Stuttgart - „Nicht jeder Tag ist der beste. Doch in jedem Tag gibt es etwas Gutes.“ Günther Hirschkorn hat dieses Motto bei Jens Kirchner an die Wand gehängt. Heute zum Beispiel strahlt die Sonne, und sie brechen zu einem langen Spaziergang über die Felder bei Hemmingen auf. Seit Kurzem braucht Kirchner keinen Rollator mehr, er kann jetzt an Walking-Stöcken gehen. Der 60-Jährige, früher Schichtarbeiter bei Porsche, hat vor zwei Jahren einen Schlaganfall erlitten. Hirschkorn geht mit ihm Schritte zurück ins Leben. Er kocht für ihn, begleitet ihn zur Bank, spielt Mensch-ärgere-dich-nicht. Das hilft auch gegen Einsamkeit und trübe Gedanken.
„Er ist ein guter Lebensberater“, sagt Kirchner über seinen Betreuer, der ihm auch eingetrichtert hat, dass mehr als drei Stück Zucker im Kaffee Gift für den Körper sind. Hirschkorn, 52 Jahre alt, ist gesunde Ernährung wichtig. Er hat sich damit schon befasst, als er noch Angestellter einer Versicherung war. Davor war er im Lebensmittelhandel tätig, dann viele Jahre als Bankberater. Restlos glücklich war er in keinem der Jobs. Als eine familiäre Krise hinzukommt, entschließt er sich, noch einmal umzusatteln.
Ein Seniorenbetreuer soll „einfach Mensch sein“
Hirschkorn sucht eine Aufgabe, die ihm sinnvoller erscheint und mehr Freiheit für seinen Sport, das Badminton, lässt. Eine Ausbildung zum Altenpfleger hat er nicht, doch wichtiger ist es, „einfach Mensch zu sein“, meint er. Hirschkorn sucht bei Google und findet Home Instead. Als er im März 2020 dort anfängt, gibt es die Stuttgarter Dependance des Unternehmens noch nicht einmal ein halbes Jahr.
Home Instead ist eine Franchiseorganisation, eine Kette unternehmerisch selbstständiger Einzelbetriebe unter einer Marke mit einheitlicher Geschäftsidee. Ein alter Hut bei Fast-Food-Restaurants, Fitnessstudios, Tierfutterläden und Parfümerien beispielsweise, aber ein Exot im Bereich der ambulanten Altenpflege, den hierzulande die großen Wohlfahrtsverbände und regionale Anbieter prägen.
Lori und Paul Hogan haben das Unternehmen 1994 in Omaha/Nebraska gegründet, heute gibt es 1000 Standorte in 15 Ländern. 2007 erwirbt der Unternehmer Jörg Veil die Masterlizenz für Deutschland, 2008 eröffnet er in Köln den ersten deutschen Ableger. Mittlerweile arbeiten in Deutschland rund 10 000 Betreuer in 140 Niederlassungen, zwölf davon gibt es in Baden-Württemberg. Nach Angaben des Unternehmens wuchsen im vergangenen Jahr Umsatz und Kundenzahl um 30 Prozent.
Von der Einkaufshilfe bis Mensch-ärgere-dich-nicht
Home Instead beschäftigt angelernte Hilfskräfte zum derzeitigen Pflegemindestlohn von 11,60 Euro, die meisten auf 450-Euro- oder Teilzeitbasis. Sie übernehmen verschiedenste Dienstleistungen – von Haushaltsarbeiten über (nicht medizinische) Grundpflege, Einkaufshilfe, Botengänge bis zu Vorlesen, Spielen und Spazierengehen. Studenten sind darunter, Senioren, aber auch erfahrene Kräfte der Pflegebranche, die weniger und unter geringerem Stress arbeiten wollen.
„Unsere Mitarbeiter können sich Zeit nehmen und stecken nicht in eng getakteten Tourenplänen wie die Fachkräfte der medizinischen Pflegedienste“, sagt Marvin Lam, der Home Instead im September 2019 nach Stuttgart geholt hat.
So können etwa pflegende Angehörige entlastet werden oder auch die freien Tage der meist osteuropäischen, sogenannten 24-Stunden-Pflegerinnen, die bei den Senioren im Haushalt leben, überbrückt werden. Die Kosten können ganz oder teilweise von den Pflegekassen übernommen werden, alle Home-Instead-Standorte haben die entsprechende Zulassung, da die Dienstleitung in Händen von Fachkräften liegt.
Sozialdienst im Franchisesystem ist nicht ohne Risiko
Für Marvin Lam ist die Unternehmung Herzenssache und Risiko zugleich. Als Angestellter, unter anderem bei Bosch, wurde der 36-jährige Maschinenbau-Ingenieur „trotz ordentlichem Gehalt“ nicht glücklich. „Ich hatte das Gefühl, mich in einer Heile-Welt-Blase zu bewegen, nichts vom echten Leben mitzubekommen“, sagt er. Als freiwilliger Seniorenbetreuer beim Roten Kreuz fand er erstmals Kontakt zur Branche. „Das Bedürfnis nach einer sinnhaften Tätigkeit“ gab dann den Ausschlag für Home Instead – auch wenn er sich beim Vergleich von Franchiseoptionen auch ein Fitnessstudio hätte vorstellen können.
Schulden zum Start sind unausweichlich. Der Eintritt kostet 30 000 Euro, dazu kommen Lizenzabgaben von rund 7,5 Prozent vom Nettoumsatz. Dafür gibt es neben Markenrechten und Werbemitteln auch Start-Schulungen für den Geschäftsführer und das Projektteam, Schulungspläne für die Betreuer, eine Website und die Software für Kunden-, Mitarbeiter- und Rechnungsmanagement. Eine Durststrecke von ein bis zwei Jahren ist normal, ehe die Kosten für Löhne und Büromiete durch laufende Einnahmen gedeckt werden können.
Mitarbeiter und Kunden zu finden ist hingegen die Aufgabe des Lizenznehmers. Derzeit werden vom Büro im Stuttgarter Osten aus die Einsätze von 60 Mitarbeitern bei gut hundert Kunden gesteuert. Derjenige beim Schlaganfallpatienten Jens Kirchner, der jeden Tag mehrere Stunden und von zwei Betreuern im Wechsel besucht wird, ist vom Umfang her eher die Ausnahme. Gemäß der Firmenidee, dass die Betreuer Zeit für die Senioren haben sollen, dauert aber jeder Einsatz mindestens zwei Stunden.