Immer wieder neue Entdeckungen
Wobei sich nicht mehr genau rekonstruieren lässt, wann welche Bereiche aufgegeben wurden. Selbst Tobias Schwärzl muss bei der Frage passen, obwohl der Projektleiter der Stadt das Areal inzwischen fast wie seine eigene Westentasche kennt. Es hat aber den Anschein, als seien einzelne Trakte seit Jahrzehnten verwaist. In einer der oberen Etagen der beiden direkt am Bahnhof liegenden Gebäude 25 und 28 steht zum Beispiel eine alte Packung Milch auf dem Boden. Ablaufdatum: 26. März 1996. „Man entdeckt immer wieder etwas Neues, obwohl ich schon so oft hier drin war“, erklärt Schwärzl.
Hinweise auch auf Italienisch
Der Franck-Fachmann inspiziert seit zwei Jahren ungefähr alle zwei Wochen den Komplex, er könnte mittlerweile vielleicht sogar mit verbundenen Augen sagen, in welchem Raum des Areals er sich gerade befindet. Denn auch wenn die Maschinen schon seit Jahren stillstehen, dringt aus mehreren Ritzen und Öffnungen noch immer das typische Aroma von Zichorienkaffee – je nach Ort und Stelle in unterschiedlicher Ausprägung und Intensität.
Typisch sind zudem die Ziffernkombinationen, die auf Schildern an den Wänden befestigt sind. Sie bieten Orientierung, wo man sich befindet. Die Nummernfolge „25 – 401“ steht zum Beispiel für das Gebäude 25 auf der Ebene vier in Raum eins. Ein anderes Schild in den verwaisten Gängen erinnert daran, dass in der Kaffeeproduktion einst viele italienische Arbeiter ihre Brötchen verdienten, wie Tobias Schwärzl erläutert. „Vietato Fumare“, nicht rauchen, heißt es darauf.
Etwas kurios mutet es auf den ersten Blick an, dass drei Stege über den früheren Lagerhallen im Haus 28 praktisch im Nichts enden. Oder genauer: an der emblematischen Wand, an der von außen der weithin sichtbare „Caro-Kaffee“-Schriftzug prangt. „Das liegt daran, dass das Gebäude ursprünglich viel länger war“, erläutert Schwärzl.
Der Spatzenfamilie, die sich häuslich in dem leer stehenden Anwesen eingerichtet hat, dürfte diese Schrumpfkur aus früheren Jahren herzlich egal sein. Die agilen Vögel haben auch jetzt noch genügend Platz, sie sind die einzigen sichtbaren Bewohner, können nach Herzenslust in den riesigen Silos herumflattern oder auch über die rostigen Förderbänder tippeln.
Hipper Anziehungspunkt geplant
Mit der tierischen Idylle soll es aber bald vorbei sein. Die Stadt Ludwigsburg möchte dem rund ein Hektar großen Grundstück neues Leben einhauchen. Entstehen soll ein Mix aus Wohnungen, Gastronomie und kulturellen Angeboten, ein hipper Anziehungspunkt für Jung und Alt. Start-ups will man ebenfalls die Möglichkeit offerieren, sich anzusiedeln.
Gleichzeitig soll die Charakteristik, das spezielle architektonische Flair erhalten bleiben. Teilweise ist das auch ein Muss, weil man wegen des Denkmalschutzes nicht gänzlich frei schalten und walten kann. „Das Gelände hat wahnsinnige Herausforderungen, bietet aber auch wahnsinnige Chancen“, sagt die Baubürgermeisterin Andrea Schwarz.
Wie das alles im Detail ausschauen könnte, darüber soll schon in absehbarer Zeit Klarheit herrschen. Die Stadt hat einen Wettbewerb für Tandems aus Investoren und Architekten ausgelobt, die ihre Vorstellungen skizzieren sollen. Bis Ende des Jahres haben die Duos Zeit, ein cleveres Konzept auszutüfteln. Anfang Februar 2024 sollen die Entwürfe präsentiert werden. „Das wird auch für uns ein spannender Moment“, sagt Tobias Schwärzl.
Ein Club könnte sich ansiedeln
Gesetzt gilt schon jetzt, dass die Akademie der Darstellenden Künste ein Ankernutzer sein wird. „Für Ludwigsburg ist es wichtig, dass man den Hochschulen im Zentrum Möglichkeiten bieten kann zu wachsen“, sagt Andrea Schwarz. Das studentische Treiben passe speziell an einen Punkt wie das Franck-Areal, wo man sich buntes, pulsierendes Leben wünsche. Angestrebt wird in dem Kontext auch, einen Club in dem Gebäudetrakt zu etablieren, der spitz auf das Türmchen zuläuft. Laute Beats und Bässe würden niemanden stören, die Wände seien sehr dick, erklärt Tobias Schwärzl. Da drei Ebenen übereinander liegen, könnte auf ebenso vielen Floors getanzt werden. Vor ihrem geistigen Auge sieht die Baubürgermeisterin Andrea Schwarz auch schon, wo sich die Gäste mit Getränken eindecken würden. „Da könnte vielleicht die Bar sein“, sagt sie und deutet mit ihrem Finger in einem schummrigen Gang in Richtung der urigen Stützmauer zum Bahnhof hin.
Momentan fließen aber weder Bier noch Wein in Gläser, sondern es tropft nur ab und an Wasser von der Decke, an der sich sogar schon Stalaktiten gebildet haben.
Bar über den Dächern von Ludwigsburg
In einer hohen Halle, in der früher wahrscheinlich meterhoch die für den Ersatzkaffee benötigten Zichorien gelagert wurden, wäre künftig auch vieles denkbar. „Da werfen wahrscheinlich die Kulturschaffenden ein Auge drauf. Aber das ist eine Frage, die der Investor beantworten muss. Wir haben nicht das Ziel, Flächen für eine öffentliche Nutzung zurück zu mieten. Das müssten kulturelle Einrichtungen sein, die sich selbst tragen“, sagt Andrea Schwarz.
Vorstellbar wäre aus ihrer Sicht beispielsweise, dass dort ein Kunstsammler seine Bilder präsentiert. Besonders hat es Schwarz aber offenbar in dem ganzen Ensemble das Türmchen samt der umliegenden Dachfläche angetan. „Mein Traum wäre, auf dem Dach eine Rooftop-Bar anzusiedeln“, schwärmt sie. Womöglich würde das Lokal ja sogar ein neues Markenzeichen von Ludwigsburg, so wie früher der Geruch von geröstetem „Caro Landkaffee“.