Frankreichs Regierung will weniger Regionen. Das Elsass soll mit Lothringen und der Champagne-Ardenne zusammengelegt werden. Dagegen protestieren die Elsässer; sie bangen um ihre ökonomische Stärke.
Straßburg - Als der Abgeordnete Patrick Hetzel (UMP) aus Saverne in der Nationalversammlung unlängst vom „elsässischen Volk“ sprach, ging das dem französischen Premier Manuel Valls dann doch zu weit. Der ansonsten zackige Valls reagierte letztlich beschwichtigend. Er respektiere das Elsass zutiefst. Aber: „Es gibt kein elsässisches Volk, es gibt nur ein französisches Volk.“ Hintergrund dieses Schlagabtauschs ist die von Frankreichs Sozialisten geplante Gebietsreform. Die bislang 22 Regionen will sie zu nur noch 13 zusammenführen. Die Verwaltung soll schlanker werden. Das Geld ist knapp, also muss gespart werden. Im Juli stimmten die Abgeordneten der Reform zu. Ende Oktober berät sich die zweite Kammer, der Senat. Hat sie bis Jahresende auch noch die letzte Hürde, ein weiteres Votum in der Nationalversammlung, genommen, wird das Elsass ungefragt seinem direkten Nachbarn Lothringen und der Region Champagne-Ardenne zugeschlagen.
Offene Ablehnung
Die regionale Politik müsste das Elsass dann mit den neuen Partnern abstimmen, also gemeinsame Interessen und Kompromisse finden. Gemeinsame Interessen? Viele Elsässern verneinen, dass das möglich sei. Zu groß sei diese geplante, neue Region, zu weit entfernt von den drängenden elsässischen Fragen. Bislang ist noch nichts bekannt über die Inhalte der Reform. Allein der Zuschnitt der Regionen wird bislang verhandelt. Bei einer Demonstration gegen die Fusion, zu der die Region Alsace und die konservativen Kräfte im Elsass aufgerufen hatten, konnte man dennoch klare Worte auf Plakaten und T-Shirts lesen. „Alsace, ma région“ oder „Touche pas à mon Alsace“ – Finger weg von meinem Elsass.
Abstimmung mit neuen Partnern
Die Abiturientin Hélène Schwarz, 19, aus Straßburg hat mit ihrer Freundin zu diesem Anlass ein Plakat gemalt: „Man mischt nicht Sauerkraut mit Quiches“, und fordert: „Warum können wir nicht so bleiben, wie wir sind?“ Was kann denn so schlimm sein an der Champagne? „Gar nichts“, sagte ein anderer Demonstrant, „Aber die kriegen in Paris einfach nichts gebacken. Unsere Regierung weiß selbst nicht, was diese Reform bringen soll.“ Von einer sachlichen Auseinandersetzung sind beide Seiten bislang weit entfernt.
Wirtschaftliche Gründe
Straßburg nicht mehr Hauptstadt?
„In Paris blasen sie nur heiße Luft“, erklärt Robert Huchelmann, 60, Unternehmer aus Haguenau. „Was weiß die Champagne denn von uns? Uns trennen vom Rest des Landes mehr als nur die Vogesen.“ Konsterniert reagierten Politiker aus Lothringen und der Champagne auf die offene Ablehnung. „Das ist der Egoismus der Reichen, die unter sich bleiben wollen“, war zu hören. „Bitte etwas mehr Respekt. Wir leben schließlich alle in ein und derselben Republik.“
Ein Blick auf die Arbeitslosenzahlen der Regionen, die hier demnächst gemeinsame Sache machen sollen, gibt einen Hinweis auf eine der wichtigsten Ursachen des Konflikts. Mag sich das Elsass historisch mit der Champagne nicht sonderlich verbunden fühlen. Noch stärker dürfte wiegen, dass die Arbeitslosigkeit in der Champagne (10,6 Prozent) wie in Lothringen (10,4 Prozent) deutlich höher liegt als im Elsass (9,5 Prozent) und damit auch über dem französischen Durchschnitt. Werden die drei Regionen demnächst tatsächlich gemeinsam regiert, ist die Vermutung nicht von der Hand zu weisen, dass die anderen vom relativ größeren Wohlstand der Elsasses profitieren dürften.
Was wird aus Straßburg?
Und die Elsässer? Die fürchten jetzt, die grenzüberschreitende Kooperation mit der deutschen Nachbarregion werde leiden. „Unsere Zukunft ist der Oberrhein“, verteidigt der Präsident der elsässischen Handwerkskammer, Bernard Stalter, die Position der Fusionsgegner. Schwer wiegt auch, dass die elsässische Hauptstadt Straßburg, die ohnehin unentwegt um ihren Status als Sitz des Europaparlaments bangt, in einer großen Ostregion geografisch im Abseits läge. Als künftige Hauptstadt wäre sie wohl eher nicht die erste Wahl.