InterviewFranzösische Botschafterin Anne-Marie Descôtes „Macron will ein Europa, das die Bürger schützt“

Die französische Botschafterin in Deutschland, Anne-Marie Descôtes, wirbt für die EU-Pläne ihres Präsidenten. Sobald eine neue Bundesregierung im Amt sei, müsse schnell gehandelt werden.

Botschafterin Anne-Marie Descôtes tritt für mehr europäische Zusammenarbeit ein: „In einem geeinten Europa sind wir stärker und können der Globalisierung besser begegnen.“ Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Botschafterin Anne-Marie Descôtes tritt für mehr europäische Zusammenarbeit ein: „In einem geeinten Europa sind wir stärker und können der Globalisierung besser begegnen.“ Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Solange in Deutschland nur eine geschäftsführende Bundesregierung im Amt ist, kommt europapolitisch kaum etwas voran. Frankreichs Botschafterin Anne-Marie Descôtes rät dazu, dass sich Berlin und Paris bereits jetzt auf den Tag X vorbereiten.

Frau Descôtes, zwei Tage nach der Bundestagswahl im September 2017 hat Präsident Emmanuel Macron eine große Europa-Rede gehalten. Wie ungeduldig wartet er auf die Antwort aus Berlin, die immer noch aussteht?
Es ist sehr wichtig, dass wir uns mit Deutschland und den anderen EU-Staaten über die Fortentwicklung Europas austauschen. Wir freuen uns, dass das europäische Projekt bei den Sondierungsgesprächen als wichtiges Ziel behandelt wird. Natürlich respektieren wir das Verfahren auf der Suche nach einer Koalition.
Dieses Verfahren kostet allerdings auch Zeit.
Das stimmt, zumal die wichtigen Entscheidungen in den nächsten Monaten getroffen werden müssen. Man muss davon ausgehen, dass ab September politisch auf europäischer Ebene nicht mehr viel passieren wird, da im Juni 2019 Europawahlen ins Haus stehen. Die Kommission wird nicht mehr im Stande sein, Initiativen zu ergreifen oder große Entscheidungen zu fällen, weil die Abgeordneten des Parlaments sich auf diese Wahlen vorbereiten werden.
Im besten Falle haben wir in Deutschland eine Regierung, die Ostern handlungsfähig ist. Das heißt, es bleiben im Sommer nur wenige Monaten, um wichtige europapolitische Weichen zu stellen?
So ist es und deshalb es ist jetzt schon wichtig, die grundsätzlichen Fragen zu klären. Bundeskanzlerin Merkel und Präsident Macron sind dazu in einem ständigen Austausch. Wir müssen schnell agieren können, wenn die Regierung in Berlin steht.
Die heutige EU sei „zu langsam, zu schwach, zu ineffektiv“, sagt Macron. Er fordert eine „Neugründung“ Europas. Überfordert er nicht mit solchen großen Plänen viele Europäer?
Das kann man so sehen. Aber wenn man Menschen mitreißen will, muss man Perspektiven eröffnen und das ansprechen, was für die Bürger wichtig ist. Der Präsident wirbt für ein Europa, das die Bürger schützt. Selbst unsere beiden Länder können sich nicht mehr alleine in der Welt behaupten. In einem geeinten Europa sind wir stärker und können der Globalisierung besser begegnen. Dazu müssen wir Europa demokratischer machen und vereinfachen.
Verstehen Sie die Ängste vieler Deutscher, dass „Mehr Europa“ vor allem bedeuten könnte, dass Deutschland mehr in die EU-Kassen zahlt?
Das habe ich natürlich auch gehört. Aber vergessen wir nicht, dass Frankreich der zweitgrößte Nettozahler der EU ist. Auch wollen wir die alten Schulden nicht vergemeinschaften.
Rechnen Sie auch in Frankreich mit Gegenwind - etwa durch die Nationalisten um Marine Le Pen?
Zurzeit hört man sie nicht so stark, die Bewegung ist gespalten. Das heißt natürlich nicht, dass anti-europäische Stimmungen nicht da wären. Die Franzosen sind aber im Moment sehr mit den inneren Reformen beschäftigt – vom Arbeitsmarkt über Bildung bis Rente.
Als die französische Nationalversammlung und der Bundestag am vorigen Dienstag den 55. Geburtstag des Elysee-Vertrages feierten, haben sich die AfD-Abgeordneten demonstrativ verweigert. War das für Sie ein Affront?
Wir waren vorgewarnt. Wir wurden daher nicht überrascht. Angenehm war das natürlich nicht.
Warum waren andererseits so wenige französische Abgeordnete anwesend, als die Bundestagsdelegation an dem Tag in Paris in der Nationalversammlung kam?
Auch ich fand das schade. Aber unsere Institutionen haben unterschiedliche Arbeitsweisen. Nichtsdestotrotz sind viele Abgeordneten im deutsch-französischen Verhältnis engagiert und die große Mehrheit unterstützt die in der gemeinsamen Entschließung genannten Fortschritte.
Am Mittwoch haben Sie in Stuttgart mit der baden-württembergischen Kultusministerin ein Pilotprojekt gestartet, das die Schüler im Südwesten anregen soll, sich beim Französisch-Lernen noch mehr anzustrengen. Wie stark hapert es inzwischen beim Französisch-Unterricht in Deutschland – und umgekehrt mit dem Deutsch-Lernen in Frankreich?
Ich habe den Eindruck, es läuft in Frankreich etwas besser als in Deutschland. Mit Herrn Macron werden die bilingualen Klassen wieder eingeführt, nachdem die Regierung sie vor zwei Jahren für beendet erklärt hatte. Wir sind etwas besorgt, was das Französisch in Deutschland angeht. Deshalb freuen wir uns über alle Projekte, die gegensteuern – wie hier in Baden-Württemberg.
Sie waren zwar selbst einige Zeit Deutschlehrerin. Aber ist es für Kinder heute nicht viel sinnvoller, ein gutes Englisch zu sprechen?
Deutschland ist für uns Franzosen der wichtigste Partner. Da ist es wichtig, dass man sich kennt und versteht. Aus der Wirtschaft hören wir auch, dass zum Beispiel Ingenieure aus Deutschland und Frankreich bei der gemeinsamen Arbeit viel weniger kreativ sind, wenn sie nur Englisch miteinander reden. Kultur wird durch Sprache vermittelt. Deshalb sind Fremdsprachenkenntnisse auch ein wichtiges Mittel im Kampf gegen nationalen Rückzug und Populismus.




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