Frank Schirrmacher zeichnet in seiner Streitschrift „Ego“ ein düsteres Bild des Kapitalismus im Informationszeitalter. Gleichzeitig ist das Buch ein Einblick in die verunsicherte Seele des konservativen Bildungsbürgertums.

Stuttgart - Wer sich politisch links einordnet, könnte mit viel Schadenfreude an die Debatte über das neue Buch von Frank Schirrmacher herangehen. Da ist offenbar der Mitherausgeber einer renommierten konservativen Tageszeitung, die bevorzugt von den Wirtschaftseliten des Landes gelesen wird, angesichts der rasanten Veränderungen in der Welt in seinem bildungsbürgerlichen Lebensgefühl verunsichert – und sucht jetzt nach den Schuldigen für dieses Unbehagen.

Bereits 2009 hat Schirrmacher, seit 1994 einer der fünf Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, in einem Buch mit dem Titel „Payback – Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen“ deutlich gemacht, dass er in den neuen digitalen Medien eine Bedrohung der eigenen bürgerlichen Lebensform erblickt. Zwei Jahre später erregte der Journalist, der Helmut Kohl bewundert und gute Beziehungen zur CDU unterhält, mit einem Artikel in der FAZ Aufsehen, der unter der für Konservative provozierenden Überschrift „Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat“ seine Verunsicherung angesichts der Finanzmarktkrise artikulierte.

Einblicke in konservative Stimmungslagen

Das neue Buch führt nun beide Argumentationslinien zusammen. Das Unbehagen an der digitalen Medienrevolution und die Verstörung durch den entfesselten Finanzkapitalismus werden jetzt auf einen Generalnenner gebracht: Der „ökonomische Imperialismus“ des „Informationskapitalismus“, so der Autor Schirrmacher, „stellt zusammenhängende Lebensläufe und Identitäten von einzelnen Menschen infrage, er hat die Realwirtschaft für seine Zwecke eingespannt und ist nun im Begriff, konstitutionelle und völkerrechtliche Ordnungen umzuschreiben“.

Wie gesagt: man kann sich darüber amüsieren, dass Einsichten der linken Kapitalismuskritik inzwischen bis in die Beletage der FAZ vorgedrungen sind. Oder Schirrmachers Buch, wie bereits geschehen, als Verschwörungstheorie schmähen, dem Autor sprachliche Schlampereien und unsaubere Recherche vorwerfen. Aber vielleicht ist das die falsche Perspektive auf diese Publikation. Obwohl „Ego“ eine mehr als dreißig Seiten umfassende Literaturliste vorwiegend angelsächsischer Titel anführt, sollte das Buch nicht als wissenschaftliche Abhandlung gelesen werden, sondern als journalistische Streitschrift. Was sie in­teressant macht, sind weniger ihre teils überzeugenden, teils dubiosen Argumente, sondern die Einblicke, die sie in die Stimmungslage des konservativen Bildungsbürgertums gewährt.

Die Geschichte, die Schirrmacher in „Ego“ erzählt, lautet so: Es gab einmal eine Zeit der sozialen Marktwirtschaft, in der lebten alle glücklich und zufrieden. Die Bürgerkinder konnten ihre Karrieren planen, die in eine lebenslange Beschäftigung bis zur Pensionierung mündeten; die Arbeiter mussten zwar ihre Arbeitskraft, nicht aber ihre Seele verkaufen, besaßen die Chance zum sozialen Aufstieg und zur Teilhabe am allgemeinen Wohlstand. Doch genau in dem Augenblick, in dem dieses Gesellschaftsmodell im Jahr 1989 über den Staatssozialismus sowjetischer Prägung gesiegt hatte, schickten sich in den USA Mathematiker, Wirtschaftswissenschaftler und Banker an, ein neues Stadium des Kapitalismus einzuläuten, in dem es mit der Gemütlichkeit vorbei war.

Im Bann der Spieltheorie

Im Kalten Krieg hatten US-Computerspezialisten sich der Spieltheorie bedient, um die Reaktionen des Gegners ( der Sowjetunion ) im Fall eines atomaren Konflikts einzuschätzen. Sie gingen von der Annahme aus, dass jeder Spieler im Wettbewerb der Systeme nur an sich und seinen Vorteil denkt. Nach dem Ende des Kalten Krieges wurden die Wissenschaftler in den Denkfabriken des militärisch-industriellen Komplexes arbeitslos und suchten nach neuen Betätigungsfeldern. Sie fanden sie in der Computerindustrie und in den Banken, im kalifornischen Silicon Valley und der New Yorker Wall Street. Dorthin importierten sie das Modell des allein seinen Vorteil anstrebenden „homo oeconomicus“, machten es zur Standardtheorie der Wirtschaftswissenschaften und gleichzeitig zur impliziten Logik, nach der die Computer funktionieren. Weil diese Computer inzwischen in jedem Arbeits-, Wohn- und Kinderzimmer stehen, bestimmt die darin eingebaute Maxime des rationalen Eigennutzes heute unser Alltagsleben.

Der Kalte Krieg hat also nur seinen Schauplatz verlagert und findet sich jetzt überall dort, wo Menschen mit Computern arbeiten: an den Börsen, in den Suchmaschinen, den sozialen Netzwerken, im Personalbüro, beim Finanzamt oder bei der Einwanderungsbehörde. Deshalb, so Schirrmacher, greift der moralische Vorwurf von der Gier der Banker zu kurz, denn das neue anthropologische Modell ist im System selbst verankert, in der Technologie, die wir alle benutzen. Während man im alten Kapitalismus nur seine Arbeitskraft verkaufen musste, infiltriert der neue auch die Seele. Google oder Amazon forschen unsere Lese- und Konsumgewohnheiten aus; der Arbeitsmarkt verlangt nicht mehr bloß pflichtbewusste Arbeit, sondern „Kreativität“, die Fähigkeit, sein eigener Unternehmer zu sein. Und Angela Merkels Wort von der „marktkonformen Demokratie“ zeigt, dass wir uns „in einem neuen Kalten Krieg zwischen demokratischen Nationalstaaten und globalisierten Finanzmarktkörpern“ befinden.

Schwache Gegenvorschläge

In Frank Schirrmachers Geschichte vermischen sich antiamerikanische Ressentiments, konservative Technikkritik, Abstiegsängste der Mittelschichten und Verklärung der alten Bundesrepublik mit richtigen Einsichten, die freilich nicht gerade sonderlich originell sind. Jürgen Habermas mit seiner These von der „Kolonisierung der Lebenswelt“ durch den Kapitalismus, Hartmut Rosa mit seiner Analyse der sozialen Beschleunigung oder Richard Sennett mit seinen Untersuchungen zum Flexibilisierungszwang in der neuen Ökonomie haben hier schon profundere Analysen geliefert.

Vor allem aber enttäuscht Schirrmacher mit den von ihm vorgeschlagenen Maßnahmen gegen die diagnostizierte Misere. Die sind äußerst bescheiden: Die Europäer sollten eigene Internetsuchmaschinen aufbauen und den Datenschutz verstärken. Das allein wird die Systemlogik wohl nur schwerlich aushebeln.

Frank Schirrmacher: Ego – Das Spiel des Lebens. Blessing Verlag. 352 Seiten, 19,99 Euro

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