Frankreich und die Gelbwesten-Bewegung Explosionen des Volkszorns

Von  

Knut Krohn und Axel Veiel, aktueller und ehemaliger Frankreich-Korrespondent unserer Zeitung, zogen eine Bilanz der Gelbwesten-Proteste – und der Reaktion des Präsidenten Macron.

Der französische Präsident Emmanuel Macron muss mit anhaltendem  Widerstand gegen seine Reform-Bemühungen rechnen. Foto: AP/Philippe Wojazer
Der französische Präsident Emmanuel Macron muss mit anhaltendem Widerstand gegen seine Reform-Bemühungen rechnen. Foto: AP/Philippe Wojazer

Stuttgart - Ein Reporterleben kann auch zum Heulen sein. Immer wieder geriet Knut Krohn, Frankreich-Korrespondent unserer Zeitung, während der großen Gelbwesten-Proteste der vergangenen Monate in die Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten. „Da bekommt man auch mal selber Tränengas ab“, berichtete Krohn am Dienstagabend im Stuttgarter Hospitalhof. Bei diesen Straßenschlachten sei ihm oft angst und bange geworden. Er habe sich „gefühlt wie in einem Bürgerkrieg“.

Gemeinsam mit seinem Vorgänger auf dem Pariser Korrespondenten-Posten, Axel Veiel, zog Krohn auf Einladung des Institut Français und des Evangelischen Bildungszentrums Hospitalhof eine Bilanz der Gelbwesten-Proteste, die vor rund einem Jahr als Widerstand gegen eine Benzinpreis-Erhöhung begann. Von Anfang an sei es dabei aber um weit mehr gegangen als den Ärger über höhere Kosten an der Tankstelle.

„Es ist ein Protest gegen das System“, betonte Krohn, „der Aufstand einer Mittelschicht, die sich abgehängt fühlt.“ Noch immer sei Frankreich „ein gespaltenes Land“ – zwischen unten und oben, zwischen Paris und dem Rest des Landes. Die sozialen Gräben seien durch die Globalisierung weiter vertieft worden.

„Explosionen des Volkszorns“

Axel Veiel, der 15 Jahre lang aus Frankreich berichtet hat, fühlte sich an viele Protestbewegungen früherer Zeiten erinnert. Immer wieder habe es über die letzten Jahrzehnte „Explosionen des Volkszorns“ gegeben. Der Widerstand gegen soziale Ungerechtigkeiten und gegen die Arroganz der Mächtigen sei in Frankreich „ein Dauerbrenner“. Neu an der Gelbwestenbewegung sei vor allem die beschleunigte Mobilisierung über die sozialen Netzwerke gewesen.

Krohn und Veiel waren sich einig, dass Präsident Emmanuel Macron nach anfänglichen Irritationen zumindest in Einem wirkungsvoll auf den Protest reagiert habe. Über Wochen stellte er sich in jeweils stundenlangen Gesprächen den Fragen der Bürger. Mit dieser „Grand Débat National“ habe es der Präsident geschafft, die Aufwallung im Volke zu dämpfen. Diese Form des direkten Gesprächs mit dem Bürger beherrsche Macron, sagte Krohn: „Er ist ein Menschenfischer.“

Die soziale Spaltung ist immer noch da

Auch inhaltlich reagierte der Präsident. Er nahm viel Geld in die Hand, um Forderungen der Protestierenden zu erfüllen – zum Beispiel durch eine bessere Unterstützung von Alleinerziehenden. Viele seiner Maßnahmen seien aber vor allem symbolisch gewesen, zum Beispiel die Abschaffung der Eliteuniversität Ena. „Durch so etwas ist die Elite nicht weg“, kritisierte Veiel. „Man kratzt nur den Dekor ab.“

Noch immer ist offen, ob Macron dringend überfällige Reformen des Sozialstaats durchsetzen kann oder – wie so viele Präsidenten vor ihm – angesichts eines anhaltenden Widerstands einknickt. „Die nächsten Monate werden über Macrons politisches Schicksal entscheiden“, sagte Krohn. „Dann wird sich zeigen, ob er nur ein Präsident für eine Amtszeit sein wird.“

Inzwischen sind die Proteste auf den Straßen abgeklungen. Zu den Demos kommen nur noch wenige. Die Gelbwesten-Bewegung hätten auch keine Köpfe und keine konstruktiven Ideen, die Bewegung in eine neue Phase zu tragen, betonte Krohn. Das schließe aber nicht aus, dass es zu einer neuen Welle des Protests kommen könne. Neun von zehn Franzosen hielten laut Umfragen die Forderungen der Gelbwesten weiterhin für berechtigt: „Das bedeutet: die soziale Spaltung im Land ist immer noch da.“