Frank Schmidt läuft bei der Saisoneröffnung in die Voith-Arena ein – der Trainer erwartet eine extrem schwierige Saison für den 1. FC Heidenheim. Foto: imago/Eibner
Frank Schmidt geht in seine 19. Saison als Trainer des Fußball-Bundesligisten 1. FC Heidenheim. Vor dem Pflichtspielauftakt steht er im Interview Rede und Antwort.
Mit dem DFB-Pokalspiel beim Regionalligisten Bahlinger SC (Samstag, 15.30 Uhr) beginnt für den 1. FC Heidenheim der Pflichtspielernst. Trainer Frank Schmidt gibt Einblicke.
Herr Schmidt, der Titel Ihres Buches lautet „Unkaputtbar“. Der „Unkaputtbare“ war am Ende der vergangenen Saison ziemlich kaputt – oder?
Der war mausekaputt. Aber der „Unkaputtbare“ darf auch mal mausekaputt sein. Die Frage ist nur, wie es danach weitergeht. Man darf ja heutzutage keine Schwäche mehr zugeben. Aber es geht doch darum, nach einer schwierigen Zeit wieder aufzustehen. ChatGPT gibt vielleicht eine Antwort darauf, wie das theoretisch funktioniert. Aber mein gesunder Menschenverstand hat mir gesagt, wow, wir haben es geschafft, die Energie reicht zwar nicht mehr zum Feiern, aber zum Erholen mit der Familie schon. Und auf diese Quality Time kommt es an. Die habe ich ganz dringend gebraucht, und die habe ich auch genutzt.
Und jetzt?
War ich zum ersten Trainingstag wieder voll da. Die kurze Erholungszeit reichte mir, um wieder richtig Lust zu haben. Das ist die Grundvoraussetzung, um eine Mannschaft zu führen, neu aufzustellen, neu auszurichten.
Lothar Matthäus ist nicht der einzige Experte, der den FCH auf Platz 18 tippt.
Alle sehen uns ganz unten als Abstiegskandidat Nummer eins, das muss per se nichts Schlechtes sein. Es gibt im Leben und im Fußball Situationen, da steht man vor enormen Herausforderungen. Vor einem Jahr war ich wegen meiner Sprunggelenksversteifung zwölf Wochen lang mit Krücken unterwegs. Ich sah einen riesigen Berg vor mir. Man steht unten und sagt sich, ach du jemine, wie soll ich das schaffen? Aber lass uns doch erst mal loslaufen. Damals war mein persönliches Ziel, wieder schmerzfrei zu gehen. Jetzt ist mein fußballerisches Ziel, mit dem FCH wieder drin zu bleiben und auch ein viertes Jahr Bundesliga zu spielen.
Wie lief die Vorbereitung?
Auch wenn es mal ein Störfeuer gab, ich hatte selten so viel Spaß wie diesmal, weil die Mannschaft optimal mitgezogen hat.
Dieses Störfeuer entstand im Zusammenhang mit dem langjährigen Stammtorwart Kevin Müller und dem neu verpflichteten Diant Ramaj. Was uns wundert: Warum hat der Wettkampftyp Frank Schmidt den Konkurrenzkampf in diesem Fall noch vor dem ersten Training ausgesetzt?
Der Konkurrenzkampf ist nicht ausgesetzt.
Sie haben sich auf Ramaj als klare Nummer eins festgelegt
Das ist eine sportliche Entscheidung. Mit Diant Ramaj haben wir einen Torhüter verpflichtet, den viele Clubs in Europa wollten und den Torwarttrainer Bernd Weng und ich als Nummer eins sehen. Der Verein hat alles zu dem Thema gesagt, da gibt es nichts zu ergänzen.
Die neue Nummer eins Diant Ramaj Foto: imago/Eibner
In dieser Saison wird es – nach den Abgängen der Topspieler Tim Kleindienst, Niklas Beste und Eren Dinkci vor einem Jahr – diesmal keinen solch starken Umbruch eben. Ist dies ein großer Vorteil?
Was die Defensive betrifft, ja. Da sind wir seit Jahren eingespielt. Diese Kompaktheit, dieses Unangenehme ist in Heidenheim schon immer die Basis. Wir müssen uns aber in allen Bereichen verbessern, deshalb baue ich auch auf Leistungssprünge von einzelnen Spielern wie zum Beispiel Mikkel Kaufmann.
„Meine Tür ist eine Pendeltür“
Der ein enttäuschendes halbes Jahr in Heidenheim hatte und an den KSC ausgeliehen wurde.
Das zeigt, dass die Tür bei mir immer offen steht. Meine Tür ist eine Pendeltür. Das ist wie im Wilden Westen im Saloon, die geht nicht nur in eine Richtung auf und zu. Ich bin nicht nachtragend. Für mich zählt nur der Moment, die Leistung, die Leistungsbereitschaft. Da setzte ich große Hoffnung in die Mannschaft. Das „Wir“ muss das Entscheidende sein und nicht das „Ich“ des Einzelnen. Meine Bereitschaft, Kompromisse einzugehen, geht gegen Null.
War das nicht schon immer so?
Grundsätzlich schon. Aber im Vorjahr waren durch die Conference-League-Teilnahme nicht immer Trainingsleistungen entscheidend, weil wir gar nicht immer trainieren konnten. Jeder wusste, irgendwann spielt er. Jetzt ist wieder klar: Wer nicht mitzieht, wird es schwer haben. Für mich ist das so etwas wie das Zurück zur FCH-DNA. Ich bin überzeugt, dass uns das gelingt. Und dann werden wir auch eine bessere Bundesliga-Saison spielen als im Vorjahr.
Was auch nötig sein wird, um drinzubleiben – ohne die Abgänge von Frans Krätzig und Paul Wanner und ohne einen einzigen Neuzugang mit Bundesligaerfahrung.
Wir wollten diese Spieler ersetzen, doch wir haben Absagen bekommen von Profis, die bisher nicht in der Bundesliga spielten. Das zeigt schon, dass im Transfermarkt irgendetwas aus den Fugen gekommen sein muss. Aber wir jammern nicht, sondern arbeiten an Lösungen. Und völlig klar ist, dass wir uns als Mannschaft in allen Bereichen verbessern müssen, denn mit unseren 29 Punkten aus der vergangenen Runde steigst du in der neuen Saison definitiv ab.
Sie sind jetzt 51. Bleiben Sie bei der Aussage, mit 60 Jahren nicht mehr als Trainer zu arbeiten?
So lange noch? (lacht) Für mich ist es nach wie vor nicht vorstellbar, darüber hinaus Trainer zu sein. Das beinhaltet meine Lebensplanung nicht.
Sondern?
Da nenne ich immer die berühmt-berüchtigte Tapas-Bar, die ich mit einem Kumpel eröffnen möchte (lacht). Aber eigentlich denke ich nur in dem Zeitraum, für den ich eine Zusage gegeben habe.
Das ist beim FCH bis 2027.
Genau. Wenn es nach mir geht, ziehe ich das auch durch. Was danach kommt, weiß ich einfach nicht. Vielleicht verlängere ich, wenn es der Verein möchte. Vielleicht mache ich als Trainer etwas Neues oder etwas ganz anderes. Ich kann es schlicht und ergreifend jetzt noch nicht sagen. Was ich sagen kann ist, dass ich meine ganze Energie in die kommende Saison stecke. Das „Alibi“ der vielen englischen Wochen fällt weg. Sie wird extrem schwierig. Alles andere als der Klassenverbleib ist utopisch, es geht um die pure Existenz.
Wer holt den Titel?
Der FC Bayern ist mit 13 Punkten Vorsprung Meister geworden. Dass das eine Mannschaft in der neuen Saison aufholt, glaube ich nicht.
Los geht es nun im DFB-Pokal. Da ist die FCH-Bilanz ausbaufähig.
Zweimal standen wir bereits im Viertelfinale, in den letzten Jahren war jeweils in der zweiten Runde Endstation. Ich halte es mit dem Metzger meines Vertrauens: Es darf mal wieder etwas mehr sein. Deshalb gilt es am Samstag beim Bahlinger SC erfolgreich loszulegen.
Die Erinnerungen...
...als Trainer sind gut, zweimal haben wir mit dem FCH zu Oberligazeiten gewonnen. Aber als Spieler mit Alemannia Aachen bin ich 2002 in Bahlingen ausgeschieden in der ersten Runde. Mein damaliger Trainer Jörg Berger hatte damals gesagt: Wenn dort was schief geht, gibt’s Ärger mit Berger – und so war es dann auch.
Zur Person
Vita Frank Schmidt wurde am 3. Januar 1974 in Heidenheim geboren. Als Profi spielte er zwischen 1994 und 2007 unter anderem für den TSV Vestenbergsgreuth, Alemannia Aachen und den SV Waldhof Mannheim, später für den Heidenheimer SB. Nach seiner Karriere wechselte Schmidt 2007 in Heidenheim kurze Zeit als Co- und dann als Cheftrainer auf die Trainerbank. Er führte den Club von der Oberliga bis in die Bundesliga 2023. Der Aufstieg in die zweite Liga war 2014 gelungen. Sein aktueller Vertrag läuft bis zum Juni 2027.
Persönliches Frank Schmidt ist verheiratet mit Nadine. Das Paar hat die Töchter Julia (27) und Lara (23). Alle drei arbeiten in Pflegeberufen. In seiner Freizeit fährt der Erfolgstrainer gerne Mountainbike. (jüf)