Frankfurter Buchmesse Des Deutschen liebste Speise ist . . .

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Auf der Frankfurter Buchmesse haben die Verlage ihren Erfolg manchmal schon beim Frühstück

Worte des Herrn: abrieb- und säurefest, hitzebeständig bis 150 Grad, wasserfest und  lebensmittelhygienegerecht auf den Frühstücksbrettchen von Dorothee  Krämer. Foto: Stolte
Worte des Herrn: abrieb- und säurefest, hitzebeständig bis 150 Grad, wasserfest und lebensmittelhygienegerecht auf den Frühstücksbrettchen von Dorothee Krämer. Foto: Stolte

Frankfurt - Jetzt zittern sie in der morgendlichen Kälte im Shuttlebus vom Parkhaus Rebstock auf das Frankfurter Messegelände. Vor mir sitzen die Geschäftsleute der Einfachheit halber gleich im Hemd, denn es wird wieder heiß hergehen, wenn sie in Kürze im Halbstundentakt von Termin zu Termin hetzen.

Was erwarten sie von der größten Buchmesse der Welt? Kontakte, Geschäfte, das große Geld? Nora Frisch, die Gründerin des Esslinger Drachenhaus-Verlags, hat hier Partner gefunden, mit denen sie den Vertrieb teilt. Die Sinologin versteht sich als Kulturvermittlerin zwischen Deutschland und China. Sie sitzt allein in ihren drei weißen Standwänden, mit dem Sortiment aus sieben Büchern zur chinesischen Geschichte und Kultur. Das klingt ab-strakt, aber es geht konkret auch darum, wie man es als Geschäftsmann vermeidet, in Fettnäpfchen zu treten: Wie wenn man etwa vergisst, beim Essen laut zu schmatzen und damit den chinesischen Koch beleidigt.

Auf Bestehendes konzentriert sich der Esslinger Verlag, der Nachfolger des bekannten Schreiber Verlages, der immer noch einen guten Teil seiner Geschäfte mit den alten Schreiber-Büchern, wie der Häschenschule macht. Laut dem Geschäftsführer Thomas Seng wird der Rabe Socke bald einen zweiten Kinofilm bestreiten und obwohl er nachweislich ein Rabe ist, der Star einer Fernsehserie werden. Weiter entwickeln will Seng die Reihe mit dem Äffle und dem Pferdle. Nicht nur Seng findet es ewig schade, dass die Zeichentricktiere aus dem Fernsehen verbannt wurden. Es gibt zwar Äffle- und Pferdle-Kaffeetassen, aber das ist non-book, also hat nichts mit Büchern zu tun, wie es im Buchmessen-Fach-Chinesisch heißt.

Kleinvieh macht auch Mist, nicht nur beim Pferdle und Äffle. Einen Renner hat Achim Krämer aus Esslingen im Programm. In Halle 3 sticht er aus dem Sortiment von Lehrmittelverlagen heraus, wie eine Tomate aus einem Eierkarton. Nach etlichen beruflichen Wirrungen hat er zusammen mit seiner Frau Dorothee einen Verlag für Lehrmittel gegründet, der bis zu dem Zeitpunkt nicht allzu viel abwarf, als Dorothee Krämer auf die Idee mit christlichen Frühstücksbrettchen verfiel. Für nur 6,99 Euro bekommt man einen Bibelvers unters Butterbrot, der mit einem humorvollen Bild zusammenpasst. Man muss allerdings ziemlich um die Ecke denken. Der Hit auf jeder Jungschar-Freizeit.

Der Rummel um das E-Book ist auf der Buchmesse vorbei. Die Deutschen scheinen zäh und störrisch, wenn es um ihre wichtigste Erfindung geht, das gedruckte Buch. Das elektronische Buch scheint auf der Messe eher eine weitere Spielart von Buch zu sein, deren es hier so viele gibt: Leporellos aus Glasscherben und Maschendraht, Buchskulpturen, eine Styroporkugel mit Einsteckgedichten der Lenningerin Ingrid Wiche oder ein V-Motoren-Selberbau-Buch des Münchner Franzis Verlages. Unter Glas ruht ein meterhoher Bildband des Kölner Taschen-Verlag und damit wohl das weltweit größte Taschen-Buch. Die Esslinger Firma Richard Mayer ist es, die solche und ähnliche Buchgiganten zwischen zwei Deckel zwingt. Sie besitzt Spezialmaschinen, die traditionelle Fadenbindung auch in Übergröße herstellen können, damit das Groß-Buch nicht aus dem Leim geht, und sie fertigt immer noch wunderschöne Faksimile von mittealterlichen Bibeln. Darüber hinaus verleiht die Firma allen Arten von Katalogen einen Gold- oder Silberschnitt.

Der Geschäftsführer Frieder Mayer verzeichnet einen Rückgang der Massenproduktion. Um die hochwertige Buchproduktion ist es ihm jedoch nicht bange, zumal er neben der katholischen Kirche jetzt einen großen Kunden gewonnen hat: Zu den Bibeln passt die in schwarze Lederfasern gebundene Chronik des Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund ganz gut, nur die gelb-schwarze Vereinsplakette, die zwischen den mittelalterlicher Buchschließen prangt, sticht etwas heraus.

Frieder Mayers Stand ist gut besucht. Ein Fotograf stößt hinzu und will den neuen Ferrari-Kalender binden, ein älterer Mann sucht einen Buchrestaurator. Mayer versucht, ihnen zu helfen, bis sie sich wie die anderen Besucher auch, in die überfüllten Rolltreppen drängeln.

Die Frankfurter Buchmesse steht immer unter Strom. Am Nachmittag überdreht in den sechs Messehallen dann auch mal das Terminkarussell, das alle hier im Griff hat. Zu viele Gesprächspartner kommen zu spät, weil sie auf anderen Terminen festhängen, zu viele alte und neue Bekannte, zu viele Auslagen, Poster, Aufsteller. Die Verwirrung steigt. Um für den Comic-Verlag Cross Cult ein ungestörtes Plätzchen zu finden, verlasse ich aus Versehen die Messehalle und muss mich mühsam wieder an der Schleuse einloggen: „Können Sie nicht lesen?“, fragt eine Empfangsdame empört.

Andreas Mergenthaler hat den Ludwigsburger Verlag Cross Cult gegründet und verlegt amerikanische Fantasy-Comics. Die Region Stuttgart bezeichnet er als Hochburg des Grafic Novels in Deutschland, sein Flaggschiff ist skurrilerweise eine deutsche Produktion. „Steam Noir“ aus der Zeichenfeder des Esslingers Felix Mertikat, die nicht nur zahlreiche Preise abräumte und ein Karten- sowie ein Brettspiel generierte, sondern auch bald in Übersee zu haben sein wird.

Steampunk? Das ist Science Fiction à la Jules Verne: Die Magie der Technik im 19. Jahrhundert, nur können die englischen Steampunker sich mit ihrer viktorianischen Welt ins gemachte Nest setzen, die Deutschen müssen ins weitaus problematischere Kaiserreich ausweichen, oder gleich in Fantasiewelten flüchten.

Gleich nebenan verkauft Uwe Lochmann von der Esslinger Sammlerecke vor allem Mangas. Nicht nur sein Comic-Antiquariat ist vom angestammten Sitz in der Esslinger Hindenburg- in die Daimlerstraße umgezogen, auch sein Messestand war urplötzlich an einem ganz anderen Ort. Der Umzug in Esslingen geschah aus Platzgründen, den Umzug auf der Messe verdankt Lochmann den höheren Mächten daselbst, die er nicht durchschaut. Neben den Mangas hat er ein Sortiment historischer Comics im Programm. Zur Zeit gehen die Hefte der 1960er und 1970er Jahre. „Unsere Hauptkunden sind immer die Männer in den besten Jahren, die ihre Seele suchen“, sagt Lochmann. Sie kauften jetzt die alten Ausgaben von „Supermann“ und den „Fantastischen Vier“ auf, während das Lesepublikum für die älteren Reihen „Sigurd“ oder „Prinz Eisenherz“ allmählich wegstirbt.

In den Hallen 3 und 4, „Belletristik, Sachbuch, Comics und Kinderbuch“, ist das Gedränge am Größten. „Alle warten auf die nächste Welle“ sagt Olivier Graute von Feder & Schwert aus Mannheim, „und auf den nächsten Trend.“ In der Fantasy sind die Trendsetter meist Fabelwesen. Der Vampir-Hype ist vorbei, die Zombies haben nicht wie erhofft eingeschlagen. Dafür hat der Verlag ein neues Finanzierungsmodell am Laufen. Das „Crowdfunding“ für eine Fantasy-Anthologie. Wer im Voraus spendet, bekommt das Buch, ein T-Shirt oder ein Essen mit dem Autor, oder wahlweise zwei Bücher, ein T-Shirt und keinen Autor.

Klöpfer & Meyer aus Tübingen hält sich da eher an Traditionen. Der Verlag hat zum 100. Geburtstag von Hermann Kurz, der auch – nomen est omen – kurzzeitig in Oberesslingen sein Genie entfaltet hat, die Streitschrift „das freye Wort“ nachgedruckt. Es ist ein Plädoyer für die Pressefreiheit und einer der Grundsteine des württembergischen Pressewesens.

Um 17.45 Uhr schäumt die Spannung über, die den ganzen Tag geherrscht hat. In Tausenden von Einweg-Sektgläsern blubbert es, jetzt arbeitet an den Ständen kaum jemand mehr, Menschentrauben hängen um Schnittchen und Gebäck, noch eine dreiviertel Stunde müssen sie durchhalten bis zum Messeschluss. Ich kann keine Kekse mehr sehen. Außerdem ist da vorne noch Mair-Dumont aus Ostfildern, der deutsche Reiseführer-Verlag mit den Reihen Marco Polo und Baedeker. Mit großem Erfolg beim Buchhandel habe sich der Verlag in ein neues Geschäftsfeld gestürzt, berichtet die Pressesprecherin Brigitte Kehl. Er bietet jetzt eine Reihe mit Reiseabenteuern von namhaften Autoren an, die im Schatten der Seidenstraße wandern oder den Wolkenpfad quer durch die Anden erklimmen.

Diese Saison bringt der Verlag auch den neuen Baedeker von Deutschland auf den Markt. Ein einziges Vorabexemplar existiert am Messestand, besser gehütet als die englischen Kronjuwelen. Darin, ebenfalls im Trend, finden sich viele Infografiken und ein sehenswerte statistischer Kulturteil, der Fragen beantwortet, wie „was essen die Deutschen am liebsten?“ Schweinsbraten mit Knödel, haben die Ostfilderner herausgefunden. Und was machen die Deutschen am liebsten? Feierabend.