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Frankreich Unbekannte Inselwelt

Von Winfried Weithofer aus Calvi 

Korsika lockt seine Gäste mit langen Stränden - dabei sind Unternehmungen abseits der Badebuchten um einiges interessanter.

Calvi - Die Landschaft ist struppig und karg, über viele Kilometer windet sich die Straße auf steinige Anhöhen hinauf. Wenig kann das Auge reizen. Aber dann, völlig unerwartet, nach einem letzten Hügel, kommt der große Moment: Türkis präsentiert sich das Meer, eine grandiose Küste mit bizarren Felsen tut sich auf. Der rund 60 Kilometer lange Abschnitt zwischen Ponte Leccia und Calvi bietet solche prächtigen Ausblicke - ein optischer Höhepunkt ist dabei die Halbinsel von Ile Rousse, ein Felsbrocken, den die untergehende Sonne in ein magisches Rot taucht. Das Hinterland wird von einem Bergmassiv dominiert. Es ist diese große Kulisse, wohin der Österreicher Kurt Müller seit Jahrzehnten Urlauber lockt. Der Gründer des Feriendorfs „Zum Störrischen Esel“ am Golf von Calvi kennt sich aus. Er weiß, womit er seine Gäste am besten in den korsischen Bann zieht.

„Die Schönheit Korsikas muss man erwandern“, empfiehlt er. Den Prinzipien des Alpenvereins, dessen Vorarlberger Sektion sich in den 50er Jahren in Korsika neue Herausforderungen gesucht hat, ist der Seniorchef des Camps treu geblieben. Faulenzerferien anzubieten - das ist Müllers Sache nicht. Also rauf ins Gebirge - am besten gleich auf den Capu di a Veta, den 700 Meter hohen Hausberg von Calvi. In knapp drei Stunden ist der Gipfel erreicht, auch Kinder schaffen das. Wobei eine professionelle Begleitung anzuraten ist - ein Wanderführer hilft, die Zeit sinnvoll zu nutzen, und er kann über den üppigen Blütenschatz am Wegesrand aufklären.

Ein Paradies für Kinder

Die Beschilderung ist in den letzten Jahren zwar verbessert worden, aber nicht immer narrensicher. Im Sommer gilt für Wanderer der Grundsatz, in aller Herrgottsfrühe aufzubrechen, um der größten Hitze auszuweichen - und in allen Jahreszeiten sind Ausflüge nur bei gutem Wetter anzuraten. Wer will schon auf dem Gipfel stehen, wenn im Nebel kein Ausblick möglich ist? Jedenfalls belohnt der Capu di a Veta den Wanderer mit einem fantastischen Panorama: Es reicht von der Bucht von Calvi über Lumio bis hin zum Gipfel des Monte Cinto, dem mit über 2700 Metern höchsten Berg der Insel. Es sind diese Bilder, die Korsika so einzigartig machen. Wer sich nicht auf schweißtreibende Kraxeleien einlassen will, für den bietet die Gegend um Calvi eine abenteuerliche Tour durch das Fangotal. Der Fluss Fango verläuft zwischen Felsbrocken, und Wasserbassins laden zum Baden ein.

Für Kinder ein Paradies: Nach Lust und Laune können sie zwischen den Steinen balancieren. Eine solche Gumpenwanderung ist für alle ein Genuss, die vom salzigen Meer genug haben. Auch viele andere Flüsse in Korsika locken die Touristen mit ihrem glasklaren, frischen Süßwasser. Im Süden ist derzeit Vorsicht geboten: Am Unterlauf des Flusses Cavu nahe der Küstenstadt Porto Vecchio sind Bilharziose-Fälle (eine Krankheit, die durch Saugwürmer hervorgerufen wird) aufgetreten.

Das Robert-Koch-Institut hat denjenigen, die dort in den vergangenen Jahren gebadet haben, empfohlen, sich untersuchen zu lassen. Da gibt es aber noch eine dritte Art, dem Strand zu entsagen: Viele Ferienveranstalter bieten Fahrradtouren an. Lustbetont sind sie, denn kräftig treten muss man nur selten. In der Regel geht es abwärts, über viele Kilometer, rasant und auch mal gemächlich. Ohne Führer und Begleitfahrzeug geht es nicht, aber auch hier ist Hochgefühl garantiert. Zum Beispiel auf der Strecke vom Col de Battaglia (1100 Meter über dem Meer) nach Belgodère in der Nähe von Calvi - ein Traum. Zupass kommt den Reiseveranstaltern, dass Korsika in dieser Saison weniger Negativschlagzeilen produziert als in der Vergangenheit. Vor wenigen Tagen kündigte zudem die Separatistenorganisation FLNC, die Nationale Befreiungsfront Korsikas, völlig überraschend an, ihren bewaffneten Kampf für die Unabhängigkeit aufzugeben.

„Schurken gibt es überall“

Die FLNC wolle ihre Ziele künftig auf „offiziellen Wegen“ verfolgen. Korsika wurde in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder von Anschlägen erschüttert, für die die FLNC verantwortlich zeichnete. Zudem wurden bei Attentaten viele Menschen erschossen, vermutlich im Auftrag von Mafiabanden. Auch in diesem Jahr hat es wieder Morde und Explosionen gegeben, und die Inselzeitung „Corse-Matin“ erschien mit Schlagzeilen über Kriminalität und Bandenunwesen - aber als Bedrohung für das öffentliche Leben wurde dies schon lange nicht mehr empfunden. Auch Kurt Müller gibt sich gelassen. Er zitiert einen befreundeten Anwalt mit den Worten: „Schurken gibt es überall.“

Im Übrigen sei die Berichterstattung des „Corse-Matin“ anzuzweifeln: Was die Zeitung bringe, sei einfach zu viel. „Man kann es nicht werten.“ Tatsache ist jedoch, dass Hotels und Gaststätten über ausbleibenden Besuch klagen. Das mag an den Preisen liegen: Für ein Bier vom Fass werden vielerorts 5,50 Euro verlangt, und die Kugel Eis kostet auch mal drei Euro. Aber immerhin, der Staat steckt viel Geld in die Infrastruktur - Ortsdurchfahrten werden verschönert, Straßen verbreitert, Innenstädte aufpoliert. An einigen Küstenabschnitten herrscht rege Bautätigkeit - dabei bleibt die Insel von großen Hotelkomplexen verschont. Zum Glück, findet Jean-François Bernardini von der korsischen Kultband I Muvrini. Er ist ein Befürworter des sanften Tourismus, die Insel vertrage keinen Massenansturm. „Dieses Land hat doch eine Seele.“ Die Seele ist empfindlich, aber mit fesselnder Magie.

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