InterviewFrank Brettschneider zu Alice Weidel „Es liegt der Verdacht nahe, dass es sich um kalkulierten Eklat handelt“

Von len 

Alice Weidel hat eine ZDF-Wahlsendung vorzeitig verlassen. Einiges spricht dafür, dass dieses Verhalten kalkuliert war, findet Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider.

Zu Frank Brettschneiders Forschungsschwerpunkten gehört unter anderem die Wahlforschung. Foto: dpa
Zu Frank Brettschneiders Forschungsschwerpunkten gehört unter anderem die Wahlforschung. Foto: dpa

Stuttgart - Nach einer Meinungsverschiedenheit mit CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer hat Alice Weidel am Dienstagabend vorzeitig die ZDF-Wahlsendung „Wie geht’s, Deutschland“ verlassen. Wie Professor Frank Brettschneider, Inhaber des Lehrstuhls für Kommunikationswissenschaft an der Universität Hohenheim, ihr Verhalten bewertet, erfahren Sie in unserem Interview.

Wie haben Sie das Verhalten von Alice Weidel wahrgenommen?
Es kommt immer wieder mal vor, dass ein Gast eine Talk-Show verlässt. Es bleibt aber die Ausnahme. Frau Weidel wurde weder beleidigt, noch hat die Moderatorin sie benachteiligt. Insofern ist ihr Verhalten in der Sache unbegründet.
Kann man in diesem Fall von einem „kalkulierten Eklat“ sprechen?
Ja, dafür spricht Einiges. Zum einen hat Frau Weidel bereits kurz nach dem Verlassen der Sendung ein aufwendig gestaltetes Statement via Twitter verschickt. Das war offenbar bereits vor der Sendung vorbereitet. Zum anderen beschwert sie sich in ihrem Statement über die SPD und die Grünen. Gegangen ist sie aber nach einem Wortwechsel mit CSU-Generalsekretär Scheuer. Auch das legt den Verdacht nahe, dass es sich um einen vorbereiteten, einen kalkulierten Eklat handelt.
Am Tag danach haben sich die Medienberichte zu ihrem Verlassen der Sendung überschlagen. Wie nehmen Sie diese Berichterstattung wahr?
Es ist sinnvoll, dass Journalisten über das Verhalten und die vermutlichen Motive von Frau Weidel berichten. Andererseits beabsichtigt sie genau das. So kann sie sich als „Opfer“ der von ihr gescholtenen Presse darstellen. Bei ihren Anhängern kommt das an. Und es schafft öffentliche Aufmerksamkeit.
Inwiefern passt dieses Verhalten zur Strategie der AfD?
Das ist typisch für das Verhalten rechtspopulistischer Parteien – egal ob in Deutschland, Frankreich, Österreich oder den USA. Erst kommt der gezielte Tabu-Bruch durch ein Mitglied der Partei. Dann kommt die öffentliche Aufmerksamkeit. Die AfD ist in den Medien präsent. Und sie kann dann ihr bekanntes „Wir“ gegen „Die“ inszenieren. „Die“ sind die Medien, die anderen Parteien und die Wissenschaft. Das hilft ihr, die eigenen Reihen geschlossen zu halten und ihr eigenes Feindbild zu pflegen.