Für Gerben de Jonge ist die Zeit gekommen, sich wieder mit Technik zu beschäftigen. Der 44-Jährige ist eigentlich Ingenieur von Beruf, auf Schiffen hat er viele Jahre gearbeitet. Doch dann lernte er seine Frau Katharina kennen und stieg 2017 in ihr Geschäft ein: Die diplomierte Hotelière und Restauratrice hatte zwei Jahre zuvor im Stuttgarter Westen „Chez Ginette“ eröffnet. Gemeinsam führten sie seither den Laden für französische Spezialitäten an der Kornbergstraße. „Der Laden funktioniert, wir können uns nicht beschweren“, sagt Katharina de Jonge. Von Anfang an sei jedoch klar gewesen, dass er eines Tages zurück in seinen alten Beruf zurückkehren wird. „Er brennt für die Technik, das ist seine große Leidenschaft“, erklärt sie. Für „Chez Ginette“ bedeutet der Schritt das Ende, am 27. Juli ist der letzte Öffnungstag.
„Ich bin echt supertraurig", sagt die Kundin an der Käsetheke. Solche Aussagen bekommt Katharina de Jonge nun laufend zu hören, auch viele Komplimente und gute Wünsche, manche verstehen die Entscheidung gar nicht. Doch die Familie steht bei den de Jonges an erster Stelle. „Sieben Jahre in einem Beruf, der nicht die erste Wahl ist, ist eine lange Zeit“, lobt sie ihren Mann Gerben. Alleine kann die 35-Jährige ihn nicht weiterführen. Bislang teilte sie sich die Betreuung ihrer Kinder, fünf und sechs Jahre alt, mit dem Mann. Sie selbst wäre ohne seine Unterstützung deshalb nicht mehr so oft im Geschäft. Ihre Mutter helfe zwar ebenfalls aus, komme langsam jedoch in ein Alter für den Ruhestand, sagt sie. Also müsste sie viel Personal einstellen, diese Kosten „trägt der Laden aber nicht“, sagt Katharina de Jonge. Außerdem lebe „Chez Ginette“ von der engen Bindung der Betreiber zu den Stammkunden.
Keinen Nachfolger für „Chez Ginette“ gesucht
Jede Menge Ware hat Katharina de Jonge nun für die Wochen bis 27. Juli bestellt, damit sich alle Frankreichfreunde noch einmal eindecken können. Neben Backwaren wie Baguettes und Croissants, Macarons oder Quiches sowie Feinkost wie Käse und Wurst, Senf und Terrinen, Wein und Limonaden bietet sie Keramik und Geschirrtücher, Karten und Lampen, Teller, Gläser und Bilder an. Sie beschreibt ihr Sortiment mit „alles, was das Leben schön macht“. Am Ende wird es einen Ausverkauf geben. Dass sie seit neun Jahren ein „kleines Stück Frankreich“ nach Stuttgart holen und viele Kunden von ihrer Idee überzeugen konnte, darauf ist die Einzelhändlerin stolz. Sie will jetzt „noch einmal Vollgas geben und ein schönes Ende für alle finden“. Nach einem Nachfolger hat sie nicht gesucht, sie möchte das Kapitel „Chez Ginette“ abschließen und wird sich vermutlich auch eine neue Anstellung suchen.