Pannen, Reparaturen – und jetzt ein Streik in den französischen Atomkraftwerken: Neue Ausfälle drücken auf die Stromproduktion und treiben die Preise hoch.

Korrespondenten: Stefan Brändle (brä)

AKW-Arbeiter blockieren mehr und mehr Reaktoren in Frankreich. Erste Arbeitsniederlegungen im größten AKW-Park Europas fanden schon im September statt. Sie wurden aber lange nicht als solche wahrgenommen: Denn zugleich ist rund die Hälfte der Reaktoren bereits wegen Wartungsarbeiten infolge von Covid-Pause, technischen Pannen und Reparaturen abgeschaltet. Derzeit liegen 27 der 56 französischen Meiler still.

 

Laut der Gewerkschaft sind 19 von 56 Reaktoren von Blockade betroffen

Auf Anfrage kann oder will die Betreiberin Electricité de France (EDF) selber nicht sagen, wie viele dieser Anlagen derzeit allein wegen des Streiks geschlossen oder beeinträchtigt sind. Die vorsichtige Kommunikationspolitik zeugt von der Furcht vor einer weiteren Verschärfung der bereits gespannten Lager in der französischen Stromproduktion.

Laut der Gewerkschaft CGT sind 19 Reaktoren zumindest teilweise von den Personalblockaden betroffen. Und ihre Zahl sei am Zunehmen, meinen Gewerkschaftssprecher. Die Streikenden fahren jeweils entweder die Produktion eines Reaktors herunter oder behindern Wartungsarbeiten. Sie wollen damit inflationsbedingte Lohnerhöhungen von 200 Euro im Monat durchsetzen.

In den französischen Raffinerien und Erdöllagern hatten die Arbeiter bei einem Streik Lohnerhöhungen von sieben Prozent erreicht. Der dreiwöchige Streik, der ein Drittel der französischen Tankstellen lahmlegte, flaut langsam ab.

Der AKW-Ausstand wird weniger als der Tankstellenstreik thematisiert

Der Ausstand in den Atomkraftwerken wird bedeutend weniger mediatisiert. Für die angeschlagene, erst kürzlich verstaatlichte EDF bedeutet er aber neues Ungemach. Präsident Emmanuel Macron hatte sich deshalb mit dem bisherigen EDF-Vorsteher Jean-Bernard Lévy öffentlich gestritten und ihn frühzeitig ablösen lassen.

Die Betreiberin des französischen AKW-Parks hatte versprochen, die Ausfälle bis zum Jahresende teilweise und bis im Februar vollständig zu beheben. Schon im November sollte die AKW-Produktionsleistung, die in Frankreich eine Kapazität von 61,4 Gigawatt hat, wieder 29 Gigawatt erreichen, anfangs Januar sodann 41 Gigawatt.

Daraus wird nun nichts. Laut Thomas Veyrenc, dem Strategiedirektor des französischen Netzwerkbetreibers RTE, haben die Streiks bereits zu einer Verzögerung von „zwei bis drei Wochen“ geführt. Sollte der Ausstand noch länger dauern, befürchtet die Netzbetreiberin nach eigenen Angaben „schwere Konsequenzen“ für die Stromversorgung in den kältesten Wintermonaten.

Sparappelle der Regierung zeitigen Wirkung

RTE betont zwar, dass vorläufig keine Lieferengpässe zu erwarten seien. Die Temperaturen sind relativ mild, und die Regierung in Paris glaubt, dass ihre Sparappelle bereits zu einer Senkung des Stromverbrauchs von vier Prozent geführt haben. Die Wasserkraftwerke laufen zugleich rund. Allerdings hat die Streikbewegung nun auch den Betrieb zweier alpiner Rückhaltebecken erfasst.

Die Branche misstraut den Beteuerungen von EDF und RTE ebenfalls: Der Monats-Spotpreis für Strom ist in Frankreich nach einem Rückgang in den letzten Wochen wieder auf 377 Euro für eine Megawattstunde gestiegen.

Die Gasspeicher sind in Frankreich zwar zu 98 Prozent gefüllt, was sechs Prozent über dem europäischen Schnitt liegt. Ein Stromausfall ist aber nicht auszuschließen, falls die Temperaturen unter die Durchschnittswerte fallen. „Wir können nicht sicher sein, den Winter ohne Stromunterbrüche zu überstehen“, warnt Emmanuelle Wargon, die Vorsteherin der französischen Kommission für Energieregelung.

Macron will langfristig 14 neue Reaktoren bauen

Frankreich muss schon heute viel Elektrizität aus Deutschland einführen. Im Gegenzug liefert eine französische Pipeline Erdgas über den Rhein ins Saarland. Der Engpass der Stromproduktion in Frankreich ist mit ein Grund für die Verschiebung des Atomausstieges in Deutschland. Macron hat in diesem Jahr den Bau von sechs – langfristig sogar vierzehn – neuen EPR-Reaktoren bekannt gegeben. Zugleich will er die Genehmigungsverfahren für erneuerbaren Energieanlagen verkürzen. Im September hat er den ersten Offshore-Windpark Frankreichs in Betrieb genommen.