Fraktionen stehen zusammen Bezirksbeirat kämpft für ein neues Jugendhaus

Freies W-Lan, Raum zum Abhängen, Gelegenheit zum Shoppen: das Milaneo ist eine Art Ersatz-Jugendhaus. Foto: Martin Haar
Freies W-Lan, Raum zum Abhängen, Gelegenheit zum Shoppen: das Milaneo ist eine Art Ersatz-Jugendhaus. Foto: Martin Haar

In einem interfraktionellen Antrag fordert der Bezirksbeirat Mitte im Leonhardsviertel einen Pop-up-Jugendtreff. Er soll den Bedürfnissen der jungen Menschen gerecht werden – und das Milaneo als heimliches Jugendhaus Mitte ersetzen.

Lokales: Martin Haar (mh)
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Stuttgart - Es kommt selten vor, aber beim Thema Jugendarbeit erlebt die Graswurzeldemokratie des Bezirksbeirats wieder übergeordnete Bedeutung. Von ganz unten hat die stellvertretende Bezirksbeirätin Mihaela Manachidis (SPD) begonnen zu forschen, zu (hinter-)fragen und zu dokumentieren. Manachidis wollte wissen, was Jugendlichen im Bezirk Mitte fehlt und was sie sich wünschen. Die Ergebnisse sind über­raschend. Ein 13-Jähriger brachte vieles auf den Punkt: „Ein Ort, wo wir zocken können, ein Kino, freies W-Lan, eine kleine Bar, einen jungen Sozialarbeiter, der so tickt wie wir, eine Leinwand, die Möglichkeit mit VR-Brille zu spielen, Sitzsäcke zum Chillen, unbeobachtet sein, kostenlose Nachhilfe, Rapwettbewerbe.“

Zudem stellte sich bei der monatelangen Untersuchung heraus: Das Jugendhaus Mitte zwischen Berliner Platz und Theo ist für Jugendliche keine Anlaufstelle erster Wahl. Stattdessen zieht es die jungen Menschen lieber hin zum Einkaufscenter Milaneo. Dort locken Konsum sowie das Aus- und Anprobieren von Elektronik und Klamotten. „Aber es sind auch die Essensangebote“, sagt Mihaela Manachidis, „und man kann dort sein, ohne kontrolliert zu werden.“ Nicht zu vergessen: Das Center bietet freies W-Lan.

Im Züblinparkhaus ist Platz

Der Bericht von Manachidis hat im Bezirksbeirat Mitte seine Wirkung nicht verfehlt. Bis auf die Freien Wähler haben sich nun alle Fraktionen auf einen gemeinsamen Antrag geeinigt, der den Jugendlichen und deren Bedürfnissen Rechnung tragen soll. In der Sitzung am 14. Dezember will das Gremium einen „Pop-up-Jugendtreff“ im Züblin-Parkhaus im Leonhardsviertel auf den Weg bringen.

Für die Räte ist das derzeitige Verfahren zu zeitraubend. Denn die Stadt plant zunächst das, was Mihaela Manachidis eigentlich schon geleistet hat: nämlich Feldforschung. Als Reaktion auf die Ausschreitungen im Juni dieses Jahres rund um den Eckensee sollen Sozialarbeiter in Gesprächen mit den Jugendlichen deren Bedürfnisse herausfinden. Wissenschaftlich begleitet wird das Team von der Dualen Hochschule. „Der Bezirksbeirat als graswurzeldemokratische Institution interessiert sich jedoch mehr für das konkret Machbare, da ja das Nicht-Machbare der Vergangenheit zu dieser Situation in der Gegenwart geführt hat“, heißt es im interfraktionellen Antrag.

Auch Manachidis fragt sich: „Was soll das bringen? Wir wissen doch längst, was Jugendliche wollen. Was wir brauchen, sind Soforthilfen, keine weiteren Untersuchungen.“ Weiter sagt sie: „Wir dürfen keine Zeit verlieren. Ich will nicht, dass das Milaneo weiterhin das Jugendhaus Mitte ist.“ Im Antrag, den neben Mihaela Manachidis (SPD), Wolfgang Kaemmer (B90/Grüne), Klaus Wenk (CDU), Johanna Tiarks („Die Fraktion“), Cornelius Hummel (FDP), Sebastian Erdle (Puls) unterzeichnet haben, heißt es dazu: „Die Kinder und Jugendlichen wünschen sich in der Mitte Stuttgarts einen niederschwelligen Treff. Wie erste Gespräche mit dem Parkhausbetreiber ergeben haben, stehen ungenutzte Räume hierzu zur Verfügung. Auch ist das Areal jetzt bereits mit seinem Angebot ein beliebter Treff. Statt nur Mittel für Feldforschung und aufsuchende Beratung zu investieren, wünscht sich der Bezirksbeirat zumindest die Bereitschaft der Verwaltung und des Gemeinderats, sich unverzüglich konkret und sichtbar mit den Anforderungen der Jugendlichen auseinanderzusetzen.“

Gemeinsamer Antrag

Weiter ist im Antrag mit spitzer Feder geschrieben: „Eine Stadt, die eine Pop-up-Fahrradspur schafft, schafft auch einen Pop-up-Jugendtreff! Wie die Stadt zu den Jugendlichen kommen kann, kann man viel besser erforschen, wenn die Jugendlichen zur Stadt kommen.“ Mihaela Manachidis geht noch weiter. Sie verbindet die Forderungen nach einem Jugendtreff mit einer Generalkritik: „Ich frage mich, was hat das Jugendamt und was hat Sozialbürgermeisterin Isabel Fezer in der Vergangenheit für Jugendliche in dieser Sache getan?“ Und die Antwort liefert sie gleich mit: „Nichts.“

Stattdessen sei der Bezirksbeirat Mitte nun tätig geworden und habe bereits ausgelotet, was kurzfristig machbar sei. „Es ist möglich, einen Teil der Parkplätze im Parkhaus umzubauen. Alternativ könnte man auch auf einer Fläche des Grundstücks in der Lazarettstraße einen Container aufstellen.“ Doch dies zu installieren, übersteigt die bisher bereitgestellten Mittel der Stadt. Daher bitten die Fraktionen im Antrag: „Der Gemeinderat wird aufgefordert zu prüfen, in welcher Höhe eine Finanzierung hierfür möglich ist.“

Und Mihalea Manachidis meint: „Ich werde erst aufhören zu kämpfen, wenn die Jugendlichen einen stabilen Ort in Bezirk haben.“




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