Frank Mastiaux Der Mann, der die EnBW umgekrempelt hat

Lesen ist neben Gitarrespielen – vorzugsweise Blues – eines der Hobbys, die Frank Mastiaux künftig mehr pflegen will, als es in den vergangenen Jahren möglich war. Foto: EnBW/cf

Nach zehn Jahren an der Spitze des Energieversorgers verlässt Frank Mastiaux das Unternehmen. Mit ihm hat der Konzern 1000 Türen verloren. Was dahintersteckt.

Eine der ersten Erinnerungen von Frank Mastiaux bei der EnBW sind Flure. Lange, sehr lange, enge Flure in der Karlsruher Konzernzentrale. „Grauer Filzboden, die Wände weiß, die Türen braun. Und alle Türen waren zu“ , erzählt der EnBW-Chef. Und man habe niemanden gesehen. „Das hat mir für eine Sekunde alle Energie geraubt.“ Und „es hatte einen gewissen Symptomcharakter“.

 

Und so hat Mastiaux, der am 30. September nach zehn Jahren auf eigenen Wunsch den Chefsessel der Energie Baden-Württemberg AG räumt, Wände und Türen herausreißen lassen. 1000 Türen sind diesem Vorstoß, die Kommunikation im Konzern zu verändern, zum Opfer gefallen. Sein Büro hat er zugleich an zentralere Stelle und direkt neben die der anderen Vorstände verlegt. Es hat Glaswände, die auf Knopfdruck milchig werden.

Türen zu öffnen, ist ein Thema, das Mastiaux generell beschäftigt. Die 100 ersten Tage bei der EnBW hat er, der zuvor bei Eon das Erneuerbare-Energien-Geschäft aufgebaut hat, 2012 damit verbracht, die Menschen in und um den Konzern kennenzulernen, um herauszufinden, wie die EnBW tickt, wo es drückt und welche Türen noch verschlossen sind. Die EnBW hatte zwei eher unglückliche Besetzungen des Chefsessels hinter und den Umbau vom atomdominierten Ex-Staatskonzern zu einem energiewendetauglichen Unternehmen mit Perspektive vor sich. Die Atomkatastrophe von Fukushima war eineinhalb Jahre her, und das Aus der deutschen Kernkraft besiegelt – wie es damals schien.

Neun Monate nach seinem Antritt legte Mastiaux dann zum ersten Mal auf, was der heutige Verbandsvorsitzende eines der beiden großen EnBW Eigentümer OEW (Zweckverband Oberschwäbische Elektrizitätswerke), der Landrat des Bodenseekreises Lothar Wölfle, die „langweilige Folie“ nennt. Zu sehen sind darauf die Ziele des Konzerns, die in den Folgejahren gebetsmühlenartig in Mastiaux’ Präsentationen auftauchten. Bis 2020 sollte der Konzern demnach wieder auf dem Ergebnisniveau von 2012 angelangt sein. Gelungen ist das bereits 2019 – nach einem tiefgreifenden Umbau, der die Ergebnisquellen des Konzerns auf den Kopf stellte, und wirtschaftlich schwierigen Zeiten, in denen die EnBW Verluste machte und auch Einschnitte von der Belegschaft verlangte.

Lob vom Ministerpräsidenten

Mastiaux habe aus einem „Ozeanriesen des Atomzeitalters“ ein „Flaggschiff der Energiewende“ gemacht, lobt Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne). Er habe die EnBW „nicht nur umgekrempelt, sondern auch zusammengehalten“, dabei zudem gezeigt, dass ein Strukturwandel auch ohne Stellenabbau möglich sei und „noch einen draufgesetzt“, denn die EnBW habe heute mehr Beschäftigte als vor zehn Jahren.

Dass diese ihren scheidenden Chef schätzen, wurde spätestens klar, als sie zu seinem letzten Auftritt vor der Belegschaft am Mittwochvormittag Mitarbeitervideos aus allem Unternehmensbereichen im Stil der „ultimative Chartshow“ von RTL beitrugen. Nicht zuletzt soll dabei das Thema Türen eine Rolle gespielt haben. Und auch der langjährige Konzernbetriebsratschef Dietrich Herd gibt einen Einblick in das Verhältnis Chef zu Belegschaft, wenn er an das erste Treffen mit Mastiaux erinnert: An einem geheimen Ort in Stuttgart am Samstag, den 24. März 2012. Dem 48. Geburtstag des – damals noch – künftigen Chefs. Es sei nicht immer einfach mit ihm gewesen, bekennt Herd, unter anderem, weil Mastiaux als „Stratege vor dem Herrn“ nicht nur „mit Plan A und B, in der Tasche“ verhandelt habe, „sondern auch noch mit C, D und E“. Und doch tituliert Herd Mastiaux als „Glücksfall für das Unternehmen“.

Wegbegleiter jedweder Couleur beschreiben den heute 58-Jährigen promovierten Biochemiker als menschlich, wertschätzend, teamorientiert und immer wieder: unprätentiös. Er selbst spricht nicht gerne von sich, aber gerne von „wir“, und macht klar, dass von anderen zu lernen, ihr Wissen wertzuschätzen und stets ein wacher Gesprächspartner zu sein, ihm viel bedeuten. Bis zuletzt bei der EnBW gut zu tun zu haben , das habe er sich gewünscht. „Aber ich habe nicht gedacht, dass das dermaßen übererfüllt wird“, bilanziert er die letzten von der Energiekrise geprägten Wochen im Konzern.

Über das, was nun vor ihm liege, habe er sich daher noch weniger Gedanken gemacht, „als ich mir gedacht habe, dass ich mir machen kann. Was nicht schlimm ist.“ Er wolle wieder mehr Zeitsouveränität haben, sagt er, und keine operative Verantwortung mehr tragen. Aber er wolle sich weiter engagieren und etwas von seinem Wissen weitergeben. Ob er sich vorstellen könne, eines Tages Aufsichtsratschef der EnBW zu werden? Kategorisch ausschließen wolle er das in der Theorie nicht, sagt er, und macht dann doch klar, dass er wenig davon hält, wenn Ex-Chefs, im selben Unternehmen an die Spitze des Kontrollgremiums wechseln. Er wolle auch mehr Zeit für Privates – Familie und Hobbys, sagt der fünffache Vater, der die Öffentlichkeit aus seinem Privatleben hält. Man ahnt, dass Mastiaux zudem auch auf so manche neue Tür hofft, die er öffnen kann, um die Menschen und den Raum dahinter zu erkunden.

Der Nachfolger kommt von Rolls Royce Power Systems

EnBW
 Die EnBW ist 1997 aus der Fusion von Badenwerk und der Energie-Versorgung Schwaben (EVS) entstanden. 2003 kamen zudem die Neckarwerke Stuttgart dazu. Der erste Vorstandschef der EnBW, Gerhard Goll, mittlerweile 80 Jahre alt, war bei Mastiaux’ offiziellem Abschied am Mittwochabend zu Gast. Mit ihm habe er in regelmäßigem Austausch gestanden, so Mastiaux.

FMa
 Der promovierte Chemiker Mastiaux, 1964 in Essen geboren, ist berüchtigt für seine knappen E-Mails. „Tx, FMa“ für „Danke, Frank Mastiaux“ sei eine durchaus übliche, stets prompt versandte Antwort gewesen, so eine Führungskraft. Mit „well done, FMa“ habe er große Zufriedenheit ausgedrückt, so Mastiaux.

Eigentümer
EnBW-Hauptaktionäre sind mit je knapp 47 Prozent das Land Baden-Württemberg und die Oberschwäbischen Elektrizitätswerke. Sie hätten – daraus machen sie kein Hehl – Mastiaux gerne gehalten.

Nachfolger 
Auf den promovierten Chemiker Mastiaux, der 1964 in Essen geboren ist, folgt am 15. November Andreas Schell (53), der bisherige Chef der Rolls-Royce Power System AG in Friedrichshafen. In der Übergangszeit werden die vier verbliebenen Vorstandsmitglieder das Unternehmen führen.

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