaltig. Die Energiewende müsse aktiv angegangen werden „und nicht nur passiv abwartend“, die Verkehrswende müsse vorangetrieben werden, der Flächenfraß dürfe nicht weitergehen. „Das große Kapital, das wir in Filderstadt haben, ist der Boden, der seinesgleichen sucht“, sagt er. Auch die Notwendigkeit einer städtischen Baugenossenschaft bringt er ins Spiel. Matthias Hertler hofft bei diesen und anderen Themen auf eine gute Zusammenarbeit mit allen anderen im Gremium. „Ich finde, dass man in der Kommunalpolitik nur gemeinsam weiterkommt.“