Frank Dupree beim Silvesterkonzert in Stuttgart Pianist mit Stahlfingern

„Meine Hand ist ziemlich kräftig“, sagt Frank Dupree. Er sei kein Chopin-Pianist. Foto: SWR/Marco Borggreye

Frank Dupree kann sich einfach nicht entscheiden: zwischen Klassik und Jazz, Klavierspiel und Dirigieren. Deshalb hat er den Komponisten Nikolai Kapustin für sich entdeckt – und spielt beim Silvesterkonzert des SWR-Symphonieorchesters dessen zweites Klavierkonzert.

Den Tee-Test besteht der Pianist locker. Beim Interview im Café ist der Früchtetee „Get the Power“ aus, die Wellness-Alternative ebenfalls. Nummer drei ist da – und darf, weil sein Besteller vor lauter Reden das Trinken vergisst, so lange ziehen, bis er ebenfalls richtig Power gibt. Frank Dupree ist flexibel. Externe Kraftzufuhr hingegen hat er eigentlich nicht nötig: Er ist ein Energiebündel am Klavier. Ein solches muss auch sein, wer sich mit den Werken des ukrainisch-russisch-jüdischen Komponisten und Pianisten Nikolai Kapustin (1937-2020) beschäftigt, denn dessen Musik bewegt sich nicht nur virtuos zwischen Jazz und romantischer Musik, sondern ist auch reserviert für konditionsstarke Fingerartisten.

 

Dupree liebt das perkussive Potenzial

Kein Problem für den in Rastatt geborenen Pianisten. „Meine Hand ist ziemlich kräftig“, sagt der 34-Jährige. „Ich bin kein Chopin-Pianist.“ Dupree ist als Kind und Jugendlicher über das Schlagzeug zum Klavier gekommen, er liebt das perkussive Potenzial des Tastenkastens. Und verdankt seinem ersten Instrument außerdem seine große Liebe zum Jazz. Mittlerweile ist Schlagzeugspiel sein Hobby. Klavierspiel und Dirigieren sind seine Profession, beides hat Frank Dupree in Karlsruhe studiert. Neben der Klassik ist der Jazz geblieben.

„Es fiel mir nie leicht, mich auf eine Tätigkeit zu beschränken“, sagt Dupree über sich selbst – und so kann man ihm als Solist am Flügel begegnen, der Konzerte auch mal von dort aus leitet. Außerdem ist er Dirigent. Und er ist Mitglied des Frank Dupree Trios, einer Jazzformation, der auch Obi Jenne am Schlagzeug und Jakob Krupp am Bass angehören. „Pianist – Dirigent – Musiker“ steht auf der Homepage des Künstlers. „Natürlich“, sagt Dupree, „bin ich privat auch ein politischer Mensch. Aber die Musik steht bei meiner Arbeit immer im Vordergrund.“

Dass Frank Dupree jetzt schon fünf der sechs Klavierkonzerte von Nikolai Kapustin dem Vergessen entrissen, zum Druck gebracht und auf CD aufgenommen hat, hat eine gewisse Zwangsläufigkeit. „Kapustin hat alles, was ich bisher gemacht habe, miteinander vereint. Da ist Jazz, da ist ein Drumset, eine Big Band, ein Orchester. Man hört ein wenig Rachmaninow, einen Hauch Bartók, Skjabin, Strawinsky, die ganze Tradition der russischen Komponisten. Und die Musik ist hochvirtuos – im Vergleich dazu ist Tschaikowskys Klavierkonzert ein Stück zum Warmspielen.“ Da lacht der Pianist. Tschaikowskys Hit hat er schon mit 13 gespielt und trägt ihn immer noch im Herzen.

Elemente des Jazz und der Klassik verschmelzen

Aber Kapustin! Dessen Etüden werden gelegentlich von Hypervirtuosen wie Marc-André Hamelin gespielt. Den Rest des umfangreichen Oeuvres kennt und spielt aber fast keiner. Das hat mit dessen stilistischer Zwitterstellung zu tun, aber auch mit den historischen Umständen in Moskau. In den 1920er Jahren war der Jazz aus den USA nach Europa und auch nach Russland gekommen. 1926 hat Alexander Zfasman in Moskau das erste große russische Jazz-Ensemble gegründet, und der Vorzeigekomponist Dmitri Schostakowitsch erhielt den Auftrag, dezidiert sowjetische Jazzmusik zu schreiben. Dann kam Stalin. Er verbot den Jazz, das Saxofon verschwand aus den Orchestern. So hat Nikolai Kapustin als junger Student illegal amerikanisches Radio gehört und die Musik aufgeschrieben, die da gespielt wurde. Doch erst nach Stalins Tod ist er mit Jazzensembles aufgetreten und hat den Jazz offiziell in sein Komponieren integriert.

Ist das Ergebnis dann Crossover? Nicht für Frank Dupree. „Crossover“, sagt er, „heißt für mich: Wir kommen aus einer Musikrichtung und schwappen in eine andere hinüber. Meistens ist ein Schwerpunkt deutlich zu erkennen. Nicht bei Kapustin! Er hat handwerklich so gut komponiert, dass Elemente des Jazz und der Klassik miteinander verschmelzen. Der Erfinder dieser Kombination ist natürlich Gershwin, Bernstein hat es fortgeführt, Kapustin hat es perfektioniert. Es gibt keinen, der Jazz mit all seinen Stilen und Klassik besser zusammengesetzt hat als er.“

Kapustins Klavierkonzerte, deren vier mittlere gleich zwei Begleit-Ensembles – Orchester und Big Band – einfordern, hat bisher noch kein Pianist auf CD aufgenommen. Das hat Frank Dupree angetrieben. Aber Kapustin entspricht auch seinem derzeitigen Repertoire-Schwerpunkt, dem 20. Jahrhundert. „Ich lebe“, sagt Dupree augenzwinkernd, „gerade meine wilden 30er Jahre. Die großen Romantiker hebe ich mir für später auf.“

Nach dem Kapustin-Album des Dupree-Trios („Blueprint“) und nach der intensiven Beschäftigung mit den Konzerten des Komponisten macht der Pianist aber erst mal eine Kapustin-Pause. Es gibt noch so viel anderes zu entdecken und dem Publikum zu präsentieren: die Klavierkonzerte von HK Gruber oder dem Isländer Daniel Bjarnason zum Beispiel, und eine unbekannte Komponistin aus Gershwins Zeit hat er auch gerade entdeckt. Außerdem hat Frank Dupree eine ausgeprägte Allergie gegen Schubladen: Er möchte in keine gesteckt werden, „und ich passe auch in keine“. Auch ein Brahms-Zyklus und Beethovens Klavierkonzerte, vom Flügel aus geleitet: Das alles soll irgendwann kommen. Daneben, unbedingt, weiter Musik mit dem Jazz-Trio – weil’s so viel Spaß macht in einem Ensemble, das sich auch menschlich gefunden hat, und weil sich dem Publikum dieser Spaß unmittelbar mitteile. Sagt jedenfalls Frank Dupree, setzt seine Kappe auf und verabschiedet sich aus Stuttgart. Für’s Erste. Am 31. kommt er mit Kapustin zurück, und überhaupt wird er zu diesem Komponisten immer wieder zurückkommen – „weil ich diese Musik einfach liebe.“ Und weil sie so viel Energie hat. Get the Power!

Silvesterkonzert mit Klassik und Jazz

Pianist
Frank Dupree wurde 1991 in Rastatt geboren. Schon als Dreijähriger erhielt er ersten Schlagzeugunterricht. Mit fünf begann er mit dem Klavierunterricht bei Sontraud Speidel in Karlsruhe, bei der er auch studiert hat. Mit zehn bekam er erste Kompositionsstunden. Duprees neueste CD ist eine Einspielung von Nikolai Kapustins Klavierkonzerten Nr. 2 und 6 beim Label Capriccio.

Konzert Am 31. Dezember um 17 Uhr spielt Frank Dupree gemeinsam mit der SWR Big Band und dem SWR-Symphonieorchester unter Dominik Beykirch Kapustins zweites Klavierkonzert in der Stuttgarter Liederhalle. Auf dem Programm stehen außerdem Gershwins „Amerikaner in Paris“ und Bernsteins „Candide“-Ouvertüre. Mit dabei ist auch das Frannk Dupree Trio. Das Konzert ist ausverkauft.

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